BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR/ Pirmin Breninek
Bildrechte: BR/ Pirmin Breninek

Über 20 Mal taucht Nikolaus Fey als Namensgeber für Straßen in Unterfranken auf. Doch ein Gutachten legt nahe: Der Mundart-Dichter hatte eine ausgeprägte NS-Vergangenheit. Viele Orte ringen nun mit dem richtigen Umgang damit.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

NS-Beteiligung: Gemeinden diskutieren über Nikolaus-Fey-Straßen

Über 20 Mal taucht Nikolaus Fey als Namensgeber für Straßen in Unterfranken auf. Doch ein Gutachten legt nahe: Der Mundart-Dichter hatte eine ausgeprägte NS-Vergangenheit. Viele Orte ringen nun mit dem richtigen Umgang damit.

Per Mail sharen
Von
  • Pirmin Breninek

Die Nikolaus-Fey-Straße in Bergtheim könnte nicht gewöhnlicher wirken. Anfang der 1980er-Jahre wurde das Areal als Neubaugebiet im Landkreis Würzburg ausgewiesen. 26 Hausnummern, viele Familien leben hier, bei manchen sind die Kinder bereits ausgezogen. Doch seit kurzem diskutiert die Gemeinde über den Namensgeber der Straße. Denn der Mundart-Dichter Nikolaus Fey hat eine aktive NS-Vergangenheit, so steht es in einem Gutachten.

Nikolaus Fey bekannt als fränkischer Mundart-Dichter

"Wir sind damals vor 15 Jahren hierher gezogen. Der Straßenname hat uns nicht interessiert, Hauptsache das Haus hat gepasst", sagt Anwohnerin Monika Fischer. Sie und ihr Mann Albert wohnen in einem der dortigen Häuser. Der Schriftsteller Nikolaus Fey machte sich vor allem in Unterfranken einen Namen. "Der Tenor aller Feyschen Gedichte ist die Liebe zu seiner Fränkischen Heimat", heißt es in einem Sammelband, der zu seinem 100. Geburtstag erschienen ist. 1981 war das, 23 Jahre nach Feys Tod. Seine NS-Vergangenheit wird dort mit keinem Wort erwähnt.

Würzburger Kommission prüft NS-Verstrickungen

Das Gutachten, das die Stadt Würzburg kürzlich veröffentlicht hat, liest sich allerdings anders. Vier Jahre lang hat eine Kommission geprüft, ob Namensgeber von Straßen in das NS-Regime verstrickt waren. Elf Personen saßen in dem Gremium, darunter Wissenschaftler, Stadträte und der Leiter des Stadtarchivs. Ergebnis: Die Kommission empfahl, neun Würzburger Straßennamen in Frage zu stellen. In vier Fällen riet das Gremium unmissverständlich zu einer Umbenennung: darunter Nikolaus Fey.

Gutachten belastet Nikolaus Fey schwer

So heißt es in dem Dokument, das online einsehbar ist: "Fey ist als überzeugter Nationalsozialist anzusehen. Fey hat aktiv an der Ausgestaltung nationalsozialistischer Propagandainszenierungen mitgewirkt und hat von der NS-Herrschaft persönlich profitiert." 1933 trat der Dichter in die NSDAP ein, 53 Jahre war er da alt. Als Beauftragter für die Reichsschrifttumskammer überwachte er die Texte anderer fränkischer Autoren auf ihre Vereinbarkeit mit der Parteilinie.

Weiter heißt es in dem Gutachten: Fey wirkte von 1942 bis 1944 in der Regierung des "Generalgouvernements" in Krakau mit. Als Generalgouvernement bezeichnete man damals diejenigen Teile Polens, die 1939/41 nicht vom Reich annektiert wurden. Sie sollten stattdessen den Status eines vom Reich abhängigen, kolonieähnlichen Gebietes erhalten. Laut Bericht hat sich Fey dort an Zensur beteiligt und versucht Bewohner propagandistisch zu beeinflussen.

Diskussion erreicht weitere Städte und Gemeinden

Das Gutachten aus Würzburg setzte eine Diskussion in Gang. Denn zahlreichen Städten und Gemeinden fiel auf, dass es auch bei ihnen eine Nikolaus-Fey-Straße gibt.

In Unterfranken taucht der Name an über 20 verschiedenen Orten in Adresszeilen auf: von Alzenau im Landkreis Aschaffenburg bis Ebern im Landkreis Haßberge. Das lässt sich teils anhand Feys Vita erklären. In Wiesentheid wurde er geboren, in Lohr am Main hat er gelebt. Beide Städte haben eine Straße nach ihm benannt. Andernorts, wie etwa in Bergtheim, entschied man sich dazu, Straßen nach Künstlern und Musikern zu benennen. In der Siedlung gibt es neben der Nikolaus-Fey-Straße auch eine Beethovenstraße, den Goethering, die Carl-Orff-Straße. Einen Bezug zum Ort gibt es nicht. Damals wusste dort niemand über Feys NS-Verstrickungen.

Grünen fordern Umbenennung in Bergtheim

Soweit die Fakten. Nun überlegen viele Gemeinden, wie sie damit umgehen. "Es ist eine klare Sache, dass dieser Name nicht hier gewürdigt werden kann", sagt Michael Burger. Er sitzt für die Grünen im Bergtheimer Gemeinderat. Anfang Januar hat seine Fraktion einen Antrag gestellt: Die Straße soll umbenannt werden.

Doch bei vielen Anwohnern stößt das derzeit auf wenig Gegenliebe. Im Zuge unserer Berichterstattung haben wir mit insgesamt neun Haushalten telefoniert. Der Tenor ist immer ähnlich: Die Straße sollte ihren Namen behalten.

Viele Anwohner wollen Namen beibehalten

Im Wesentlichen bringen die Anwohner drei Argumente ins Spiel. Zum einen die Kosten und den Aufwand, der nun auf sie zukommen könnte. "Ich habe im Dezember erst einen neuen Personalausweis gekriegt, der müsste jetzt schon wieder umgeändert werden", sagt Monika Fischer. Überall die Adresse ändert: das dauert. Monika Fischer erwartet Aufwendungen, mindestens im dreistelligen Bereich.

Was von Anwohnerseite auch zu hören ist: Warum sind die NS-Verstrickungen Nikolaus Feys solange niemandem aufgefallen? Fast 40 Jahre habe das nun niemanden interessiert. Muss die Umbenennung also wirklich sein? Bräuchte es nicht noch ein weiteres Gutachten? Und müssten dann nicht auch andere Namen auf den Prüfstand?

Viele Anwohner, wie die Famile Fischer, sagen deshalb: Sinnvoller wäre eine Kontextualisierung, zum Beispiel in Form eines erklärenden Schildes, direkt unter dem Straßennamen. "Wo zum Beispiel draufsteht, was der Herr Fey gemacht hat und was da war – damit man immer wieder daran erinnert wird", sagt Albert Fischer.

Margetshöchheim will Straße umbenennen

Bergtheims Bürgermeister Konrad Schlier (CSU) hat kürzlich alle Anwohner der Straße angeschrieben und um Rückmeldung gebeten. Er sei selbst noch im "Findungsprozess", sagt er. Einige Kilometer weiter in Margetshöchheim ist die Entscheidung bereits gefallen. Einstimmig, mit 17 zu null Stimmen. Dort hat der Gemeinderat beschlossen: kein Straßenschild für Nikolaus Fey. Eine Kontextualisierung stand in Margetshöchheim nicht zur Debatte.

© BR/Pirmin Breninek
Bildrechte: BR/Pirmin Breninek

In Margetshöchheim wird der Nikolaus-Fey-Weg umbenannt. Drei Namen stehen nun zur Auswahl.

"Wenn ich den Namen belasse und dann in eine Reihe stelle mit Persönlichkeiten, die unter diesem Regime gelitten haben und moralische Vorbilder waren – dann nützt eine erklärende Tafel wenig", findet Bürgermeister Waldemar Brohm (CSU). In Margetshöchheim gibt es ein Straßenschild für Heinrich Böll, eines für Bertha von Suttner. "Und dann steht daneben Nikolaus Fey? Das ist für mich nicht ausreichend", sagt Brohm.

Gemeinde will sich an Kosten beteiligen

In Margetshöchheim steht nun der Beschluss eines neuen Namens an. Ein Frauenname sollte es sein, weil es schon so viele Männer gibt. Zur Auswahl stehen drei Schriftstellerinnen: Astrid Lindgren, Elisabeth Dauthendey und Bettina von Arnim. Die Gemeinde will sich an den Kosten beteiligen, die den Anwohnern entstehen.

Eine Kostenbeteiligung für die Anwohner könnte sich auch Michael Burger von den Bergtheimer Grünen gut vorstellen, zum Beispiel in Kombination mit einer "Checkliste", an was die Anwohner alles denken müssen.

Diskussion hat in Bergtheim erst begonnen

Doch noch ist die Diskussion in Bergtheim am Anfang, ähnlich wie in vielen anderen Städten und Gemeinden. In Feys Geburtsort Wiesentheid ist auch eine Schule nach ihm benannt. Die Marktgemeinde beauftragt nun zunächst eine Archivarin, um weitere Informationen über seine NS-Vergangenheit zu sammeln.

In Bergtheim hoffen Monika und Albert Fischer, dass ihre Überlegung in den Gemeinderat einfließen. Denn der wird am Ende entscheiden, nicht die Anwohner. Mit einem Beschluss ist jedoch frühestens in den kommenden Monaten zu rechnen.

💡 Wer war Nikolaus Fey?

Nikolaus Fey wurde 1881 in Wiesentheid (Lkr. Kitzingen) geboren. Als Schriftsteller machte er sich unter anderem durch seine Gedichte einen Namen. Diese behandelten häufig fränkisches Brauchtum und waren in Mundart geschrieben. Zu Feys bekanntesten Werken gehört das Schauspiel "Florian Geyer". Darin geht es um den gleichnamigen Reichsritter, der 1525 ein Bauernheer anführte. Fey war Mitglied in der NSDAP. Laut einem Gutachten der Stadt Würzburg hat er sich "zu seinem Tun während der NS-Zeit nach derzeitigem Kenntnisstand nie kritisch geäußert". Fey starb 1956 in Gerolzhofen (Lkr. Schweinfurt).

"Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!