BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern

Timo Strotmann und seine Frau Anneka

Bildrechte: Christine Weirauch
35
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

#nichtgenesen: Long-Covid-Erkrankte brauchen Lobby

Unter dem Profil #nichtgenesen sammelt Timo Strotmann Porträtfotos von Long-Covid-Betroffenen. Sein Ziel ist, ihnen ein Gesicht zu geben, um auf die Krankheit aufmerksam zu machen. Der Adelsdorfer leidet selbst an den Folgen einer Corona-Erkrankung.

Von
Christine WeirauchChristine Weirauch
35
Per Mail sharen

Timo Strotmann sitzt im Bett. Auf seinem Schoß hat der 29-Jährige ein Laptop liegen. An guten Tagen kann er den Instagram-Account #nichtgenesen pflegen, an schlechten Tagen geht gar nichts. Dann liegt Timo Stratmann nur im Bett, im Dunklen und mit Kopfhörern. Licht und Geräusche kann er dann nicht ertragen:

"Ich habe wirklich Tage, wo ich denke, ich sterbe einfach langsam, weil gar nichts mehr geht. Ich kann mir kein Essen mehr machen, ich bin komplett pflegebedürftig, ich schaff es noch ins Bad zu gehen, mich selbst zu waschen, aber ich bin nur noch am Überleben und ich hätte es mir nie so schlimm vorstellen können." Timo Strotmann

Long Covid nach leichtem Verlauf

Timo Strotmann hat Long Covid und leidet unter extremer Erschöpfung. Im vergangenen November hat sich der sportliche, junge Mann mit Corona infiziert, er war zweimal geimpft und hatte einen leichten Verlauf. Zuerst konnte der Informatiker wieder arbeiten, doch plötzlich kamen Kreislaufprobleme und extreme Erschöpfung.

Forderung nach Medikamentenzulassung

Zusammen mit anderen Betroffenen hat er vor drei Wochen das Projekt "#nichtgenesen" gestartet. Unter diesem Namen posten Long-Covid-Erkrankte Porträtfotos in Schwarz-Weiß von sich mit einem kurzen Steckbrief. Das Ziel: Der Krankheit ein Gesicht geben – aus bloßen Zahlen aus der Statistik werden Menschen. Menschen mit Berufen, die sie nicht mehr ausüben können. Mit Familienangehörigen, die sie pflegen und die Partner unterstützen müssen. Bei Timo Strotmann ist es Ehefrau Anneka. Sie unterstützt ihn, wo sie nur kann und hilft bei seinem Instagram-Projekt. Die beiden wollen Aufmerksamkeit für ihre Situation erreichen und fordern, die Forschung an einem Medikament zu beschleunigen.

Hoffnung auf Herz-Medikament BC 007

Die Hoffnung vieler Long-Covid-Erkrankten – gerade mit diesen schweren Erschöpfungssymptomen – liegt auf einem Herzmedikament. Es heißt BC 007 und wurde an der Uniklinik in Erlangen im vergangenen Jahr an vier Long-Covid-Patienten erfolgreich getestet. Das Ärzteteam verabreichte den Patienten dieses Herzmedikament. Die Patienten litten unter extremer Erschöpfung, Gleichgewichts- und Gedächtnis- sowie Muskelstörungen.

Nach einer Covid-19-Erkrankung zirkulieren im Blut der Betroffenen Autoantikörper, die sich gegen körpereigene Proteine richten. "Das Interessante daran ist, dass das Medikament die schädlichen Autoantikörper bei all jenen Patientinnen und Patienten außer Gefecht setzen kann, die sie im Blut haben – egal welchen Namen die Krankheit trägt", sagt Bettina Hohberger, Augenärztin an der Universitätsklinik Erlangen. "Bei unseren Long-Covid-Patientinnen und -Patienten sehen wir: Der Wirkstoff bindet und neutralisiert die schädlichen Autoantikörper, und die retinale Mikrozirkulation verbessert sich – also die Durchblutung in den feinsten Blutgefäßen des Auges. Wir nehmen an, dass dieser Effekt nicht nur auf das Auge beschränkt ist, sondern den ganzen Körper betrifft. Die Durchblutung verbessert sich und damit klingen die Long-Covid-Symptome ab."

Klinische Studie in Vorbereitung

Eine klinische Studie zu dem Herzmedikament BC 007 ist derzeit in Vorbereitung. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt die Erlanger Forschungsarbeit. Die geplante Studie ist eines von zehn Projekten, die vom BMBF mit insgesamt 6,5 Millionen Euro gefördert werden. Die Erlanger Studie soll systematisch nachweisen, ob und auf Basis welcher Mechanismen der Wirkstoff BC 007 weiteren Long-Covid-Erkrankten helfen kann. Die Universitätsklinik plant in den nächsten Monaten mit der Studie zu starten, erste Ergebnisse werden bis zum späten Herbst vorliegen.

Timo Strotmann hat sich für die Studie angemeldet, doch bis die Zulassung des Medikaments kommt, kann noch viel Zeit vergehen, Zeit, die der 29-Jährige nicht hat. "Ich habe einfach Angst, dass es noch schlimmer wird und ich habe auch Angst, dass ich nie wieder gesund werde", sagt Strotmann.

Über 500 Porträtfotos haben Timo Strotmann und seine Frau in den vergangenen drei Wochen auf ihre Seite gestellt – und jeden Tag kommen neue Schicksale dazu.

Timo Strotmann ist Mitorganisator eines Instagram-Kanals, der Long-Covid-Patienten ein Gesicht gibt.

Bildrechte: BR

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!

Sendung

Frankenschau aktuell

Schlagwörter