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Fast 75 Jahre nach Kriegsende gibt es nur noch wenige Zeitzeugen für die Gräueltaten der Nazis. Umso wichtiger werden Gedenkorte wie Dachau und Kaufering. Doch um die gibt es Streit.

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NS-Verbrechen: Streit um Erinnerungskultur in Bayern

Fast 75 Jahre nach Kriegsende gibt es nur noch wenige Zeitzeugen für die Gräueltaten der Nazis. Umso wichtiger werden Gedenkorte wie Dachau und Kaufering. Doch um die gibt es Streit. Dabei werden dieser Tage in Bayern wichtige Weichen gestellt.

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Eigentlich sind sich in Sachen Gedenkkultur fast alle einig. Gerade weil extrem rechte Ideologie auf dem Vormarsch sei, seien Gedenkorte wie die einstigen Konzentrationslager in Dachau oder Flossenbürg besonders wichtig.

Und dennoch gibt es Streit um Bayerns Erinnerungskultur. Es geht um Mitbestimmung und Transparenz – und natürlich geht es auch ums Geld.

"Die KZ-Gedenkstätte ist derzeit in einem sehr schwierigen Zustand, es ist baulich zum Teil katastrophal, manche Gebäude dürfen bei bestimmten Wetterlagen nicht benutzt werden." Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau

Kräutergarten – Sklavenarbeit auf der Plantage

Schon lange will die Gedenkstätte Dachau, die jährlich fast eine Million Besucher hat, die baufälligen Barackennachbauten am einstigen Appellplatz neu bauen und umgestalten.

Und im Nordwesten des Areals sollen Gebäude des einstigen sogenannten Kräutergartens in die Gedenkstätte integriert werden – eine Plantage in der rund 1.500 Menschen als Arbeitssklaven für die SS schuften mussten. Doch diese Projekte stocken seit Jahren.

Stiftungsrat stellt Weichen für Gedenkstätten

Kommende Woche könnten nun wichtige Entscheidungen fallen, beim Jahrestreffen der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, die unter anderem Dachau und Flossenbürg verwaltet. Die Gedenkstätten mussten im Vorfeld Gesamtkonzepte erarbeitet. Denn Stiftungsdirektor Karl Freller hat große Pläne.

"Ich habe den Ehrgeiz, dass die Gedenkorte am Ende der nächsten Dekade so geordnet und funktionsfähig und für die Zukunft gerüstet sind, dass man für Bayern sagen kann: Wir haben vorbildlich geleistet, was im Bereich der Gedenkarbeit zu tun ist." Karl Freller, Stiftung Bayerische Gedenkstätten

Kaufering: Werden engagierte Bürger blockiert?

Doch es gibt Kritik an der Stiftung. Nicht nur in Dachau, auch in Landsberg stocken Erinnerungsprojekte. Ein Beispiel ist der Außenlagerkomplex Kaufering, wo die Nazis mehr als 6000 meist jüdische Menschen ermordeten.

Obwohl seit Jahren eine Machbarkeitsstudie vorliegt, wie der Nazi-Verbrechen vor Ort gedacht werden könnte, geht nichts voran. Lokalhistoriker Manfred Deiler fühlt sich ausgebremst.

"Es wäre an der Zeit, dass wir einfach eine klare Auskunft bekommen: Möchte sich der Freistaat Bayern an Planungen beteiligen, die hier an einem Museum, einem Dokumentationszentrum, die letzte Phase des Judenmordes in Bayern darstellen oder nicht?" Manfred Deiler, Europäischen Holocaust-Gedenkstättenstiftung

Grüne kritisieren mangelnde Transparenz

Die Grünen im Landtag haben vergangene Woche den Antrag gestellt, die Arbeit der Stiftung genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Kauferinger Abgeordnete Gabriele Triebel sagt, es könne nicht sein, dass die Opposition ihre Kontrollrechte nicht wahrnehmen kann.

"Das heißt für mich, dass angeschaut werden muss, ob es noch zeitgemäß ist, dass nur die Regierungsfraktion in dieser Stiftung vertreten ist und die Opposition beziehungsweise der Landtag überhaupt nicht." Gabriele Triebel, Die Grünen

Vor allem eines wünscht sich Gabriele Triebel: Mehr Transparenz, was die Erinnerungspolitik in Bayern angeht. Dem kann auch Michael Piazolo zustimmen. Als Kultusminister hat er den Vorsitz des Stiftungsrates inne und sagt, es sei wichtig, auf die Transparenz und die Strukturen zu schauen. Nur eben nicht jetzt im Moment.

"Wir haben große Projekte vor der Brust, ein Gedenkjahr vor uns. Da ist vieles, was wir vorantreiben mit der Stiftung zusammen. Da wäre es jetzt nicht zielführend, wenn wir jetzt monatelang über Strukturen reden." Michael Piazolo, Kultusminister Bayern

Gedenkorte: Für die Jugend "ungeheuer wichtig"

Wie wichtig es ist, Gedenkorte wie Dachau und Kaufering für die Nachwelt zu erhalten, betont Ernst Grube. Der 86-Jährige kann noch aus eigener leidvoller Erfahrung von den Gräueln der Nazizeit berichten. Für ihn persönlich sei das Außenlager der Ort, an dem sein Onkel ermordet wurde. Für die Jugend sei es ein Ort der Erinnerung und des Lernens und daher von "ungeheuer wichtiger Bedeutung", so der NS-Überlebende.

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Fast 75 Jahre nach Kriegsende gibt es nur noch wenige Zeitzeugen für die Gräueltaten der Nazis. Umso wichtiger werden Gedenkorte wie Dachau und Kaufering. Doch um die gibt es Streit. Dabei werden gerade in Bayern wichtige Weichen gestellt.