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Nordsyrien: Stress zwischen Kurden und Türken auch in Bayern | BR24

© Nicolas Armer/dpa

Es ist nicht das erste Mal, dass Türken und Kurden in Nürnberg auf die Straße gehen. Dieses Foto stammt von einer Demonstration im April 2016.

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    Nordsyrien: Stress zwischen Kurden und Türken auch in Bayern

    Der Konflikt in Nordsyrien wirkt sich auch auf die Beziehungen zwischen Türken und Kurden in Bayern aus. Ausschreitungen bei Demonstrationen, wie in Nürnberg, zeigen: Das Konfliktpotenzial ist groß.

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    Am vergangenen Samstag in der Nürnberger Südstadt: Rund 500 Kurden protestieren gegen die türkische Militäroffensive im Norden Syriens. Vor einem türkischen Gemüseladen eskaliert eine der Polizei zufolge bis dahin friedliche Demonstration.

    Ein Video, das Anwohner drehten, zeigt, wie sich mehrere Männer aus den Reihen der protestierenden Kurden lösen und auf den Laden zugehen. Dort kommt es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Von wem die Provokation ausgeht, ist unklar. Deutlich wird aber: Das Konfliktpotenzial ist groß.

    Immer wieder Ausschreitungen bei Demonstrationen

    Es ist nicht der einzige Vorfall der letzten Tage. Rund 400 Kurden demonstrierten bereits am Donnerstag gegen die Militäroffensive Erdoğans vor der Lorenzkirche in Nürnberg. Dabei versuchte ein Anhänger der türkischen Regierungspartei AKP die Kundgebung zu stören; es kam zu Ausschreitungen. Bei dieser Demonstration wurde ein Mann festgenommen. Nach Angaben der Polizei hatte der Passant sich auf Protestierende stürzen wollen, nachdem diese eine türkische Flagge verbrannt hatten. Der Mann traf dabei einen Polizisten mit dem Ellbogen und verletzte ihn leicht.

    Die Stimmung zwischen Kurden und Türken war auch hier auf einem Tiefpunkt: "Es ist eine Wut auf beiden Seiten, aber eher auf der kurdischen Seite, würde ich sagen, weil der türkische Staat im Norden Syriens einmarschiert ist, in das kurdische Gebiet. Die Lage ist nicht besonders gut", sagte ein Passant. Eine Frau erzählte: "Freunde drehen einem den Rücken zu, und die Türkischstämmigen in meiner Umgebung sind auch für die Offensive und das tut einem schon weh."

    Generalkonsul der Türkei in Nürnberg verteidigt die Offensive

    Der Generalkonsul der Türkei in Nürnberg, Serdar Deniz, verteidigt die Militäroffensive des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Es sei das Recht der Türkei, sich gegen die "Terroristen im nordsyrischen Grenzgebiet" zur Wehr zu setzen, sagte Deniz dem Bayerischen Rundfunk:

    "Ich fordere aber die Türken und Kurden, die hier leben, auf, sich nicht provozieren zu lassen, und sich an die Gesetze und die öffentliche Ordnung in Deutschland zu halten." Serdar Deniz, Generalkonsul der Türkei in Nürnberg

    Interessant wäre es auch zu erfahren, wie die DITIB Nürnberg, der Lokalableger des größten türkischen Moscheeverbands in Deutschland, zur Militäroffensive in Nordsyrien steht. Doch der Verein, der der türkischen Religionsbehörde Diyanet untersteht, will sich dazu nicht äußern, weder zur Armeeoffensive in Syrien, noch zur Situation in der Stadt Nürnberg. Zur Begründung heißt es: Die Religionsgemeinde wolle sich nicht zu politischen Dinge äußern und ihren Glauben in Frieden leben.

    Heizen auch deutsche Medien die Konflikte an?

    Bülent Bayraktar, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in der Metropolregion Nürnberg, einer säkularen Organisation, die die Interessen von Türkeistämmigen in der Region vertritt, sagt, dass die Ausschreitungen vor allem zwischen radikalen Gruppierungen stattfänden. Bayraktar kritisiert jedoch auch die deutsche Berichterstattung über den Konflikt:

    "Problematisch ist die aufgeheizte Stimmung, zu der auch die deutschen Medien beitragen, weil sie nicht differenziert berichten. Und dann kommt es eben bei extremen Gruppierungen - die können auf der türkischen oder auf der kurdischen Seite liegen - zu Provokateuren, die Lust auf Gewalt haben. Es spielt keine Rolle, ob das Türkeistämmige oder Kurdenstämmige sind." Bülent Bayraktar, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in der Metropolregion Nürnberg

    Provokationen von beiden Seiten

    Bayraktar vermutet hinter der Eskalation auch eine gezielte Strategie von Provokateuren auf beiden Seiten, die diese unter anderem über soziale Medien betrieben:

    "Hier wird zu bestimmten Gewalttaten aufgerufen und die Lage auch von beruflichen Provokateuren aufgeheizt. Die Befürchtung ist, dass Provokateure aus beiden Richtungen ein Interesse daran haben könnten, dass sich die zwei Gruppierungen hier die Köpfe einschlagen." Bülent Bayraktar, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in der Metropolregion Nürnberg

    Für professionelle Provokateure gebe es keine Belege, meint Bayraktar. Aufstachelungen von beiden Seiten sind aber nicht von der Hand zu weisen. Beides wurde bei dem Vorfall am Gemüseladen beobachtet: der so genannte "Wolfsgruß" der türkischen Nationalisten auf der einen Seite, das Schwenken von YPG-Fahnen auf der anderen.

    Schüren türkische Staatsmedien die Feindseligkeit?

    Cahit Basar, Generalsekretär der Kurdischen Gemeinde Deutschland, hält die aufgebrachte Stimmung für wenig verwunderlich:

    "Die Menschen sind hochgradig emotionalisiert. Während die einen gegen Krieg und für den Frieden demonstrieren, steht die andere Seite tatsächlich für eine Invasion, für weitere Gewalt mit Hilfe der Dschihadisten-Armee, die die türkische Armee begleitet. Das sind zwei grundverschiedene Ansätze, wo die Menschen nicht mehr zueinander finden können." Cahit Basar, Kurdische Gemeinde Deutschland

    Den Ursprung dieser Emotionalisierung sieht auch Basar bei den Medien – allerdings bei den türkischen Staatsmedien. An der aktuellen Stimmung habe man viele Jahre gearbeitet.

    "Die Kurdische Gemeinde Deutschland hat immer davor gewarnt, dass in unserem Land Gegengesellschaften aufgebaut werden, allen voran durch die DITIB-Moscheen, die der Religionsbehörde und damit Ankara unterstehen, und zum anderen über die Medien. Vor allem die gleichgeschalteten staatlichen Sender aus der Türkei senden 24 Stunden am Tag Staatspropaganda, Kriegspropaganda, Vorurteile. Sie bedienen Feindbilder und das sorgt für eine gewisse Politisierung und sorgt dafür, dass einige Menschen den Nachbarn oder den Kollegen plötzlich als Feind ansehen." Cahit Basar, Kurdische Gemeinde Deutschland

    Einig sind sich der Kurde Cahit Basar und der Türke Bülent Bayraktar zumindest in einem Punkt: Der Konflikt darf hier in Deutschland nicht mit Gewalt ausgetragen werden.