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Nürnberger Sex-Arbeiterinnen in Existenznöten | BR24

© picture alliance / dpa / Daniel Karmann

Corona-Zeiten: Die Bordelle in der Nürnberger Frauentormauer sind geschlossen.

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    Nürnberger Sex-Arbeiterinnen in Existenznöten

    Seit Mitte März liegt das Geschäft mit käuflicher Liebe brach. Bordelle mussten schließen. Frauen, die in den Laufhäusern normalerweise arbeiten, stecken in Existenznöten. Das spiegelt die Situation an der Nürnberger Frauentormauer wider.

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    Unweit der Nürnberger Fußgängerzone, in der Frauentormauer, präsentieren sich normalerweise die Prostituierten in den Fenstern der Laufhäuser. Tag und Nacht boomt hier das Geschäft mit käuflichem Sex. Die Frauen präsentieren sich in den Fenstern der Laufhäuser und warten auf Kundschaft. Doch wegen der Corona-Krise ist auch hier seit Mitte März alles dicht. Die Fenster sind verwaist. Alle Bordelle mussten schließen.

    Schließung der Laufhäuser als schlechter Traum

    Kerstin ist 55 Jahre alt und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Prostituierte. An den verlassenen Laufhäusern vorbeizugehen – das fühlt sich für sie noch immer an wie ein schlechter Traum, aus dem sie ganz schnell erwachen möchte. "Als dann feststand, dass die Häuser alle geschlossen werden, war natürlich der erste Gedanke: Mein Gott, wie soll denn das weitergehen. Ich muss ja irgendwann wieder ein Geld verdienen."

    Ohne Einnahmen und Wohnung

    Wie sie sagt, gehe es ihr im Vergleich zu vielen anderen Prostituierten im Moment noch gut. Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und über die Jahre Rücklagen gebildet. Sie weiß aber von Kolleginnen, die durch den Shut-Down in der Rotlichtbranche gar nichts mehr haben. Viele könnten sich nicht einmal eine Wohnung leisten, so Kerstin. Hilfe bekommen sie jetzt oft nur von den Bordellbesitzern.

    "Also, gearbeitet werden darf ja nirgends. Die Häuser sind zu. Aber soweit ich weiß, gibt’s Kolleginnen, die zum Teil in den Bordellbetrieben wohnen, weil sie nicht mehr schnell genug in ihre Heimatländer zurückgekommen sind.", Kerstin, Prostituierte aus Nürnberg

    Im Stich gelassen

    Anspruch auf Corona-Soforthilfe haben die Prostituierten meist nicht. Vielen bleibt lediglich die Möglichkeit Hartz-IV zu beantragen. Doch der Großteil der zumeist aus Osteuropa stammenden Frauen weiß gar nicht, wie man diese Hilfe beantragen muss. Dass ihre Kolleginnen in der aktuellen Krise so im Stich gelassen werden, ärgert Kerstin maßlos.

    "Prostitution ist ein Thema, mit dem sich Behörden ungern beschäftigen und jetzt im Moment sich mal wieder keiner für irgendwas im Speziellen zuständig fühlt." Kerstin, Prostituierte aus Nürnberg

    Manuela Göring von der Beratungsstelle Kassandra in Nürnberg bekommt derzeit täglich Nachrichten und Anrufe von verzweifelten Sex-Arbeiterinnen, die keinen Cent mehr in der Tasche haben. Auch Kerstin berichtet ihr immer wieder von Schicksalen junger Kolleginnen, die durch die Corona-Krise auf der Straße stehen. Manuela Görings Befürchtung: Viele Prostituierte könnten aus purer Not illegal anschaffen gehen und damit ein großes Risiko eingehen.

    "Wenn sich die Frau aus einer Not heraus gezwungen fühlt, das zu tun, dann ist sie auch angreifbarer, dann macht sie vielleicht Dinge, die sie sonst nicht machen würde. Eben aus der finanziellen Not heraus." Manuela Göring, Beratungsstelle Kassandra, Nürnberg

    Manuela Göring befürchtet, dass die Mädchen dann vielleicht für weniger Geld arbeiten und eher gesundheitliche Risiken übergehen, weil sie sagen: "Ich bin darauf angewiesen, der will jetzt ungeschützt, dann muss ich mich halt darauf einlassen." Oder, dass die Frauen an unsicheren Orten Gewalt ausgesetzt sind.

    Sex mit Mundschutz?

    Die Prostituierten hoffen, dass es auch für ihre Branche bald Lockerungen gibt und sie endlich wieder Geld verdienen können. Für Kerstin ist es sogar vorstellbar, künftig auch beim Sex-Geschäft mit Mundschutz zu arbeiten. Etwa in einem SM-Studio, dort sei alles machbar, so Kerstin. "Warum sollte da der Mundschutz nicht gehen? Und bei normalem Geschlechtsverkehr … Mein Gott, ein Kondom zieht man ja auch automatisch an. Warum sollte man dann keinen Mundschutz anziehen?"

    Doch die Lockerungen für das Sex-Geschäft müssten sehr bald kommen. Denn Kerstin weiß, dass es nicht nur vielen Frauen in der Branche schlecht geht. Auch viele Bordellbesitzer stehen wohl schon jetzt kurz vor der Insolvenz.

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