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Bildrechte: picture alliance/Timm Schamberger

Wie umgehen mit NS-Architektur? Diese Frage stellt sich auch der Stadt Nürnberg in Bezug auf die Zeppelintribüne.

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Nürnberg ringt um richtigen Umgang mit NS-Relikt

Seit der Eröffnung des Nürnberger "Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände" 2001 wird diskutiert, wie mit der maroden Zeppelintribüne umgegangen werden soll. Die Stadt hat sich für die Instandhaltung entschieden. Doch die Debatte geht weiter.

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Von
  • Stanislaus Kossakowski

Das Zeppelinfeld mit seiner mächtigen Tribüne war der Mittelpunkt von Adolf Hitlers Reichsparteitagen. Es war das Aufmarschgelände der NSDAP bis 1938. Der "Führer" hatte sich im Nürnberger Osten eine gigantische, auf ihn als Redner zugeschnittene Anlage errichten lassen. Auf den Rängen standen die Massen und jubelten dem Führer zu. Der verkündete dort die antisemitischen "Nürnberger Rassengesetze" und wiegelte das Volk zum Weltkrieg auf. Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Alliierte sprengten riesiges Hakenkreuz

An der historischen Last trägt die Stadt Nürnberg bis heute. Und auch an den baulichen Altlasten der NS-Herrschaft. Denn trotz des verheerenden Bombardements auf Nürnberg 1945 blieb der Großteil des Reichsparteitagsgeländes stehen. So auch die Zeppelintribüne und das zugehörige Zeppelinfeld. Berühmt wurde das Bild von der Sprengung des riesigen Hakenkreuzes auf dem Dach der Zeppelintribüne durch die Alliierten. 22 Jahre später beseitigte die Stadt die lange Säulengalerie links und rechts von der Mittelhalle.

Stadt will bröckelnde NS-Ruinen instand halten

Der Rest des Baus steht heute noch, aber verfällt zusehends. Große Wasserschäden, abbröckelnde Steinplatten und Birkenwuchs zwischen den Tribünenstufen setzen den baulichen Hinterlassenschaften des NS-Regimes zu. Doch wie mit umgehen mit der architektonischen Altlast, die seit 1973 auch noch unter Denkmalschutz steht? Erhalten, umbauen, verfallen lassen, abreißen? Die Stadt Nürnberg hat sich in einer Grundsatzentscheidung und im Zuge der Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 auf den "Bestandserhalt" der Ruinen festgelegt, also die Instandhaltung.

Zeppelintribüne wird Teil des Doku-Zentrums

Zeppelintribüne und Zeppelinfeld sollen dann ein Teil der Ausstellung des nahen Dokumentationszentrums sein. 85 Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Die Finanzierung durch Bund, Land und Stadt ist bereits gesichert. Besucherinnen und Besucher sollen dann nicht nur die Architektur betreten und besichtigen können. Hitlers steinerne Hinterlassenschaften sollen vor allem Lernobjekte sein, mit denen man sich intensiv auseinandersetzen soll.

Die Stadt setzt dabei auf reichlich Wissensvermittlung. Vermittelt werden soll die Geschichte des Ortes in und nach der NS-Zeit. Unter anderem sollen auch die Militarisierung der Gesellschaft und die Wirkung von Propaganda beleuchtet werden, sagt Annekatrin Fries, die die städtische Stabsstelle Zeppelintribüne und Zeppelinfeld leitet.

"Es geht uns darum, die Geschichte des Ortes, Geschichte während der NS-Zeit, die Zeit danach, den Umgang damit bis heute zu vermitteln. Das Gelände ist am Ende ein begehbares Exponat, wo ich anhand von Zeitspuren Geschichte vermitteln kann. Auch der Nachkriegszeit, der Sprengungen, der verschiedenen Nutzungen." Annekatrin Fries, Stabsstelle Zeppelintribüne/-feld der Stadt Nürnberg

Annekatrin Fries betont: Beim Renovieren massenhaft abgeplatzter Natursteinplatten, massiver Wasserschäden und porösem Boden gehe es nicht um ein Aufhübschen oder gar um einen Wiederaufbau der Gebäude. Im Zentrum stehe vielmehr das Anschaulich- und Begreifbarmachen. "Ich kann nur das vermitteln, was ich betreten, was ich sehen kann", ist die Stabsstellenleiterin überzeugt.

Aufwändiges Bildungskonzept für eine "demokratische Aneignung"

Ein aufwändiges didaktisches Konzept soll die Besucherinnen und Besucher auf dem Zeppelinfeld nicht nur kognitiv erreichen, sondern auch auf sinnlich-emotionaler Ebene. Etwa, wenn es ums schaurige Erahnen des mächtigen Effekts geht, sich in der Volksmasse mitreißen zu lassen. Der Anspruch laute, sich die historischen Überreste der NS-Zeit demokratisch anzueignen, erläutert Annekatrin Fries.

Architekt kritisiert Fortbestand des "toxischen Geists"

Das ist eine Idee, gegen die der renommierte Nürnberger Architekt Thomas Glöckner keine Einwände hat. Wohl aber ist er gegen den Plan, die Gebäude einfach nur instand zu setzen. Glöckner findet: Eine Erhaltung des Bestands mache nichts mit den Gebäuden. Sie würden architektonisch unkommentiert stehen bleiben und weiter ihren "toxischen Geist" verbreiten. Thomas Glöckner möchte die Zeppelintribüne dagegen mit einem riesigen Glaskubus überbauen. Ein von ihm unaufgefordert vorgelegter Entwurf findet in der Öffentlichkeit derzeit große Beachtung.

"Um Inhalte dort zu vermitteln, muss man meiner Meinung nach diesen Bestand überformen und durchdringen und muss die Maßstäbe brechen! Das Ganze weiterbauen ohne zu Ästhetisieren. Raue Architektursprache. Und die Aussage, die letztlich dahintersteht lautet: Unsere Demokratie ist stark, sie ist selbstbewusst ohne Hybris." Thomas Glöckner, Architekt

Unter dem flachen Glasdach des Kubus sollen nach dem Architektenentwurf Räumlichkeiten entstehen. Thomas Glöckner könnte sich dort ein Institut für politische Bildung vorstellen. Auch ein Konzertsaal oder ein Theaterbau könne dort oben untergebracht werden. Die Unterseite solch eines Saals würde 50 Zentimeter über der Führerkanzel schweben, von der aus Hitler seine Hassreden hielt.

Keine Selfies von der Führer-Kanzel mehr

So könne die Zeppelintribüne "ein guter Ort" werden, hofft Glöckner. Ein Ort, der Demokratiebildung fördert. Und ein Ort, an dem sich vermeiden lasse, was bislang mitunter doch passiert: Dass Menschen den Ort mystifizieren, Selfies von der Führerkanzel in die Welt schicken oder gar einen rechtsextremen Fackelzug auf der NS-Kulisse abhalten.

Zeppelinfeld war vor den Nazis ein Naherholungsort

Gegen jede Form der Mystifizierung ist auch der Autor und Philosoph Reinhard Knodt. Er könne sich deshalb auch vorstellen, die Nazi-Hinterlassenschaften gänzlich verfallen zu lassen. Knodt schlägt vor, dass die Stadt an das anknüpft, was sich vor dem ersten Spatenstich der Nationalsozialisten auf dem weitläufigen Areal befand. Nämlich an ein weitläufiges Freizeitgelände mit vielen Teichen, Spazierwegen und Restaurants. Dort könne man sogenannte "Gärten der Welt" anlegen, schlägt er vor.

"Gärten der Welt" auf Hitlers Aufmarschfeld

Reinhard Knodt hat dabei die gleichnamigen Schaugärten im Berliner Stadtteil Marzahn vor Augen. Besucherinnen und Besucher können dort Gartenanlagen aus verschiedenen Kulturen bestaunen und genießen. In Nürnberg könnten es die zahlreichen internationalen Partnerstädte der Stadt sein, die Gärten anlegen, dort, wo Hitler zu Rassenhass und Ausgrenzung aufwiegelte. Das wäre eine wirkliche Gegenmaßnahme zu dem, was früher auf dem Reichsparteitagsgelände passiert ist, sagt Knodt.

"Weil man dort 'Herumlaufen in den Gärten' verbinden kann mit den Vergangenheitsruinen. Dann hätte man sozusagen den Vergleich vor Augen. Da würde man von selber begreifen können, dass das Zusammenwirken von Nationen, die gemeinsam kreativ sind, einfach das taugliche Konzept ist – während das Konzept, das mithilfe solcher Instrumente wie dieser Gebäude, die andere Nationen besiegen will, das falsche Konzept ist." Reinhard Knodt, Autor und Philosoph

Unter dem Slogan "Gärten statt Tribüne" stellen sich auf Social-Media-Kanälen bundesweit Unterstützer hinter den Vorschlag für Nürnberger "Gärten der Welt". Anregungen für den künftigen Umgang mit dem NS-Relikt kommen auch aus der Nürnberger Künstlerszene. So bemalte eine anonyme Gruppe vergangenen Herbst die helle Frontseite der Tribüne über Nacht mit acht großen Längsstreifen – in den Farben des Regenbogens. Die ließ die Stadt zwar umgehend wieder entfernen. Aber die Botschaft war gesetzt: "Nicht zuviel Respekt vor dem Nazi-Bau."

Instandhaltung soll erst in zwölf Jahren abgeschlossen sein

Die Diskussion um den künftigen Umgang mit der riesigen NS-Hinterlassenschaft ist also voll im Gang. Und das, obwohl die Stadt Nürnberg mit der Realisierung ihrer Pläne bereits begonnen hat. Aktuell läuft die internationale Ausschreibungsphase. Doch bis zur Fertigstellung dauert es nach Angaben der Stadt noch zehn bis zwölf Jahre. Angesichts der anhaltenden Diskussionen um die Zukunft des Zeppelingeländes erscheint es nicht sicher, ob das Konzept "Bestandssicherung und Demokratie-Bildung" am Ende Wirklichkeit wird.

© BR/Maximilian Albrecht

Die Künstlergruppe teilt im Internet mit, dass die Regenbogenfarben ein Zeichen gegen Homophobie und Fremdenhass setzen sollen.

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Wer hat die Zeppelintribüne in Nürnberg bunt angemalt?

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Die Farbrollen liegen noch im Gras.

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Die Zeppelintribüne in Regenbogenfarben - war es ein Beitrag zur Bewerbung Nürnbergs als Kulturhauptstadt?

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Die Künstlergruppe "Das Werk" bekennt sich dazu. Wer dahinter steckt, ist noch unbekannt. Die Polizei ermittelt.

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