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NS-Raubkunst: Die schwierige "Zweite Geschichte" der Rückgaben | BR24

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Kunsthistoriker Johannes Gramlich

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    NS-Raubkunst: Die schwierige "Zweite Geschichte" der Rückgaben

    Bayern lässt die Geschichte der NS-Raubkunst aufarbeiten. Herausgekommen ist eine Untersuchung, die aufdeckt, mit welchen Methoden führende Kunst-Funktionäre im NS-Staat ihre Sammlungen aufbauten und was mit diesen Sammlungen nach dem Krieg geschah.

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    Von
    • Eckhart Querner

    Vier Jahre hat Johannes Gramlich an der Untersuchung gearbeitet. Der Historiker erforschte, welche Rolle die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (u.a. Alte Pinakothek und Neue Pinakothek) vor 1945 und nach 1945 bei der Verteilung von Kunstwerken spielten, die hochrangigen Funktionären und Organisationen der NSDAP gehört hatten. Damit sind nicht nur, aber auch Gemälde und andere Kunstgegenstände gemeint, die nationalsozialistische Behörden und Institutionen den oft jüdischen Eigentümern zwischen 1933 und 1945 raubten oder unter Zwang abkauften.

    Die Geschichte der NS-Raubkunst zwischen 1933 und 1945 ist im öffentlichen Bewusstsein präsent. Weniger bekannt ist, wie es Gramlich nennt, die "zweite Geschichte", nämlich der Umgang der Bundesrepublik und Bayerns mit dem Kunstraub nach 1945. Diese zweite Geschichte ist in Gramlichs herausragender Forschungsarbeit nachzulesen.

    "Kein ausgeprägtes Interesse an Rückgaben"

    Gramlich unterscheidet vor allem zwei Phasen: die Zeit zwischen 1945 und den 60er-Jahren, in der geraubte Kunstwerke meist nur dann an die Eigentümer oder ihre Erben restituiert wurden, wenn diese einen Rückgabeantrag stellten. Und die zweite Phase ab 1998, als sich Deutschland in der "Washingtoner Erklärung" verpflichtete, seine Museen aktiv nach NS-Raubkunst zu durchforsten und Restitutionen endlich möglich zu machen.

    Nach Ende der NS-Herrschaft hatten die frühen bayerischen Generaldirektoren, so Gramlich, "kein ausgeprägtes Interesse an Restitutionen".

    "Das mangelnde Verantwortungsgefühl für die Untaten der Vergangenheit führte eben dazu, dass man beispielsweise die Restitution von Kunstgegenständen von Raubkunst nicht aktiv forcierte, sondern sich passiv auf die bestehenden Bestimmungen der Alliierten stützte und nicht selbst wirklich aktiv geworden ist." Johannes Gramlich, Historiker, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

    Ungeheuerliches Taktieren und Abwarten

    Aus heutiger Sicht muten solches Taktieren und Abwarten ungeheuerlich an, und Gramlich merkt kritisch an, dass die frühen Chefs in den 1950er und 60er Jahren "Interessenträger auf Seiten des Freistaats Bayern und ihrer Häuser" gewesen seien und keine Interessenvertreter der oft jüdischen Eigentümer vor 1933.

    Nach Kriegsende sicherten amerikanische Spezialisten, die berühmten Monuments Men, Tausende Kunstgegenstände aus dem Besitz von Adolf Hitler, Hermann Göring und anderen NS-Eliten und begannen mit der Rückerstattung. Doch ein Restbestand von etwa 3.000 Posten, darunter 900 Kunstobjekte unklarer Herkunft, übergaben die Alliierten an den Freistaat Bayern. Die Kunstwerke landeten im Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

    Kontinuität der Karrieren

    Gramlich zeichnet Karrieren führender Kunstfunktionäre im NS-Staat nach - und ihre Rollen nach 1945. Einer der wichtigsten bayerischen Protagonisten war Ernst Buchner, seit 1933 Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, seit 1933 NSDAP-Mitglied und im nationalsozialistischen Kampfbund für deutsche Kultur aktiv. Ein Karrierefunktionär, der in Sorge war, dass die Staatsgemäldesammlungen bei der Verteilung wertvoller Kunstschätze aus jüdischem Besitz "nicht gebührend berücksichtigt werden" (zitiert nach Gramlich 113). 1942 wurde er von Hitler mit dem Raub des symbolträchtigen Genter Altars aus dem nicht besetzten Teil Frankreichs beauftragt.

    "Kein fanatischer Nationalsozialist"

    Nach Kriegsende bewertete die amerikanische Militärregierung Buchner zwar als bedeutenden Repräsentanten des NS-Staats, er sei aber kein fanatischer Nationalsozialist gewesen. Und so wurde der vorbelastete Kunsthistoriker 1953 erneut Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Und übernahm damit auch hunderte Bilder aus dem Besitz der Nazis. Gramlichs Resümee: Buchner habe die Werke gesichert – und zwar für die staatlichen Sammlungen und ohne die Absicht, die Bilder zu restituieren. Buchner schützte die Kunst erneut – diesmal vor dem Zugriff der berechtigen Erben.

    Die moralische und faktische Wende kam erst 1998 mit der "Washingtoner Erklärung". Deutschland und weitere 43 Staaten unterzeichneten die Erklärung und verliehen damit Forschung und Restitution neue Impulse. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen starteten kurz darauf ein wissenschaftliches Projekt zur Erforschung der Bestände aus der NS-Sammlung Göring. Auch wenn die finanziellen Zuwendungen von Bund und Freistaat wuchsen, bleibt doch der Eindruck zurück, es hätte viel früher viel mehr Geld und Personal in die Provenienzforschung gesteckt werden müssen.

    "Auf der einen Seite muss man sagen: Provenienzforschung braucht Zeit. Die Erwartungshaltung sollte auch nicht zu hoch sein. Und wir können sicher sagen, dass weitere Restitution folgen sollen und auch schon in Vorbereitung sind. Aber es ist auf der anderen Seite auch klar, dass wir noch eine ganze Menge zu tun haben." Johannes Gramlich, Historiker, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

    Bilanz für Historiker Gramlich nicht befriedigend

    Historiker Gramlich bilanziert: Aus den Beständen der Staatsgemäldesammlungen wurden seit 1998 20 Werke restituiert. Das sei nicht wirklich befriedigend. Seitdem sind zudem 400 Werke aus dem NS-Bestand in der Datenbank lostart.de gemeldet worden. Zur Verteidigung der Forschung sagt Gramlich aber auch: "Provenienzforschung braucht Zeit." So wurde die Provenienz von "Fischerboote bei Frauenchiemsee" von Joseph Wopfner erforscht, das Gemälde wartet auf die Übergabe an die berechtigten Erben des einstigen jüdischen Eigentümers. An sie sollte das Gemälde eigentlich schon im März 2020 zurückgegeben werden. Coronabedingt musste der Termin verschoben werden.

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