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Nicht der, nicht die, nicht das: Divers leben

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Nicht der, nicht die, nicht das: Divers leben in Nürnberg

LGBTQI – das queere Alphabet wird immer länger, weil sich die Szene mehr und mehr ausdifferenziert, weit über schwul, lesbisch und bisexuell hinaus. Norman Anja Schmidt aus Nürnberg lebt Diversity mit einer diversen Geburtsurkunde.

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Von
  • Matthias Rüd

Die Türschilder auf dem Südgelände der Universität Erlangen-Nürnberg sind "diversity-freundlich". Vor dem jeweiligen Namen steht kein Herr oder Frau. Titel wie "Professor" oder "Doktor" sind aus Platzmangel derart verkürzt, dass die Geschlechtsendung am Ende, das, was den Professor von der Professorin unterscheidet, wegfällt. All das ist im Sinne von Norman Anja Schmidt. Schmidt ist 45 Jahre alt, definiert sich nicht als Mann oder Frau, hat sich 2019 in Nürnberg als erster Bürger bei Geschlecht "divers" in die Geburtsurkunde eintragen lassen und führt seit langem einen Kampf mit der deutschen Sprache – ist weder der, noch die, noch das.

"Bei mir bitte gar kein Pronomen, weil die deutsche Sprache einfach nichts für mich vorsieht. Das sächliche Pronomen halte ich für mich als ungeeignet und deswegen warte ich darauf, dass sich die deutsche Sprache vielleicht neu erfindet." Norman Anja Schmidt

Der Diversity-Tag im BR – reden Sie mit!

Gemeinsam sind wir Vielfalt – das ist Motto des Diversity-Tags am 18. Mai. Welche Ideen, Wünsche und Vorstellungen Sie für mehr Vielfalt haben, darüber möchten wir mit Ihnen sprechen. Ihre Meinung ist uns wichtig, diskutieren Sie mit! Ab 17.30 live hier bei BR24.

Norman Anja Schmidt: Einfach ein Mensch, ohne Pronom

Während im Englischen "They" und "Them", die Pluralform für non-binäre Menschen abseits von Mann und Frau gängig ist, übernehmen andere im Deutschen aus Mangel an Alternativen sogar schwedische Pronomen wie "hen" für sich. Norman Anja Schmidt bleibt lieber Norman Anja Schmidt. Schmidt hatte schon in der Jugend gemerkt, dass gängige Geschlechtsschubladen nicht passen, sich deswegen einen passenden Lebensweg entworfen und konsequent umgesetzt. Vorbilder gab es dabei in den 1990er Jahren keine. "Das war in meiner Schulzeit. Da gab es solche Begriffe wie 'nicht binär' noch gar nicht. In den Medien kam das auch nicht vor“, erinnert sich Schmidt.

© Norman Anja Schmidt
Bildrechte: Norman Anja Schmidt

Norman Anja Schmidt fühlt sich keinem Geschlecht zugehörig, sondern lebt divers.

Queere Szene muss und will sichtbar sein

Norman Anja hat heute kein Problem damit, sich selbst öffentlich zu machen, anderen diesen Lebensweg zu erklären, vielleicht auch Vorbild zu sein für junge Menschen mit der gleichen Identität.

Sichtbarkeit schaffen, das ist für das gesamte queere Spektrum wichtig. Auch im Jahr 2021 ist etwa ein Outing für junge Homo- oder Bisexuelle bei weitem kein Selbstläufer, auch nicht in einer Halbmillionenstadt wie Nürnberg. "Es passiert leider immer noch, dass Eltern ihr Kind nach dem Coming Out vor die Tür setzen", berichtet Lukas Geyer von der Jugendinitiative des Nürnberger Vereins Fliederlich.

Nürnberg arbeitet an einem queeren Aktionsplan

Die Stadt Nürnberg arbeitet derzeit erstmals an einem queeren Aktionsplan und sammelt in Workshops Vorschläge aus der Szene. Lukas Geyer von Fliederlich kämpft für ein eigenes Jugendzentrum als sicheren Hafen. "Bevor man alles anfängt, kann man hierherkommen und sich informieren und bestärken in seinem Weg und die Kraft bekommen, sich zu outen."

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Nürnberg will mit der Aktion "Queeres Nürnberg" mehr für Lesben, Schwule sowie Bi-, Trans- und Interpersonen tun. Der Verein Fliederlich unterstützt queere Menschen seit über 40 Jahren. So auch den 24-jährigen Lukas Geyer.

Norman Anja Schmidt kämpft für geschlechtslose Lebensart

Norman Anja Schmidt hat den richtigen Weg noch alleine finden müssen und verteidigt diesen nun auch, wenn nötig mit einem bestimmten Lächeln. Etwa, wenn wieder eine Mail anfängt mit "Sehr geehrte Damen und Herren" oder die Sprechstundenhilfe im Wartezimmer nach einem Herrn Schmidt sucht. An der Uni Erlangen, wo Norman Anja am Lehrstuhl für Physikalische Chemie arbeitet, fühlt sich Schmid dagegen gut aufgehoben. "Hier wird das voll akzeptiert, hier wurde auf mein Betreiben auch schon einen Toilette umgelabelt, dass ich mich halt in meinem direkten Umfeld auch wohl fühle", berichtet Norman Anja Schmidt. Aber auch die Internationalität einer Universität trage dazu bei, dass Diversität gelebt werde.

Unternehmen wollen diverser werden

Immer mehr Unternehmen wollen sich besonders vielfältig aufstellen, mit aktivem Diversity-Management, etwa die großen Sportartikelhersteller Adidas und Puma in Herzogenaurach, auch Siemens, Audi oder BMW. Sie suchen gezielt Menschen mit vielfältigen Lebensentwürfen und Nationalitäten. "Es ist klar, dass Unternehmen, die auf Diversity achten, sowohl von der Mitarbeiterseite viel Zufriedenheit bekommen und auch die unterschiedlichsten Stärken nutzen können", erklärt Walter Feichtner von der Beratungsfirma Karrierecoach.

"Mir persönlich ist es wichtig, für mich zu wissen und auch auf meinem Pass zu haben, dass ich nicht männlich oder weiblich bin. Ansonsten möchte ich einfach mein Leben leben und in Ruhe gelassen werden. Ich rede keinem rein in sein Leben, und ich möchte eben meine Vorstellungen so umsetzen, wie ich das eben möchte." Norman Anja Schmidt

Norman Anja Schmidt ist nun schon länger angekommen im richtigen Job, bei dem richtigen Arbeitgeber, in einem Leben abseits der gängigen Schubladen Mann und Frau. Nicht als diverser Mensch, das klingt zu sehr nach Gemischtwarenladen, sondern eben als Norman Anja Schmidt.

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