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Antisemitismus in Bayern

Da wird ein jüdisches Kind immer in der Schule als Israel-Experte aufgerufen - obwohl es eigentlich keinen Bezug zu dem Staat hat. Oder es soll nicht mehr allein aufs Klo gehen, weil jetzt auch ein Neonazi die Schule besucht. Jemand wundert sich, warum ein Jude einen Steuerberater braucht - Juden müssten doch eh keine Steuern bezahlen. Nach einem Synagogenbesuch wird eine Gruppe Menschen von oben aus einem Haus heraus bespuckt.

Hohe Zahl an Vorfällen

Solche Vorfälle sind Alltag für Juden in Bayern, so der Bericht der bundesweiten Recherchestelle Antisemitismus.

"Ich habe eigene Erlebnisse wiedererkannt. Und habe ein schlechtes Gewissen bekommen, dass ich es vielleicht runtergespielt habe für mich selber, um meiner Familie und mir selber Sorgen zu ersparen." Anna-Deborah Zisler, Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden

Hakenkreuze auf Synagogenbänken

Antisemitismus ist schlicht Alltag für Juden in Bayern, auch in ihrer Heimatstadt Straubing, erzählt Zisler. Zum Beispiel bei Synagogenführungen, wo regelmäßig Hakenkreuze in die Bänke geritzt werden.

In der polizeilichen Statistik, die zwischen 2014 und Ende Juni 2018 706 antisemitische Straftaten im Freistaat erfasst, sind derlei Vorfälle oft nicht enthalten, weil sie nicht strafbar sind, oder die Betroffenen keine Anzeige erstatten.

Die bundesweite Recherchestelle Antisemitismus, von der die Studie über Antisemitismus in Bayern stammt, betont, dass es verfehlt wäre, hinter antisemitischen Taten und Äußerungen nur Rechtsextreme zu vermuten:

"Das Problem ist gesamtgesellschaftlich. Wir haben es natürlich im Rechtsextremismus, aber auch im rechtspopulistischen, islamistischen Bereich. Im links-antiimperialistischen Bereich, wo es dann häufig gegen Israel geht. Wir haben es aber auch häufig in der gesellschaftlichen Mitte." Benjamin Steinitz, Recherchestelle Antisemitismus

Jüdische Gemeinden freuen sich über Ansprechpartner

Der Freistaat gibt jetzt Geld für eine neue Meldestelle Antisemitismus, die zunächst beim bayerischen Jugendring angesiedelt werden soll.

"Wir müssen der Fratze des Antisemitismus entgegentreten. Wir sehen leider, dass die Zahl von Vorfällen wieder zunimmt." Ludwig Spaenle, Beauftragter der Staatsregierung für jüdisches Leben und Antisemitismus

Anna-Deborah Zisler aus Straubing will die neue Einrichtung auf jeden Fall nutzen: "Man ist sich oft selbst nicht mehr sicher: Ist das Antisemitismus oder Dummheit? Um das zu differenzieren, braucht es einen Gesprächspartner. Es kommen immer wieder verunsicherte Mitglieder in die Gemeinden und erwarten, dass wir ihnen helfen. Und jetzt bekommen auch wir Hilfe."