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Öffnung nach über 100 Tagen: Die Therme Erding und Corona | BR24

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Mit 1,8 Mio. Gästen war die Therme Erding letztes Jahr die größte Besucherattraktion Bayerns. Wo normal tausende Gäste planschen, herrscht gähnende Leere. Rutschen, Saunen, Hotel: alles verlassen. Wie meistert die Therme die Corona-Krise?

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Öffnung nach über 100 Tagen: Die Therme Erding und Corona

Die Therme Erding war seit ihrer Eröffnung vor über 20 Jahren jeden Tag geöffnet, bis zum Freitag, den 13. März 2020: Dann kam die Anordnung, das Bad mit sofort zu schließen. An diesem Donnerstag, 103 Tage später, darf die Therme wieder öffnen.

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Nicht einmal Neuschwanstein hat so viele Besucher wie die Therme Erding: Mit 1,8 Millionen Gästen war sie letztes Jahr die größte Besucherattraktion Bayerns. Aber wo vor der Schließung schon mal 10.000 Gäste pro Tag planschten, herrscht seit Monaten gähnende Leere. 27 Rutschen, 35 Saunen und Dampfbäder, 5.000 Quadratmeter Wasserfläche, das angeschlossene Hotel: alles verlassen. Die "größte Therme der Welt" wird von jetzt auf gleich zur Geistertherme.

Gut 100.000 Euro Einbußen pro Tag

Was heißt das in Zahlen? Tägliche Einnahmen von gut 100.000 Euro bleiben aus. Auch die meisten der 1.000 Angestellten werden ab dem Moment der Schließung in der Therme nicht mehr benötigt. Für Jörg Wund, den Erfinder, Architekten und Inhaber der Therme, ist es ein herber Schlag. Nicht nur sein Lebenswerk ist in höchster Gefahr: Er trägt auch die soziale Verantwortung für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dem Chef beschert das schlaflose Nächte.

Eine Entscheidung für die Zukunft

Doch die anfängliche Schockstarre währt nur kurz: Jörg Wund muss zwar 70 Prozent seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, doch gemeinsam mit einem Rumpfteam beschließt er, die Zwangspause zu nutzen, um das Spaßbad fit für die Zeit nach Corona zu machen. Er hat eine schwierige Entscheidung getroffen: Investieren, trotz Lockdown. 25 Millionen Euro kosten die Revisionsarbeiten, Reparaturen und Verschönerungen, die er nun zum Teil vorzieht. Zweifel sind zum Zeitpunkt des Entschlusses durchaus angebracht – schließlich weiß Anfang April noch niemand, wie lange der Lockdown anhalten wird.

„Es ist eine große Überwindung, jetzt zu investieren. Aber das Leben wird weitergehen. Wir waren sehr, sehr erfolgreich. Wir waren Marktführer. Die Therme Erding hat einen ganz hohen Ruf. Und ich muss diese Zeit doch besser nützen, als daheim zu sein und den Kopf in den Sand zu stecken. Sondern ich muss doch die Zeit nützen, um alles wieder auf Vordermann zu bringen, damit man mit einem perfekten Bad, einer perfekten Therme wieder an den Start gehen kann.“ Jörg Wund, Inhaber Therme Erding

Mitarbeiter für Renovierungen eingesetzt

Für zwei bis drei Monate in etwa könne die Therme trotz Lockdown finanziell durchhalten – so rechnet Jörg Wund am Anfang der Schließung. Denn sein erfolgsverwöhntes Spaßbad hat opulente Rücklagen angehäuft. Jetzt geht es ans Ersparte. Über Wochen herrscht dort, wo normalerweise die Gäste in den Rutschen jauchzen, in den Saunen schwitzen oder sich an der Poolbar amüsieren, Baustellenlärm. Statt nur externe Handwerker einzusetzen, lässt Jörg Wund Mitarbeiter mit Vorkenntnissen und handwerklichem Geschick ran. Denn der Chef weiß: Viele haben verborgene Talente und die kann er hier gut gebrauchen. So bleibt etwa einem Drittel der Mitarbeiter die Kurzarbeit erspart.

"Jedem von uns wurde zugesichert, dass der Arbeitsplatz bestehen bleibt. Wir hoffen natürlich alle, dass die Krise jetzt dann so schnell wie möglich wieder vorbei ist." Tristan Schütz, Leiter Sportbad

Pläne und Konzepte – von der Politik ignoriert?

Während die Renovierungen laufen, macht sich die Geschäftsleitung viele Gedanken darüber, wie es nach dem Lockdown weitergehen kann. Welche Auflagen wird es geben? Wie viele Einbußen wird das Unternehmen stemmen müssen? Jörg Wunds Team tüftelt, entwirft Hygienekonzepte, macht Pläne und Backup-Pläne, rüstet die einzelnen Bereiche um, schiebt Liegen auseinander, bringt Plexiglaswände an, rechnet, wie viele Besucher ins Bad dürfen, um den Abstand zu gewähren und wie es mit der Sauna laufen könnte. Die Wochen vergehen und die Zeit bringt Erkenntnisgewinn in Sachen Corona. Schließlich machen die Infektionszahlen Hoffnung und die Bayerische Staatsregierung gibt immer mehr Lockerungen bekannt – doch der Hallenbad-Bereich bekommt lange keine Perspektive. Und auch Wunds ausgeklügeltes Konzept findet offenbar keine Beachtung. Wird sein Mut letztlich von der Politik "bestraft"?

Unruhe macht sich breit

Nicht nur unter den Angestellten, sondern auch bei den Stammgästen wächst Anfang Juni die Ungeduld. Einige haben bereits ihre Thermencard zurückgeschickt und um Auszahlung des Guthabens gebeten. Die Therme Erding geht in die Offensive, lädt Multiplikatoren zur Besichtigung ein, veröffentlicht Filme, die Thermenfans hinter die geschlossenen Türen ihres Lieblingsbades schauen lassen. Die Begeisterung für die Therme soll am Leben erhalten bleiben.

Hoffen statt klagen

Endlich kommt eine Zusage. Anfang Juni gestattet das Landratsamt eine reine Öffnung des Außenbereichs – für die Therme sind die formulierten Auflagen jedoch nicht umsetzbar. Jörg Wund müsste noch viel mehr Geld investieren, um nur für ein paar Wochen zum Beispiel neue Außenduschen zu installieren. Er entschließt sich, das Bad geschlossen zu lassen. Klagen, wie es mittlerweile viele andere tun, will Wund aber nicht.

"Ich bin ein ganz großer Gegner von Klagen. Ich finde, man muss zusammenarbeiten. Es wird ja auch ein Leben nach der Pandemie geben. Wir sind seit über zwanzig Jahren hier in Erding, wir werden noch sicher weitere zwanzig, dreißig Jahre hier sein. Ich glaube, da ist die Klage der falsche Weg. Ich setze auf die Vernunft der Politiker." Jörg Wund, Inhaber Therme Erding

Es war wohl der richtige Ansatz: Nur wenige Tage später kommt die erlösende Nachricht, dass die Therme öffnen darf. Am Donnerstag (25. Juni) ist es nun so weit. Nach 103 Tagen Schließung.

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