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Rechtsanwalt Sebastian Scharmer
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Stanislaus Kossakowski
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Rechtsanwalt Sebastian Scharmer

Wer das NSU-Trio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe unterstützte, woher es seine Waffen bekam, wie die Opfer ausgesucht und die Taten geplant wurden – das alles ist bis heute nur sehr lückenhaft geklärt. Sebastian Scharmer, der im zu Ende gegangenen NSU-Prozess einer der Nebenkläger-Anwälte gewesen ist, stellt nun Forderungen, damit die Aufklärung, auf die die Angehörigen der zehn Mordopfer und die Überlebenden der Anschläge so hoffen, vorankommen kann. Nach gemeinsamen Recherchen des BR Studios Franken und den Nürnberger Nachrichten kam es zu einem ausführlichen Interview mit Rechtsanwalt Scharmer. Hier eine Zusammenfassung.

Scharmer: Zschäpes Mitangeklagte kamen glimpflich davon

Zur weiteren Aufklärung der NSU-Terrortaten hat der Berliner Rechtsanwalt Sebastian Scharmer den Generalbundesanwalt aufgerufen, "alle Akten auf den Tisch“ zu legen gerade aus den noch anhängigen Verfahren. Der Jurist erhofft sich davon weiterführende Erkenntnisse. Etwa, wer dem "Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) dessen Waffenarsenal geliefert hat. Scharmer warnt: "Möglicherweise laufen noch heute Mitglieder, Helfer oder Helfershelfer des NSU frei herum und planen die nächsten Taten.“ Immerhin sei der fünfjährige NSU-Prozess außer für Beate Zschäpe für die weiteren vier Angeklagten relativ glimpflich ausgegangen. Das könne verborgen gebliebene Mitglieder des NSU-Netzwerks motivieren.

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt

Vorwürfe: Lügen, Blockade und Verjährung

Sebastian Scharmer vertritt bis heute die Tochter des in Dortmund ermordeten Kioskbesitzers Mehmet Kubaşık. Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk und den Nürnberger Nachrichten wirft Scharmer der Bundesanwaltschaft vor, die noch laufenden Ermittlungsverfahren wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor sich hindümpeln zu lassen. Die Bundesanwaltschaft habe eine vertiefte Aufklärung bislang blockiert. Und die im NSU-Prozess befragten Neonazis hätten dreist gelogen. Nun drohe die Gefahr, dass diese Verfahren bald wegen Verjährung eingestellt werden.

Bundesanwaltschaft in der Kritik

Scharmer beklagt, alle Verfahren, die bei der Bundesanwaltschaft zum NSU-Umfeld seit Jahren anhängig sind, seien "schlicht im Sande verlaufen“. Der Berliner Jurist weiter: "Es gibt keine Anklage. Es gibt eigentlich auch keine Ermittlungen, die diesen Namen verdienen würden. Es ist ganz offensichtlich, dass der Generalbundesanwalt – auch wenn er anderes betonen will – die Sache eigentlich mit diesem Urteil abschließen will.“ Generalbundesanwalt Peter Frank hatte noch im Juli nach dem Ende des NSU-Prozesses beteuert, dass die Ermittlungen zu möglichen Unterstützern fortgesetzt würden. Die NSU-Akten würden nicht geschlossen.

Schild der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe

Schild der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe

Die Spur der Waffen

Der seit über sechs Jahren mit dem NSU befasste Rechtsanwalt Sebastian Scharmer hält es für unwahrscheinlich, dass die Verfassungsschutzbehörden durch ihre V-Männer nichts über den Verbleib und die Aktivitäten des einstigen NSU-Kerntrios erfahren haben. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe waren vor und während der Mordserie insgesamt dreizehn Jahre untergetaucht. Zahlreiche Experten gehen davon aus, dass der NSU mehrere Helfer hatte, die zum Beispiel die Tatorte ausspähten oder Waffen lieferten. Bislang, so Scharmer, sei lediglich die Beschaffung der Pistole Ceska 83 ermittelt worden. Es gebe jedoch knapp zwanzig weitere Waffen, über die das Trio verfügte. Zu den meisten davon seien bislang keine Ermittlungen angestellt worden, kritisiert Scharmer.

Mordwaffe Ceska

Mordwaffe Ceska

Hilfe für den NSU

Dass es in Nürnberg die meisten Morde – nämlich drei – und einen ebenfalls dem NSU zugerechneten Bombenanschlag gab, begründet Scharmer mit der "relativ guten Vernetzung“ der thüringischen und fränkischen Neonaziszene. Zudem sei die geografische Entfernung der beiden Regionen klein. Für die Verfassungsschutzbehörden von Thüringen und Bayern aber sei die Grenze zwischen den beiden Bundesländern aus Zuständigkeitsgründen geradezu unüberwindbar gewesen. Das habe dem NSU und seinen Unterstützern, zu denen nach bisherigen Erkenntnissen auch einige V-Leute zählten, geholfen.

Rechtsanwalt Scharmer warnt vor Schlussstrich

Rechtsanwalt Scharmer warnt eindringlich davor, einen Schlussstrich zu ziehen: "Nur wenn wir wissen, was der NSU für einen Umfang hatte, wie die sich mit Waffen versorgt haben, warum Sicherheitsbehörden sie nicht nachhaltig verfolgt haben, warum sie nicht vorher gestellt wurden – nur wenn wir das wissen und analysieren – können wir (…) mögliche weitere Morde und Anschläge verhindern.“

Mitarbeit: Elke Graßer-Reitzner und Sabine Stoll (beide Nürnberger Nachrichten)