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NSU-Mord an Enver Şimşek: Familie lange zu Unrecht verdächtigt | BR24

© picture alliance /dpa/Daniel Karmann

Die Familie des NSU-Opfers Enver Şimşek steht an einer Gedenktafel am Tatort

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    NSU-Mord an Enver Şimşek: Familie lange zu Unrecht verdächtigt

    Vor rund 20 Jahren wurde der Blumenhändler Enver Şimşek von den Rechtsterroristen des NSU in Nürnberg ermordet. Danach begannen die Ermittlungen der Polizei gegen die Familie Şimşeks - die so zu Opfern in zweifacher Hinsicht wurden.

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    Mitte September 2000 wird Enver Şimşek in Nürnberg von den Rechtsterroristen des NSU ermordet, er ist das erste Opfer der Neonazi-Terrorzelle.

    Şimşek wird 1961 nahe der türkischen Großstadt Antalya geboren. Als 23-Jähriger kam er nach Deutschland und lebte fortan in Hessen. Dort begann er einen Blumenhandel aufzubauen und verkaufte Blumen an verschiedenen mobilen Ständen in ganz Deutschland. Am 9. September 2000 verkauft Şimşek seine Blumen am mobilen Verkaufsstand in Nürnberg-Langwasser. Er vertritt einen Mitarbeiter, der im Urlaub ist. An einem Parkplatz in Nürnberg-Langwasser wird Şimşek mit mehreren Kugeln in Kopf und Oberkörper niedergestreckt und stirbt zwei Tage nach dem Attentat im Klinikum Nürnberg. Der 38-Jährige hinterlässt zwei 13 und 14 Jahre alte Kinder und seine Ehefrau.

    Ermittlungen gegen das Opfer

    Die Kriminalpolizisten in Nürnberg, die den Mord aufklären sollen, ermitteln von vornherein gegen Enver Şimşek und seine Familie. Die Opfer wurden so zu Opfern in zweifacher Hinsicht. In den Ermittlungsakten zum Mordfall, die dem BR vorliegen, wird ersichtlich, wie die Kripo-Beamten arbeiteten.

    Sie versteiften sich auf ihre These, dass Şimşek mit Drogen gedealt haben könnte. "Die wöchentlichen Fahrten in die Niederlande und das Betreiben von Verkaufsständen" in größerer Entfernung führten die Ermittler zur "Vermutung, dass durch die Stände neben Blumensträußen auch Betäubungsmittel vertrieben werden könnten", heißt es in der Ermittlungsakte der Kriminalpolizei.

    Trotz aufwendiger Verfahren wurde nichts gefunden

    Aufgrund dieser Vermutung wurden die Fahrzeuge von Şimşek mit Polizeihunden auf mögliche Rauschgift-Spuren untersucht. Eine Ermittlungsgruppe des Zolls wurde ebenfalls angefordert, um die Transporter auf Spuren von Betäubungsmitteln zu prüfen. Dazu wurden auch aufwendige Stabkameras eingesetzt, um die schwer zugänglichen Hohlräume zu durchleuchten, Gegenstände im Auto mit chemischen Nachweisverfahren auf Rauschgiftspuren untersucht. Gefunden wurde nichts. Enver Şimşek war auch zuvor nicht durch den Kontakt mit Rauschgift auffällig geworden. Dennoch verfolgten die Ermittler diese Spur vehement weiter.

    © Polizei Mittelfranken

    Der Tatort am 9. September 2000. In dem weißen Kastenwagen wurde Enver Şimşek ermordet

    Motiv innerhalb der Familie gesucht

    Weil Enver Şimşek am helllichten Tag mit mehreren Kugeln ermordet wurde, vermuteten die Beamten, dass der oder die Täter innerhalb der Familie zu finden seien. Denn offenbar kam es den Tätern "auf den Tod des Opfers an", zudem ignorierten die Mörder offenbar "die Gefahr bei der Tat entdeckt" zu werden.

    Das alles würde für eine Affekttat innerhalb der Familie sprechen, spekulierten die Kripo-Beamten in der Ermittlungsakte. Obwohl "keine konkreten Vorfälle" innerhalb der Familie bekannt seien, die auf ein Motiv "in Richtung der Familie" deuteten, wurde gegen diese vorgegangen.

    Auffällig: Familie verdächtigte niemanden

    Da die Familienangehörigen sich laut Ermittlungsakte der Kriminalpolizei "mit der Äußerung eines Tatverdächtigen auffallend zurückhielten", wurden sie genau deswegen verdächtigt, einen möglichen Täter innerhalb der Familie zu schützen. Laut Einschätzung des ermittelnden Beamten stand damals fest, "dass die Witwe und die Familie bislang nicht ihr gesamtes Wissen zu möglichen Tathintergründen preisgegeben haben".

    Daher wurden sogenannte "operative Maßnahmen" gegen die Hinterbliebenen eingeleitet. Diese beinhalteten unter anderem die Telefonüberwachung der Witwe, des Bruders und anderer naher Verwandte von Enver Şimşek.

    "Verdächtige Hochzeitsfeier" und erfundene Gerüchte

    Im Rahmen der weiteren Vernehmungen von Angehörigen und Geschäftspartnern des Mordopfers Şimşek griffen die Kriminalbeamten auch auf von ihnen erfundene Gerüchte zurück. So konfrontierten sie den Bruder von einem Geschäftspartner Şimşeks mit der Unterstellung, dessen Bruder hätte anderen gegenüber geäußert, er wolle Şimşek "fertig machen". Tatsächlich aber hatte das zuvor niemand so geäußert. Der Bruder antwortete den Beamten, er könne sich das beim besten Willen nicht vorstellen.

    Die Beamten antworteten: "Jetzt muss logischerweise jemand lügen." Auch für die Hochzeit einer Verwandten Şimşeks interessierten sich die Beamten. "Polizeiliche Ermittlungen" hätten demnach ergeben, dass sie ihre Hochzeit "nur im engsten Familienkreis gefeiert habe" und diese nicht, "wie üblich, im Rahmen einer großen Feier zelebriert wurde". Zuvor wurde sie gefragt, ob sie zu ihrem Onkel Enver Şimşek "eine intime Beziehung" geführt habe.

    © picture alliance / Eibner-Pressefoto

    Semiya Şimşek-Demirtas (Tochter des ersten NSU Opfers Enver Şimşek) bei einem Interview

    Umfangreiche Ermittlungen gegen Geschäftspartner

    Im Rahmen der Ermittlungen gegen das Mordopfer Enver Şimşek und dessen Hinterbliebene wurden auch weitere operative Maßnahmen gegen Geschäftspartner von Şimşek eingeleitet. Verdachtsmoment hier: "Der getötete Şimşek hatte die Telefonnummer des türkischen Blumenhändlers A. (Name abgekürzt, Red.) aus Karlsruhe in seiner Geldbörse mitgeführt".

    Auffällig war für die Beamten, dass "dieser Türke einen Blumengroßhandel betrieb und diesen im Frühsommer 2000 verkauft und schließlich im Frühjahr 2001 wieder zurückerlangt" habe. Sie vermuteten, dass eine "ähnliche Forderung wie bei Şimşek" im Raum stünde. Auch in diesem Fall wurden Telefongespräche des Karlsruher Blumenhändlers überwacht. Allerdings konnten auch hier keinerlei Hinweise "zu den Auftraggebern der Tötung von Şimşek" gewonnen werden.

    Schock für Hinterbliebene sitzt tief

    Das Vorgehen der ermittelnden Beamten war für viele Hinterbliebene eine Tortur. Die Tochter von Enver Şimşek, Semiya Şimşek-Demirtas, sprach im Interview mit der ARD von einer Erleichterung, als herauskam, wer die Mörder ihres Vaters waren. "Wir durften ja all die Jahre nach der Ermordung meines Vaters keine Opfer sein", so Şimşek-Demirtas. "Durch die ständigen Mutmaßungen der Polizei, mein Vater habe mit Drogen gehandelt und sei deshalb ermordet worden, mussten wir uns immer fragen: War unser Vater wirklich ein Krimineller? Es wurde uns vermittelt, dass er wirklich etwas Schlimmes, etwas Kriminelles getan hat. Als herauskam, dass dies nicht stimmt, sondern Neonazis für die Tat verantwortlich sind, war das eine sehr große Erleichterung. Erst danach waren wir wirklich Opfer."

    © ARD

    Mit diesen Plakaten bat die Polizei nach den Morden um Mithilfe

    Fatale Fehleinschätzung der Ermittler

    Nicht nur bei den Ermittlungen in Nürnberg versteiften sich die Ermittler auf ihre These von der organisierten Kriminalität. Auch in den anderen Fällen wurden Ermittlungen gegen die Hinterbliebenen und Opfer geführt, statt gegen Rechtsextreme zu ermitteln.

    Besonders deutlich wurde das 2007, als bereits neun Menschen vom NSU ermordet wurden. In einer "Operativen Fallanalyse" (OFA) schrieb ein Beamter des Landeskriminalamts Baden-Württemberg nur wenige Wochen bevor die baden-württembergische Polizistin Michèle Kiesewetter von den NSU-Terroristen ermordet wurde: "Vor dem Hintergrund, dass die Tötung von Menschen in unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt ist, ist abzuleiten, dass der Täter hinsichtlich seines Verhaltenssystems weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems verortet ist. Auch spricht der die Gruppe prägende rigide Ehrenkodex eher für eine Gruppierung im ost- bzw. südeuropäischen Raum (nicht europäisch westlicher Hintergrund)".

    Vor dem Hintergrund rechtsextremer Mordanschläge wie auf das Oktoberfest 1980, dem Erlanger Doppelmord am Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Frau Frida Poeschke und nicht zuletzt des Holocausts, zeigt offenbar, von welchen Vorurteilen manche ermittelnde Beamten geleitet wurden.

    Keine weiteren Morde nach Ansprache von Neonazis

    In einer weiteren OFA kamen wiederum andere Ermittler des Bayerischen Landeskriminalamts zu einer genauen Einschätzung der Täter: Zwei Männer, die offenbar aus rassistischen Motiven töten würden und eine "enge Verbindung" zueinander hätten. Genau das traf auf die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu.

    Die Beamten sprachen 2006 neun Neonazis aus Nürnberg und Fürth gezielt auf die Mordserie an. Darunter auch Personen, die zum engen Umfeld des NSU-Kerntrios gehörten. Die Neonazis bestritten alle, etwas mit den Morden zu tun zu haben. Auffällig: Nach der Ansprache töteten die NSU-Terroristen keine weiteren Migranten. Die rassistische Mordserie endete plötzlich.

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