BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance / imageBROKER | Norbert Probst
Bildrechte: picture alliance / imageBROKER | Norbert Probst

Spielzeugmuseum Nürnberg

Per Mail sharen

    Nürnberg: Aktion gegen rassistisches Spielzeug

    Für viel Wirbel sorgte eine Aktion des Nürnberger Spielzeugmuseums: Sieben rassistische Spielzeuge wurden aus der Ausstellung genommen. Fünf Nürnberger aus der Schwarzen Community teilen ihre Sicht mit und stellen Forderungen.

    Per Mail sharen
    Von
    • Annalena Sippl

    "Da fehlen mir einfach nur noch die Worte…", schreibt ein empörter Facebook-User. "Ich finde es schön zu sehen, wie vernünftig mit dem Thema umgegangen wird!", kommentiert hingegen ein anderer. Was hier so polarisiert, ist eine Aktion des Spielzeugmuseums Nürnberg: Nachdem eine Besucherin aus den USA dort vor einiger Zeit ein rassistisches Spielzeug in der Ausstellung entdeckt hatte, handelte das Museum um Leiterin Karin Falkenberg und hat nun sieben Ausstellungsobjekte herausgenommen.

    Aktion des Museums sei "vorbildlich"

    Während der Schritt, das Spielzeug aus der Ausstellung zu nehmen, in den Sozialen Medien sehr gespalten gesehen wird, kommt er bei einigen Menschen aus der Schwarzen Community in Nürnberg grundsätzlich erst einmal gut an. "Ich finde das richtig und wichtig", urteilt der Stadtrat Nasser Ahmed (SPD). Für ihn sei es zwar bezeichnend, dass erst eine US-Touristin den Anstoß bringen musste, denn dies zeige, dass die Sensibilisierung in dem Bereich noch fehle. Dennoch, so Ahmed weiter, sei es "vorbildlich", wie das Spielzeugmuseum nun damit umgehe und "nicht die Augen vor der Kolonialgeschichte verschließt."

    Forderung nach grundsätzlicher Auseinandersetzung

    "Der Kolonialismus ist eines der größten Menschheitsverbrechen mit Millionen Opfern gewesen und es gibt bis heute viele Ungerechtigkeiten und bestehenden Rassismus, der immer noch eine Nachwirkung von damals ist", so Ahmed. Er fordert auch von den "Urenkeln der Täter" eine Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte. "Das geht nicht zu weit, das ist auch keine Drangsalierung. Meiner Meinung nach ist diese Beschäftigung mit seiner eigenen Geschichte und Ungerechtigkeiten eine Frage des Anstands", so der Nürnberger SPD-Politiker.

    Rassistisches Spielzeug: Diskriminierend und herabwürdigend

    Diskriminierend und herabwürdigend seien diese sieben Spielzeuge, eines ist beispielsweise der "Alabama Coon Jigger", eine blecherne Aufziehfigur. Das Wort "Coon" ist in Deutschland fast unbekannt, in den USA jedoch ein Schimpfwort. Der Begriff "Jigger" beschreibe das Wort "Parasit", so Karin Falkenberg, Leiterin des Museums. Die Blechfigur selbst: ein schwarzer Sklave, der zur Belustigung der Weißen tanzt.

    Sie und sechs weitere Figuren sollen nun nicht mehr gezeigt werden, sondern erst bei einer Sonderausstellung im Sommer präsentiert werden – dann aber mit Einordnung. Das Museum plant eine Dekonstruktion der Stücke, will Zusammenhänge aufzeigen und sich auch künstlerisch mit den Spielzeugen auseinandersetzen.

    Viel Unverständnis in den Kommentarspalten

    Einer der Kommentare unter dem Artikel lautete: "Mein Gott, was für ein Quatsch." Andere gehen in eine ähnliche Richtung. Viel Unverständnis liest man dort heraus. Nasser Ahmed appelliert, sich in die Situation von Schwarzen Menschen hineinzuversetzen und mehr miteinander zu reden, als übereinander.

    "Ich habe aufgehört, solche Kommentare zu lesen, aus Selbstschutz", sagt Lena Mariama Meinhold. Wie Amba Kohlschmidt und der Grünen-Stadtrat Paul Arzten gehört sie zur Black Community Foundation Nürnberg (BCF). Erst vor Kurzem hat die Gruppe für ihr Engagement und ihren Einsatz gegen Rassismus einen Preis bekommen.

    "Können nicht empfinden, was wir empfinden"

    Sie richten den Blick vor allem in die Zukunft und wollen nachhaltige Veränderungen, auch wenn das fehlende Verständnis mancher Menschen bei solchen Debatten sie natürlich nicht kalt lässt: "Es schreiben immer die Leute, die keine Ahnung haben, weil sie das nicht empfinden können, was wir empfinden und nicht aushalten müssen, was wir aushalten müssen", so Meinhold.

    Auch Amba Kohlschmidt kennt das: "Der eine Teil hat einfach kein Verständnis dafür, weil er nicht betroffen ist und denkt, man verbietet ihm da etwas. Aber es geht ja nicht darum, etwas zu verbieten, sondern darum, ein besseres Gesellschaftsklima zu schaffen und uns als Black Community zu zeigen, dass akzeptiert wird, dass uns das verletzt und wir nun gehört werden."

    Forderungen an Sonderausstellung

    Mit Blick auf die geplante Sonderausstellung kommen aus der BCF konkrete Forderungen: "Wenn das nur nicht-betroffene Personen planen und die dann sagen, wir haben gut genug recherchiert, um nun darüber sprechen zu können, ist es für mich nicht genug", stellt Amba Kohlschmidt klar. Für die BCF steht fest: es müssen Menschen aus der Schwarzen Community an einer solchen Ausstellung oder ähnlichen Formaten maßgeblich beteiligt sein, denn nur so sei es auch nachhaltig.

    Perspektiven von Betroffenen erfahrbar machen

    Paul Arzten, Stadtrat und Sprecher für Schulpolitik, betont außerdem, dass das Museum ja auch eine "Bildungsinstanz" sei, somit sei eine Einordnung ein absolutes Muss. Er fordert außerdem einen Perspektivwechsel: "Was für das Spielzeugmuseum ganz wichtig ist, ist, dass auch Personen afrodeutscher oder afrikanischer Abstammung davon berichten, wie dieses Spielzeug auf sie wirken kann. Denn dies hat nochmal eine Aussagekraft für Besucherinnen und Besucher, die eben nicht mit dem Schmerz und der Betroffenheit umgehen müssen."

    "Beschämend und beleidigend"

    Den Schritt des Museums befürwortet auch Robert Katianda, Mitglied des Nürnberger Integrationsrates. "Solche Dinge weiter zu zeigen, wäre für mich beschämend und beleidigend. Ich finde das wirklich gut und unterstütze, dass die Gegenstände aus der Ausstellung herausgenommen wurden."

    Ähnlich wie die BCF fordert allerdings auch er dazu auf, die Schwarze Community unbedingt mit einzubeziehen: "Die können uns jederzeit fragen, wir unterstützen gerne", betont der Integrationsrat. "Das verlange ich immer, dass wir miteinander reden. Nürnberg ist eine Stadt der Menschenrechte, ein solcher Austausch wird Nürnberg noch größer und wichtiger machen."

    Spielzeugmuseum will Schwarze Community mit einbeziehen

    Wie genau die Ausstellung im Sommer aussehen soll, wird vom Spielzeugmuseum noch nicht verraten. Doch die Forderung nach einer Beteiligung wird erfüllt, wie Karin Falkenberg, die Leiterin des Museums, auf Nachfrage versichert. "Das wäre anmaßend und das würde auch nicht funktionieren, ohne die Schwarze Community mit einzubeziehen. Das wäre sowohl inhaltlich als auch emotional und ethisch nicht der richtige Weg."

    Meinung der Betroffenen entscheidend

    Zusammen mit Beraterinnen und Beratern aus der Schwarzen Community würde man nun jedes Detail für die Sonderausstellung diskutieren, jedes Objekt besprechen, neu gestalten. "Zeigen wir es, wenn ja wie oder zeigen wir es vielleicht gar nicht mehr, weil es einfach zu fürchterlich ist?", auf solche Fragen seien die Antworten der Betroffenen entscheidend, so Karin Falkenberg.

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!