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Obdachloser bewacht Krippe in Neu-Ulm | BR24

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In Neu-Ulm kennt ihn fast jeder - vom Sehen. Denn mit obdachlosen Menschen spricht kaum einer. Oftmals bedarf es nur einer kleinen Aufgabe, um sich wieder wie ein Mensch zu fühlen. In Neu-Ulm hat ein Mensch diese Aufgabe gefunden.

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Obdachloser bewacht Krippe in Neu-Ulm

In Neu-Ulm kennt ihn fast jeder - vom Sehen. Wolfgang ist obdachlos, aber seit drei Jahren auch offizieller Krippenwächter. Seinetwegen ist die Petruskirche auch in der Weihnachtszeit geöffnet, wenn die wertvollen Krippenfiguren aufgestellt sind.

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Wenn Wolfgang die Kirche betritt, dann nimmt der obdachlose Mann die Mütze ab, schnappt sich sein Buch und setzt sich gleich neben die Weihnachtskrippe. Dort bleibt er jeden Tag von neun Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags. Mittags geht er raus, dann sperrt er die Kirche ab. Wolfgang ist der Wächter der Weihnachtskrippe in der Petruskirche in Neu-Ulm. "Wenn ich hier vor der Krippe stehe, dann habe ich Gesellschaft. Ab und zu kommen auch Leute rein und dann bin ich auch gerne bereit ein bisschen was zu erzählen. Mir macht das Spaß."

Vertrauen der Petrusgemeinde

Die Figuren auf die Wolfgang aufpasst, sind viele tausend Euro wert. Wolfgang selbst hat keine weltlichen Reichtümer. Der bärtige Mann besitzt kaum mehr als seine Tasche und seinen grünen Winter-Mantel. Aber er besitzt er das Vertrauen der Menschen in der Petrusgemeinde. Sie haben Wolfgang gefragt, ob er nicht auf die wertvollen Figuren aufpassen mag. Als Bezahlung gibt es täglich ein warmes Mittagessen.

Ein Zuhause für Wolfgang

Als Wolfgang vor rund drei Jahren in die Gemeinde kam, fragte ihn Gisela Altschäffl, die 25 Jahre lang im Kirchenvorstand war: "Früher hat man Leute gesucht, die sich mit rein setzten, das hat ganz schlecht geklappt." Seit Wolfgang da ist, funktioniert es reibungslos. In der Petrusgemeinde, sagt Wolfgang, hat er sein Zuhause gefunden, Menschen, die ihn akzeptieren, wie er ist.

Kein unsichtbarer Obdachloser mehr

Das war nicht immer so. Elf Jahre lang saß er als politischer Häftling in Gefängnissen der DDR, auch im berüchtigten Bautzen. Der Grund: Er wollte fliehen. Seine Familie hatte ihn verraten. Wolfgang wurde weggesperrt. Heute eine sinnvolle Aufgabe zu haben und ein freundliches Wort zu hören, das ist sein Lohn für das Wächteramt an der Krippe. Wolfgang ist nicht mehr der unsichtbare Obdachlose und fachsimpelt mit den Besuchern der Petruskirche über die Krippe.

Wolfgang wird die Krippe noch bis Maria Lichtmess am 2. Februar bewachen. Er hat seine Aufgabe gefunden: "ich habe die erste Zeit draußen vor der Kirche geschlafen, da habe ich eine Stimme gehört, die gesagt hat, 'du wirst hier gebraucht'. Seither bin ich da."