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Muslimischer Bürgermeisterkandidat: Für Neufahrn kein Problem | BR24

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Ozan Iyibas ist 37 Jahre alt, Moslem, in Freising geboren und ist in Neufahrn der CSU-Bürgermeisterkandidat.

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Muslimischer Bürgermeisterkandidat: Für Neufahrn kein Problem

Kann ein Muslim in Bayern Bürgermeister werden - noch dazu auf einem Ticket der CSU? Eine Diskussion, die nach einem Eklat in Schwaben andauert. Auch nachdem in Neufahrn bei Freising ein muslimischer Bürgermeisterkandidat nominiert wurde.

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Der 37-jährige Unternehmensberater Ozan Iyibas aus Neufahrn bei Freising ist sich sicher: Zum Bürgermeisterkandidaten wurde er wegen seiner Kompetenzen nominiert. Nicht weil der Neufahrner CSU-Ortsverband ein Zeichen setzen wollte - nach Wallerstein, wo ein Muslim seine Bewerbung wegen der Widerstände in der Partei wieder zurückgezogen hatte. Der Ortsverband stehe hinter ihm, man kenne ihn in der Gemeinde, sagt Iyibas. Im Übrigen sei die Entscheidung für seine Bewerbung schon vor Weihnachten gefallen.

Erstmals wurde mit dem türkischstämmigen Ozan Iyibas in Bayern ein Bürgermeister-Kandidat nominiert, der einer islamischen Konfession angehört. "Ich bin überwältigt und mir fehlen die Worte", sagt er.

Voll integriert in Neufahrn und in der CSU

Iyibas erhielt 100 Prozent der Stimmen. Eigentlich ein Traumergebnis. Trotzdem: In einem Wirtshaus in Neufahrn, in dem Iyibas am Freitag gewählt wurde, sitzen vereinzelt auch Skeptiker. "Ein bayerisch sprechender Türke", fragt ein Stammtischgast. Er weiß nicht recht, was er davon halten soll. Der Wirt versichert ihm jedoch: "Der ist bayerischer als manch anderer."

Die Versammlung, die Abstimmung, die Glückwünsche: Kadriya Iyibas, Mutter des frisch gekürten CSU-Kandidaten, hält alles mit der Handykamera fest. Ihr Sohn erwähnt sie in seiner Rede und erzählt, wie wichtig es ihr schon gewesen ist, dass die Kinder offen sind für die Kultur, das Brauchtum, die Religion in Deutschland. Die Mutter nickt: "Ich hab' gesagt, alle drei Kinder sollen in die Kirche gehen. Das ist ein Gotteshaus, egal, was man glaubt."

Er sei voll integriert, betont Ozan Iyibas, auch in der CSU. Seit 2007 ist er dabei, seit 2014 auch im Gemeinderat.

CSU froh über die Bewerbung des "Bilderbuch-Bayern"

In Neufahrn war der Glaube von Ozan Iyibas im Vorfeld jedenfalls kein Thema, bestätigen seine Parteifreunde. "Bei uns ist der Ozan Iyibas ein Teil vom Ortsverband und wir haben uns narrisch gefreut, als er anrief und gesagt hat, ich mach's", sagt eine Besucherin. Ein anderer aus dem Ortsverband meint: "Wir sind in Deutschland ein Zuwanderungsland. Ich denke, da müssen wir davon ausgehen, dass wir den Leuten auch eine Chance geben, sich hier zu etablieren."

CSU-Generalsekretär Markus Blume betont nach der Nominierung: "Das zeigt halt doch, dass in Bayern heute alles möglich ist. Ich freue mich sehr für Ozan Iyibas, das er sich so deutlich hier durchgesetzt hat, das ist ein echter Vertrauensbeweis. Man muss ganz ehrlich sagen, er ist natürlich ein Bilderbuch-Bayer."

Aber in Zukunft will sich Ozan Iyibas am liebsten auch neu definieren. Er erinnert sich an einen Türkei-Urlaub vor acht Jahren: "Mittlerweile ist es ja schwierig, in die Türkei einzufliegen, wegen meiner Kritik gegen Erdogan. In der Türkei war ich der Deutschländer, in Deutschland der Ausländer. Aber ich habe mich entschieden Heimatländer zu werden."

DITIB wünscht sich mehr muslimische Mandatsträger

Ein CSU-Bürgermeisterkandidat mit muslimischem Hintergrund wird nach dem Eklat im schwäbischen Wallerstein mit viel Beifall und CSU-Prominenz gekürt. In Bayern leben mehr als eine halbe Million Muslime. Wie fühlen sie sich in den Parteien und Parlamenten vertreten? Ein Besuch in einer Moscheegemeinde in München. In den Räumen der Türkisch-islamischen Moscheegemeinde in München-Pasing backen knapp ein Dutzend Frauen hunderte türkische Pizzen und Börek.

Nebenan diskutieren sie bei einem Gläschen Tee: Mit dabei, der Geschäftsführer des Islamverbands DITIB in Südbayern, Aykan Inan. Er wünscht sich künftig mehr muslimische Mandatsträger: "Es gibt in der politischen Debatte sehr sensible Themen, wie etwa Kopftücher im öffentlichen Dienst, oder Beschneidung, oder Schächten. Das kann ein Muslim am besten vertreten und erklären - im Stadtrat oder Landtag. Und jemand, der kein Muslim ist, hat ja die Erfahrung. Deshalb ist es wichtig, dass Muslime selber die islamischen Themen erklären können."

Wirtschaftsinformatikerin trägt Kopftuch und wundert sich

Dem stimmt Filiz Manyas zu. Sie ist 20 Jahre jung, studiert Wirtschaftsinformatik an der TU München, leitet die Jugendarbeit ihrer muslimischen Gemeinde und trägt ein Kopftuch.

Ausgerechnet Letzteres hält sie aber davon ab sich politisch zu engagieren. Sie sei schließlich eine sichtbare Muslima: "Wenn ich neue Leute kennen lerne und wenn ich im Nachhinein höre, wie Menschen über mich reden, dann heißt es immer 'die mit Kopftuch'. Dann erstaunt es mich immer wie das Kopftuch den Menschen ins Auge springt, dass ich immer darauf beschränkt werde, und dass ich gar nicht mit meinen fachlichen Qualifikationen hervortreten kann. "

Beschränkung auf Integrationsthemen engt Muslime ein

Muslime fühlen sich reduziert auf Äußerlichkeiten und auf ihre Religionszugehörigkeit. Häufig sind sie in den Parteien für Themen rund um Integration und Migration zuständig.

Dabei würden sich manche lieber mit Wirtschafts- oder Umweltpolitik auseinandersetzen, sagt Filiz Manyas. Sie hat den Eindruck, "dass man als Aushängeschild dient".

Beobachtungen, die auch der Leiter der großen Islamstudie in Bayern, der Erlanger Rechtswissenschaftler Mathias Rohe gemacht hat. Er bestätigt: Auch wenn deutschlandweit zunehmend muslimische Abgeordnete in die Parlamente gewählt werden und inzwischen vereinzelt Ministerien leiten werden Muslime auf ihre Religionszugehörigkeit reduziert. Rohe zufolge sind sie hierzulande nach wie vor in der Politik unterrepräsentiert. Das sei sehr schädlich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit: "Demokratie und Rechtsstaatlichkeit leben davon, dass sie akzeptiert werden als Grundsystem. Und wenn wir nennenswerte Teile der Bevölkerung verlieren, nach dem Motto, wir fühlen uns nicht repräsentiert, dann gerät das ganze Modell in Gefahr."

Jurist und Islamwissenschaftler Rohe appelliert deshalb an die Parteien. Sie sollten sich "proaktiv" für Menschen jeden Glaubens und jeder Weltanschauung in Deutschland öffnen.

Unklare Haltung der CSU schreckt konservative Muslime ab

"Der Islam gehört nicht zu Deutschland." Ein Satz, den nicht zuletzt der frühere CSU-Chef und jetzige Bundesinnenminister Horst Seehofer, geprägt hat. Gerade die unklare Haltung der CSU gegenüber Muslimen führt bei einem Teil der Gläubigen zum Dilemma, erklären Aykan Inan von DITIB Süddbayern und Studentin Filiz Manyas. "Es gibt sehr viele wertkonservative Muslime, für die eine konservative Partei in Bayern eigentlich die richtige Adresse wäre", sagt Inan. Und Manyas berichtet: "Auch bei Wahlen fällt es mir immer wieder schwer, mich für eine Partei zu entscheiden, weil es dann doch immer wieder irgendwelche anti-muslimischen Aussagen gibt."