BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

NS-Raubkunst in der Familie – wie damit umgehen? | BR24

© BR

Bei "Judenauktionen" versteigerte der NS-Staat alles, was Deportierte zurücklassen mussten. Heute sind viele Stücke in deutschen Haushalten zu finden. Für die Besitzer hat eine Forscherin Sprechstunden in Aschaffenburg angeboten.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

NS-Raubkunst in der Familie – wie damit umgehen?

Bei "Judenauktionen" versteigerte der NS-Staat alles, was deportierte Juden zurücklassen mussten. Heute sind viele Stücke in deutschen Haushalten zu finden. Für Besitzer solcher Erbstücke hat eine Forscherin Sprechstunden in Aschaffenburg angeboten.

Per Mail sharen

Als die Juden im zweiten Weltkrieg deportiert wurden, haben sie ihr ganzes Hab und Gut in ihren Wohnungen zurückgelassen. Nicht nur große Kunsthändler wie Wolfgang Gurlitt haben davon profitiert. Bei Auktionen hat der NS-Staat alle Gegenstände versteigert, die noch da waren: von Möbeln und Geschirr bis hin zu geflickter Unterwäsche. "Millionen von Objekten sind im Privaten versickert", sagt Carolin Lange. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele Stücke auch heute noch in deutschen Haushalten sind, sei groß. Carolin Lange ist Provenienzforscherin an der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern. In Sprechstunden beschäftigt sie sich mit jüdischen Erbstücken und Familiengeschichten. Auch im Museum jüdischer Geschichte und Kultur in Aschaffenburg hat sie nun Sprechstunden angeboten.

Hunderte Kilogramm Wäsche versteigert

Schon seit 2016 recherchiert Carolin Lange zusammen mit einer Kollegin zu jüdischen Gegenständen in Unterfranken. Vor zweieinhalb Jahren hat sie begonnen, den Privatbesitz zu erforschen. Dabei hat sich herausgestellt, dass es sich in Aschaffenburg lohnt, weiter nachzuhaken. "Wir wollten einfach rausbekommen: Wo sind noch Gegenstände, wer erinnert sich und wer traut sich, darüber zu erzählen", sagt Lange. Auch in Aschaffenburg habe es "Judenauktionen" gegeben. In einigen Quellen wird etwa von 500 bis 600 Kilogramm schmutziger Wäsche gesprochen, die gereinigt und versteigert worden sei. Der Ansturm darauf sei groß gewesen.

Krieg löste Kaufrausch aus

Dass die angebotenen Stücke aus jüdischen Haushalten stammten, war kein Geheimnis. Es gab zum Beispiel Anzeigen in Zeitungen, die direkt darauf verwiesen haben. Die Menschen wussten genau, was sie kauften und waren trotzdem alles andere als zurückhaltend. Durch den Krieg hatten die Menschen weniger Alltags- und Luxusgegenstände. Außerdem waren die Stücke aus jüdischen Haushalten günstig und begrenzt. "Das hat einen richtigen Kaufrausch ausgelöst", sagt die Provenienzforscherin.

Besitzer wissen über Herkunft jüdischer Gegenstände

Oft wissen die heutigen Besitzer der jüdischen Erbstücke von ihrer Herkunft. Die Geschichten wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Richtig ehrlich seien die Menschen aber nicht immer. Eine Frau kam etwa mit einem Teeservice aus Silber in eine Sprechstunde. Die Frau sei überzeugt davon gewesen, dass ihr Vater das Service im Sommer 1942 von einer jüdischen Nachbarin geschenkt bekommen habe – am Vorabend ihrer Deportation. Lange sagt, es sei sehr unwahrscheinlich, dass die Geschichte der Wahrheit entspreche. Denn ab dem Frühjahr 1939 hätten Juden keine Silbergegenstände mehr besitzen dürfen. Außerdem sei die Wahrscheinlichkeit gering, dass jemand mit einem so schweren, mehrteiligen Teeservice kurz vor der Deportation auf den Straßen unterwegs gewesen sei.

Geschichte hinter dem Gegenstand

"Die Frau hat fest dran geglaubt. Also habe ich sie in dem Glauben gelassen. Mir war ja an der Geschichte gelegen", sagt Lange. Bei ihren Sprechstunden geht der Provenienzforscherin nicht darum, dass die Geschichten, die ihre Gäste erzählen, wahr sind. Stattdessen will sie herausfinden, wie Menschen damit umgehen, wenn sie Dinge aus jüdischen Haushalten besitzen. Manche würden die Gegenstände regelrecht wie Ausstellungsstücke behandeln und hätten zum Beispiel kleine Kissen für Silberbesteck bestickt.

Besucher der Sprechstunden sind oft angespannt

Die Besucher der Sprechstunden, die die Provenienzforscherin anbietet, seien oft sehr angespannt. Vielen sei es unangenehm, über die Erbstücke zu sprechen. Oft seien sie überzeugt davon, dass ihre Familie zu den "Guten" gehöre und keine Juden bestohlen habe. Genau das wollen sie von Carolin Lange auch bestätigt bekommen. "Das kann ich natürlich nicht machen", sagt die Forscherin.

Manche Gegenstände gehen nach Washington

Carolin Lange kann ihren Gästen aber helfen, mehr über die Herkunft der Relikte herauszufinden, zum Beispiel über die Datenbank Jüdisches Unterfranken. Die Erben der ursprünglichen Eigentümer ausfindig zu machen, sei aber fast unmöglich. Oft sind die Menschen hin- und hergerissen. Sie wollen die Objekte einerseits behalten und andererseits abgeben. Will jemand Gegenstände loswerden, dann vermittelt Lange sie zum Beispiel an das "United States Holocaust Memorial" in Washington.

Nächstes Jahr will die Provenienzforscherin auch eine Sprechstunde in Würzburg anbieten.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!