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Bayern, München: Eine Bronzefigur, die Jesus zeigt, wie er das Kreuz trägt, steht in der Heilig Geist-Kirche am Taufbecken.

Jesusfigur mit Kreuz

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Peter Kneffel
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    Neue Vorwürfe gegen katholische Sekte

    Ein Leben, wie es die Urchristen einst führten – das ist der Anspruch der Integrierten Gemeinde. Gegründet nach dem Zweiten Weltkrieg, will sie die katholische Kirche erneuern. Doch die hehren Ideale werden für immer mehr Mitglieder zum Albtraum.

    Von
    Christian WölfelChristian WölfelEckhart QuernerEckhart Querner
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    Sie waren angetreten, die Aussöhnung mit dem Judentum voranzutreiben, die Welt ein Stück besser zu machen und die katholische Kirche ganz im Sinne des Urchristentums zu erneuern. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete das Ehepaar Traudl und Herbert Wallbrecher die sogenannte "Integrierte Gemeinde" (IG) mit. Die Gemeinde verstand sich als eine große, als die "neue Familie": Jung und Alt, Priester und Laien, Akademiker und Arbeiter: Sie alle sollten in der Gemeinschaft, die sich zunächst in und um München begründete, eine neue Heimat finden.

    Leben im Sinne des Urchristentums

    Der Anspruch war kein geringerer, als das Christentum in allen Bereichen zu leben. Die Mitglieder wohnten gemeinsam in sogenannten Integrationshäusern, arbeiteten mitunter in gemeindenahen Betrieben. Die IG verstand sich als eine Elitebewegung, sagt der Theologe Matthias Remenyi.

    "Eine zentrale Rolle spielt darin das Bibelwort aus dem Lukas-Evangelium: Wer euch die Gemeinde hört, der hört mich, Jesus. Und das war die theologische Grundüberzeugung dieser Gruppe, dass in der Gemeindeversammlung der Geist Gottes selber spricht." Prof. Matthias Reményi, Fundamentaltheologe Universität Würzburg

    Neue Dokumente, die dem Bayerischen Rundfunk vorliegen, belegen, dass innerkirchlich schon sehr früh und immer wieder Vorwürfe gegen die IG festgehalten wurden. Eines dieser Schriftstücke stammt aus dem Jahr 1973. In diesem Papier listet der damalige zweite Mann im Erzbistum München-Freising, Generalvikar Gerhard Gruber, problematische Punkte auf. Die Rede ist unter anderem von der Beeinträchtigung der Freiheit der Mitglieder, einem unklaren Finanzgebaren, von Familientrennungen.

    Getrennt von den Eltern

    Gudrun Mann erlebt genau das. Immer wieder muss sie getrennt von den Eltern in sogenannten Integrationshäusern wohnen.

    "Dadurch, dass ich immer in solchen Häusern gelebt habe, hatte ich auch nie meine eigene Identität irgendwo in meinem Zimmer ausdrücken können oder irgendwie finden können." Gudrun Mann

    Zweimal versucht sie, sich das Leben zu nehmen, sie wird arbeitsunfähig.

    Ein einflussreicher Theologie-Professor aus Regensburg ist schon in den 1970er Jahren fasziniert von der Integrierten Gemeinde: Joseph Ratzinger. Der spätere Erzbischof, Kardinal und Papst wird zum Schutzpatron der Gemeinschaft. Als Joseph Ratzinger 1977 Erzbischof von München und Freising wird, lässt die ersehnte offizielle Anerkennung der Gemeinde durch die katholische Kirche nicht lange auf sich warten – trotz der bestehenden Kritik.

    Beruf, Wohnort oder Kinderwunsch – die Gemeinde wollte alles bestimmen

    Thomas Schaffert war mehr als 20 Jahre Mitglied der "Integrierten Gemeinde". Egal ob Beruf, Wohnort oder Kinderwunsch – die Gemeinde wollte alles bestimmen. 1999 wurde Thomas Schaffert verlobt. Die Gemeindeleitung hatte eine Frau für ihn ausgewählt. Wenige Wochen vor der geplanten Hochzeit werden beide in die Zentrale zitiert. Traudl Wallbrecher, die charismatische Führungsfigur, will ihn sprechen.

    "Ich war dann erst mal überrascht über die Runde, die sich dort vorgefunden hat bei Frau Wallbrecher in ihrem Wohnzimmer und hat mir mitgeteilt, worum es geht: dass der Eindruck gewonnen wurde, dass unsere Beziehung als Paar die Gemeinde zu viel Kraft kostete und dass die Gemeinde deswegen nicht wünsche, dass die Hochzeit vollzogen würde." Thomas Schaffert

    Auch das Erzbistum München und Freising erreichen immer wieder kritische Berichte von Mitgliedern. Dazu kommen weitere Aktenvermerke und Gutachten. Doch erst 2019 folgt eine kirchenrechtliche Untersuchung. Ehemalige Mitglieder hatten Druck gemacht. Das Fazit des Berichtes lautet, "dass die Freiheit der Mitglieder kontinuierlich missachtet und eine Ganzhingabe gefordert wurde, die einer Ausbeutung gleichkommt."

    Ehemalige Mitglieder fordern Aufarbeitung von Kirche

    Als Konsequenz löst der Münchner Kardinal Reinhard Marx die Gemeinschaft in seinem Erzbistum auf. Im November 2020 erklärt der emeritierte Papst Benedikt in der "Herder Korrespondenz" selbstkritisch, er sei über manches im Innenleben der Gemeinschaft getäuscht worden. Viele ehemalige Mitglieder fordern von der Kirche eine Aufarbeitung. Anhänger der aufgelösten Gemeinschaft reagierten nicht auf unsere Anfragen oder lehnten ein Interview ab. Was aber sagt der frühere Papst zu den Vorgängen: Er will sich nicht mehr äußern – mit der Bitte um Verständnis und Nachsicht, lässt er dem BR ausrichten.

    Über dieses Thema berichten report München in der ARD am 30.11.2021 um 21:45 und DokThema im BR-Fernsehen am 1.12.2021 um 22:00 . Titel: Geknechtet unterm Kreuz - Leben in einer katholischen Sekte. Der Film ist auch in der ARD-Mediathek zu sehen.

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