BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR/Thies Marsen
Bildrechte: BR/Thies Marsen

Hüseyin Bayri hat das OEZ-Attentat knapp überlebt. Nur ein Zufall hat sein Leben gerettet. Seit dem traumatischen Ereignis versucht er, zurück in sein altes Leben zu finden – bisher vergeblich. Zu übermächtig sind die alten Bilder in seinem Kopf.

1
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

OEZ-Attentat: Die Bürde, überlebt zu haben

Hüseyin Bayri hat das OEZ-Attentat knapp überlebt. Nur ein Zufall hat sein Leben gerettet. Seit dem traumatischen Ereignis versucht er, zurück in sein altes Leben zu finden – bisher vergeblich. Zu übermächtig sind die alten Bilder in seinem Kopf.

1
Per Mail sharen
Von
  • Thies Marsen

Vor fünf Jahren, am 22. Juli 2016, wird München von einer brutalen Gewalttat erschüttert: Ein 18-Jähriger eröffnet vor dem Olympia-Einkaufszentrum im Norden der Stadt das Feuer. Gezielt schießt er auf Menschen mit Migrationshintergrund. Acht Jugendliche und eine 45-jährige Mutter sterben.

Hüseyin Bayri hat überlebt, doch er bekommt die Geschehnisse von damals nicht aus dem Kopf. "Ich habe immer wieder diese Bilder vor Augen, auch tagsüber", erzählt der 34-Jährige. "In meinem Kopf spielt sich das Attentat immer wieder ab. Ich sehe mich von oben aus der Vogelperspektive, wie ich daliege und der Attentäter in meine Richtung kommt und mit der Waffe auf mich zielt."

Der 22. Juli 2016 – der Tag der alles verändert hat

Hüseyin Bayri ist verheiratet und dreifacher Familienvater. Vermutlich würde er heute ein ganz normales, glückliches Leben führen, hätte er nicht am Abend des 22. Juli 2016 auf dem Weg nach Hause spontan einen kleinen Umweg mit dem Fahrrad gemacht – vorbei am Olympia-Einkaufszentrum, wo ihm ein junger Mann freundlich Platz macht, um ihn vorbeizulassen.

"In dem Moment, als er auf die Seite getreten ist, ist er plötzlich zusammengebrochen. Davor habe ich Schüsse gehört, aber in dem Moment habe ich natürlich nicht gedacht, dass das Schüsse sind. Denn München ist doch die sicherste Stadt der Welt."

"Ich habe mir gewünscht, ich hätte drei Hände"

Heute weiß Hüseyin Bayri, dass der junge Mann Giuiliano hieß, 19 Jahre alt war und aus dem im Münchner Stadtteil Hasenbergl stammte. Der OEZ-Attentäter hat drei Mal auf ihn geschossen. Hüseyin Bayri sieht das Blut und überlegt nicht lange: "Mein Körper hat schneller reagiert als mein Verstand. Ich hab mein Fahrrad hingeschmissen und hab versucht, seine Einschusslöcher zuzuhalten, damit er nicht verblutet. Er hatte drei Einschusslöcher, und ich habe ja nur zwei Hände. Ich habe mir gewünscht, ich hätte drei Hände."

"Dann habe ich in den Lauf geschaut"

Verzweifelt versucht Bayri den Sterbenden wach zu halten. Er redet mit ihm, stellt ihm Fragen: Wie er heißt, wo er wohnt, ob er eine Freundin hat. Noch während er um das Leben von Giuiliano kämpft, hört er plötzlich wieder Schüsse, die immer lauter werden. "Dann habe ich mich nach links umgedreht, hab den Täter einen Meter, eineinhalb Meter vor mir gesehen. Und dann habe ich in den Lauf geschaut."

Hüseyin Bayri ist sich sicher, dass er nun sterben wird. Er dreht sich weg vom Täter, hin zum sterbenden Giuiliano. "Und dann habe ich dieses Klicken gehört, zwei mal. Und dann war ich ohnmächtig."

"Ich sehe mich nicht als Held"

Polizisten sind es, die Bayri wieder wachrütteln. Als erstes zieht er seine Kleidung aus, um nach Wunden zu suchen. Doch er ist unverletzt. Das Magazin des Attentäters ist offenbar leer gewesen, deshalb hat Hüseyin Bayri überlebt, der 19-Jährige Giuiliano dagegen ist in seinen Armen gestorben. "Die Medien haben mich einen Helden genannt, aber ich sehe mich gar nicht als Held", sagt er stockend, "weil ich habe es nicht geschafft, ihn zu retten."

Immer wieder kommen die Bilder hoch

Hüseyin Bayri ist bis heute in psychologischer Behandlung und wird von der Münchner Opferberatungsstelle Before betreut. Nur langsam findet er in ein normales Leben zurück. Am meisten wünscht er sich, er könne einfach mal an nichts denken – ohne dass sofort die Bilder von damals wieder hochkommen.

Jetzt, zum fünften Jahrestag des OEZ-Attentats, geht es ihm wieder schlechter. Und trotzdem wird er bei der Gedenkfeier heute wieder am Tatort sein – dort, wo Giuiliano in seinen Armen starb. Er komme oft hierher, sagt er. "Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, stehe ich um zwei, drei Uhr nachts auf. Dann gehe ich zu dem Ort, wo es passiert ist, wo ich neben Giuiliano lag. Ich gehe mitten in der Nacht dorthin und stehe drei, vier Stunden einfach dort und rauche eine Zigarette nach der anderen. Wenn ich dort bin, das beruhigt mich irgendwie. Ich stehe einfach so da und schaue auf den Boden."

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!