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Neue Lehrer zum Schulbeginn in Bayern: Ist mehr genug? | BR24

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Der erste Schultag ist immer wieder aufregend - für Schüler, ihre Eltern und die Lehrer. Viele Eindrücke stürmen vor allem auf die ABC-Schützen ein: Sie müssen sich an einen ganz neuen Tagesrhythmus und an eine neue Umgebung gewöhnen.

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Neue Lehrer zum Schulbeginn in Bayern: Ist mehr genug?

Für mehr als 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche in Bayern hat heute wieder die Schule begonnen. Über 5.200 Pädagogen wurden für sie neu eingestellt. Aber reicht das? Der Lehrerverband ist skeptisch und warnt: "Die Hütte brennt!"

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Zum neuen Schuljahr wurden in Bayern gut 5.200 Lehrer und Lehrerinnen eingestellt, 1.000 Stellen davon wurden komplett neu geschaffen und sind unbefristet. Hinzu kommen 100 weitere Stellen für Schulpsychologen und Schulsozialpädagogen.

Im Detail sieht das so aus: An den Grundschulen haben 1.600 Lehrkräfte ein Einstellungsangebot erhalten, an den Mittelschulen 690 Lehrkräfte. Hinzu kommen 160 Fachlehrkräfte und 60 Förderlehrkräfte. An den Förderschulen werden 540 Lehrkräfte eingestellt, an den Realschulen 810 Lehrkräfte, an den Gymnasien ebenfalls 810 Lehrkräfte und an den beruflichen Schulen insgesamt 540 Lehrkräfte.

Nach Aussage von Kultusminister Michael Piazolo wird vor jeder Klasse ein Lehrer stehen. Er widerspricht damit der Darstellung, es gebe an den bayerischen Schulen einen akuten Personalmangel.

Lehrerbedarfsprognose: Zu wenig Lehrer bei allen Schularten

Aber: Steigende Geburtenzahlen, Zuwanderung und viele Pensionierungen von Lehrern führen im Freistaat dazu, dass trotz der Neueinstellungen langfristig Lehrkräfte an den Schulen fehlen. Das bayerische Kultusministerium selbst veröffentlicht regelmäßig eine Lehrerbedarfsprognose – die Experten allerdings kritisch sehen. In der aktuellen Prognose des Ministeriums steht, dass es künftig bei allen Schularten einen Mangel an dafür ausgebildeten Lehrern geben wird, an Gymnasien zumindest ab 2025.

Der Lehrermangel, der bereits an Grund- und Mittelschulen in Bayern zu spüren ist, wird sich bald auch an Gymnasien bemerkbar machen, sagt Walter Baier, Vorsitzender der Bayerischen Direktorenvereinigung, im Interview mit der Bayern 2-radioWelt.

"Jetzt müssten deutlich mehr Menschen ein Lehramtsstudium beginnen, aber das Gegenteil ist der Fall. Es gibt weniger Referendare. Die Situation ist fatal, wenn man weiterdenkt. Die einzige Chance, die man jetzt hat, um den Effekt abzumildern, ist, die Lehrer mit sehr, sehr guten Noten, die derzeit nicht eingestellt werden, möglichst im System zu binden." Walter Baier, Bayerische Direktorenvereinigung

Grundschulen droht drastischer Lehrermangel - außer in Bayern

Bis 2025 fehlen laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung bundesweit 11.000 Grundschullehrkräfte mehr als im vergangenen Jahr von der Kultusministerkonferenz prognostiziert. 26.300 neue Grundschullehrerinnen und -lehrer werden in ganz Deutschland in den nächsten sechs Jahren fehlen, sagt die Bertelsmann-Stiftung. Die Kultusministerkonferenz war in ihrer Prognose lediglich von 15.300 fehlenden Absolventen ausgegangen. Die Lage ist drastisch – in Bayern allerdings deutlich weniger prekär als in anderen Bundesländern.

Grund für die Lücke sind stark gestiegene Schülerzahlen. Die Kultusministerkonferenz hatte mit viel weniger Schülern gerechnet.

Neuer Einschulungskorridor stellt kleine Schulen vor Probleme

Ab diesem Schuljahr gilt in Bayern zudem der neue Einschulungskorridor. Eltern, deren Kinder zwischen 1. Juli und 30. September 2013 geboren sind, konnten selbst entscheiden, ob sie ihr Kind ab diesem Jahr in die Schule schicken oder nicht. 44 Prozent haben sich für eine später Einschulung entschieden.

Kultusminister Piazolo räumt ein, dass es Fälle gibt, in denen der Einschulungskorridor Schulen, Kindergärten und Kommunen vor Herausforderungen gestellt hat. Beispiel: Train im Landkreis Kelheim. Die Grundschule in der niederbayerischen Gemeinde ist für mehrere Millionen Euro saniert worden. Nur werden in diesem Schuljahr dort weniger Schüler die Schulbank drücken als ursprünglich geplant. Das hat Folgen für den Schulbetrieb: Statt einer Regelklasse pro Jahrgangsstufe, gibt es dort nun Kombiklassen. Erstklässler lernen mit Zweitklässler, Zweitklässler mit Drittklässlern. Die Eltern sind unzufrieden.

BLLV: "Die Hütte brennt"

Alarmierend findet die Situation auch der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV). In den kommenden Jahren stehe den Grund,- Mittel- und Förderschulen ein Personalmangel bevor, den es in dieser Dimension noch nie geben habe, sagte die BLLV-Vorsitzende Simone Fleischmann dem BR. Sie forderte Antworten auf unter anderem folgende Fragen: Wie gelingt es, mehr Lehrer in Grund,- Mittel- und Förderschulen zu bringen? Wie ist es um die Mobile Reserve bestellt? Und wie soll es mit der Zweitqualifizierung weitergehen?

"Wenn nichts geschieht und es keine konstruktiven Antworten auf diese Fragen gibt, rennen wir sehenden Auges weiter in eine Krise hinein, die uns dann viele weitere Jahre beschäftigen wird." Simone Fleischmann, Vorsitzende des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes

Schaut man auf die Klassengröße, hat sich im Vergleich zum vergangenen Schuljahr nichts getan. In den Grundschulen sind durchschnittlich 21 Schüler in einer Klasse, an den Mittelschulen 10, an den Realschulen und den Gymnasien jeweils 25. Es brauche jetzt Lösungen für die Lehrkräfte und die Schulen, sagte Fleischmann.

Grüne: Unterrichtsversorgung auf Kante genäht"

Thomas Gehring, grüner Sprecher für Lehrkräfte, fordert, die Abbrecherquote im Grundschullehramt aktiv zu reduzieren.

"Es kann nicht sein, dass über ein Drittel Studierende der Grundschule nie an der Schule ankommen wird, das können wir uns angesichts des Lehrkräftemangels nicht leisten. (..) Vor allem rächt es sich jetzt, dass Lehrkräfte, die kleinere Kinder unterrichten, ein kleineres Gehalt bekommen. Der Beruf der Grundschullehrkraft muss attraktiver werden." Thomas Gehring, Grüne

Außerdem müsse die Zweitqualifizierung auf eine solidere Basis gestellt werden.

Kultusministerium: Unterrichtsversorgung ist gesichert

Bei der Zweitqualifizierung handelt es sich um ein Programm für das Lehramt an Grund- und Mittelschulen, das das Kultusministerium bereits seit einigen Jahren für Realschul- und Gymnasiallehrkräfte anbietet.

"Die erfolgreichen Absolventen verfügen dann über zwei Lehramtsbefähigungen und arbeiten unbefristet beschäftigt in der Regel verbeamtet als Lehrer an Grund- und Mittelschulen in Bayern. Über 1.400 Lehrkräfte haben diese Maßnahme bereits abgeschlossen, weitere über 1.200 Lehrkräfte nehmen aktuell daran teil. Ein vergleichbares Programm gibt es auch für den Bedarf an Förderschulen." Stellungnahme des bayerischen Kultusministeriums

In der Stellungnahme heißt es weiter, die Unterrichtsversorgung an den Schulen in Bayern sei gesichert. "Bayern tut sehr viel, um die Versorgung mit qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern an allen Schularten zu sichern." So habe der Freistaat neben der Zweitqualifizierung bereits zum vergangenen Wintersemester 700 zusätzliche Studienplätze für das Grundschullehramt geschaffen. Auch die Mobile Reserve für den Einsatz an Grund- und Mittelschulen sei von rund 2.450 Vollzeit-Lehrerstellen erneut um 50 Stellen auf nun 2.500. aufgestockt worden.

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Kultusmister Piazolo sieht die bayerischen Schulen gut aufgestellt. Der Minister möchte eine bessere Bezahlung der Lehrer durch Beförderungen erreichen. Der SPD geht das nicht weit genug.