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Nürnberger Schülerprojekt: Jüdische Familiengeschichte als Comic | BR24

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Schüler des Dürer-Gymnasiums in Nürnberg haben sich in einem P-Seminar sehr intensiv mit der Geschichte einer jüdischen Familie befasst, die in den 1930er-Jahren in Gostenhof lebte. Das Ergebnis ihrer Arbeit durften sie in Brüssel präsentieren.

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Nürnberger Schülerprojekt: Jüdische Familiengeschichte als Comic

Die Geschichte einer jüdischen Familie aus Nürnberg haben Schüler des Dürer-Gymnasiums recherchiert. Sie erzählen das Schicksal in einem Comic. Bei Besuchen in Nürnberg und Brüssel haben sich beide Seiten kennen gelernt.

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Die Geschichte des Schülerprojektes beginnt im Juli 2017 im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses in Nürnberg-Gostenhof. Ein 60-jähriger Arzt aus Brüssel hatte die Adresse in den Unterlagen seiner Großeltern gefunden. Alain Jesuran wollte den Ort ausfindig machen, an dem sein Vater geboren wurde und die Großeltern in den 1920er-Jahren einige glückliche Jahre verbrachten.

Schüler recherchieren Fakten in den Archiven

Die neuen Hausbesitzer sind elektrisiert und bitten das Nürnberger Dürer-Gymnasium um Unterstützung bei der Recherche. Neun Schülerinnen und Schüler durchforsten die Archive nach der Familie Jesuran und finden Heiratsurkunden, eine Gewerbeanmeldung, Kaufverträge. Sie gehen die wenigen Dokumente durch, die im Familienbesitz erhalten sind. So gibt es ein Tagebuch des Onkels, der als Bub in Nürnberg zur Schule ging und später in Auschwitz ermordet wurde.

© Gemeinschaftsproduktion: Alex Mages / P-Seminar des Dürer-Gymnasiums

Das Cover des Comic "Jesuran", der die Geschichte einer jüdischen Familie erzählt, entwickelt von Schülerinnen und Schülern des Dürer Gymnasiums.

Verfolgung und jahrelange Flucht

Die Großeltern Jesuran betrieben in den 1920-er Jahren einen erfolgreichen Textilienhandel. Doch die Diskriminierungen in Nürnberg nehmen zu. Im Park sind "Hunde und Juden verboten". Die Familie Jesuran verkauft im Jahr 1932 ihr Haus deutlich unter Wert und verlässt die Stadt. Es folgt eine jahrelange Flucht mit den drei Kindern. Frankreich, Israel, Belgien. Sie verlieren sich aus den Augen, verstecken sich in feuchten Kellern. Bis der Krieg vorbei ist.

Neuanfang in Brüssel

Die Jesurans lassen sich mit den zwei überlebenden Buben in Brüssel nieder. Sie eröffnen einen Laden. Die Söhne gründen Familien, es werden vier Enkel geboren. Einer davon ist Alain Jesuran. Sein Vater sollte nie über diese Zeit sprechen, dessen jüngerer Bruder schreibt die Erinnerungen über das Überleben in Verstecken kurz vor dem Ende seines Lebens nieder.

© BR/Ulrike Lefherz

Interview der Schülerinnen und Schüler des Dürer-Gymnasiums mit Nachkommen der Familie Jesuran

Nachkommen besuchen Nürnberg

Im Dezember 2018 kommt es zur persönlichen Begegnung der Schüler mit den Nachkommen der jüdischen Familie. Eine Delegation von fünf Jesurans aus drei Generationen kommt aus Belgien und Frankreich nach Nürnberg. Die Schüler des Dürer-Gymnasiums führen lange Interviews. Im Haus in der Volprechtstraße veranstalten die neuen Hausbesitzer zusammen mit den Schülern, der Familie und einigen Freunden eine Shabbat-Feier und ein Konzert mit jüdischer Live-Musik. Es ist ein bewegender Abend, zahlreiche Tränen fließen.

"Ich habe gedacht, in Nürnberg ein Kapitel der Familiengeschichte abschließen zu können. Stattdessen hat sich eine neue Tür aufgetan. Für uns ist das ein Wunder." Alain Jesuran

Recherchen als Comic

Auf die Schüler kommt nun die schwierige Aufgabe zu, die Fakten anschaulich aufzubereiten und in die historischen Ereignisse einzubetten. Comic-Künstler Alex Mages soll die Geschichte in Bildern umsetzen, die Dialoge schreiben die Schülerinnen und Schüler, so Lina Das: "Er hat uns Tipps gegeben. Zum Beispiel, dass wir wichtige Ereignisse auf einer Doppelseite zusammenfassen." Am Ende kommen 36 Seiten einer spannenden Geschichte heraus, die mitnimmt und ergreift.

Präsentation in Brüssel

Eine kleine Delegation aus Nürnberg präsentierte den fertigen Comic im November 2019 in Brüssel vor der versammelten Großfamilie. Es kam zu vielen langen Gesprächen mit einigen der elf Jesuran-Urenkel. Sie sind Mediziner, Anwälte, Psychiater, Theatermacher.

"Ich bin mit einem Erbe geboren, das ich mir nicht ausgesucht habe. Wir sind die Opfer des Holocaust. Ich war neugierig zu erfahren, wie die andere Seite, die der Täter, mit ihrem Erbe lebt." Alexis Danan, Urenkel der Jesurans

Unvergessliche Erfahrung

Für die Schüler des Dürer-Gymnasiums bleibt die Mitarbeit im Projekt eine unvergessliche Erfahrung. Vor allem die Begegnung mit den Nachkommen der Familie wird im Gedächtnis bleiben.

"Man liest Fakten über die Geschichte in Büchern. Aber diese herzlichen Menschen kennen zu lernen, die so gastfreundlich sind und so nett mit dir sprechen. Und mitzubekommen, dass ihnen auch sowas widerfahren ist, ist eine ganz andere Erfahrung." Lina Das, Schülerin Dürer-Gymnasium

Angst vor Antisemitismus

Die Schüler aus Nürnberg und die Familie Jesuran teilen ähnliche Sorgen. Dass Antisemitismus in ganz Europa wieder zunimmt, alte Vorurteile wieder aufgewärmt werden. Lina Das, die Tochter von Einwanderern aus Indien und Pakistan: "Wir sollten Unterschiede nicht als etwas Negatives sehen. Es gibt sie, aber lasst uns etwas Positives daraus machen." Auch Alain Jesuran hofft, dass die angestoßenen Impulse durch das Schülerprojekt Kreise ziehen.

"Wir haben zwar nicht die gleiche Vergangenheit, aber die gleiche Zukunft." Alain Jesuran
© Gemeinschaftsproduktion: Alex Mages / P-Seminar des Dürer-Gymnasiums

Doppelseite des Comic "Jesuran", entworfen von Schülerinnen und Schülern des Dürer Gymnasiums gemeinsam mit dem Künstler Alex Mages.

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