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Bildrechte: dpa/Daniel Karmann

Vor rund zehn Jahren enttarnte sich die rechte Terrorzelle NSU selbst. Eine Nürnberger Forscherin hat nun eine Broschüre veröffentlicht. Sie will an die Opfer erinnern und zeigt, dass viele Fragen zum NSU-Netzwerk offen sind.

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Neue Broschüre erinnert an NSU-Opfer

Vor rund zehn Jahren enttarnte sich die rechte Terrorzelle NSU selbst. Eine Nürnberger Forscherin hat nun eine Broschüre veröffentlicht. Sie will an die Opfer erinnern und zeigt, dass weiterhin viele Fragen zum NSU-Netzwerk offen sind.

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Von
  • Jonas Miller

Neun Mal feuerten die Rechtsterroristen des NSU auf Enver Şimşek. Vier Kugeln trafen seinen Kopf, ein Schuss durchschlug seine Brust. Am 9. September 2000 wurde der 38-jährige Blumenhändler Enver Şimşek in seinem mobilen Blumenstand an einer Parkbucht im Nürnberger Stadtteil Langwasser ermordet. Die NSU-Terroristen fotografierten ihr sterbendes Opfer für das spätere Bekennervideo und verschlossen den Transporter.

Broschüre und Ausstellung soll Opferperspektive aufzeigen

Nach dem Mord ermittelt die Polizei hauptsächlich gegen das Opfer und die Hinterbliebenen, erinnert sich Abdulkerim Şimşek, der Sohn des Ermordeten. "Wir standen jahrelang im Fokus der Ermittlungen. Es hieß mein Vater sei ein Drogendealer. Diese Zeit hat Spuren hinterlassen. Es schmerzt einfach", sagte Şimşek am Rande der Gedenkveranstaltung für seinen Vater im vergangenen Jahr dem BR. Die Nürnberger Rechtsextremismus-Forscherin Birgit Mair hat sich intensiv mit den Opfern der Terrorzelle und den Hinterbliebenen auseinandergesetzt und nach der Selbstenttarnung der Terrorzelle die Ausstellung "Die Opfer des NSU" initiiert.

Wissenschaftlerin warnt vor Rechtsextremismus

Die Ausstellung wird bundesweit gezeigt, beispielsweise in Schulen. Nun hat Mair einen Begleitband zur Ausstellung veröffentlicht. Mit der Ausstellung und Broschüre greift Mair die Perspektive der Hinterbliebenen auf, will zeigen wie die Aufarbeitung der Verbrechen gelaufen ist und wie sich die jüngsten rechtsterroristischen Attentate wie von Halle oder Hanau auf die betroffenen Familien ausgewirkt haben. Mair forscht nicht nur zu Rechtsextremismus, als Aktivistin beim Nürnberger Bündnis Nazistopp meldet sie Demonstrationen gegen Rechts an. Die Sozialwissenschaftlerin will mit der Wanderausstellung und Broschüre allerdings nicht nur erinnern, sondern auch mahnen und warnen – vor Rechtsextremismus und neonazistischer Gewalt. Jugendliche und junge Erwachsene sollen einen "Einblick bekommen, zu was Neonazis fähig sind. Sie ermorden einfach unschuldige Menschen, weil sie nicht in ihr rassistisches Weltbild passen", führt Mair im Gespräch mit dem BR aus.

Viele offene Fragen zum NSU-Netzwerk

Aber Mair geht in der Broschüre auch auf das Netzwerk des NSU ein. Nach den Urteilen im NSU-Prozess 2018 wird naturgemäß viel seltener über die Verstrickungen der rechten Terrorzelle berichtet. Und das, obwohl der Generalbundesanwalt seit Jahren immer noch gegen neun mutmaßliche Unterstützer ermittelt. Doch von diesen Ermittlungen "erfährt man einfach gar nichts", kritisiert Mair. Für die Hinterbliebenen Familien sei das sehr frustrierend. Im Prozess konnte beispielsweise nicht geklärt werden, wer die Opfer auswählte. Das NSU-Kerntrio konnte sich bei der Mordserie auf etliche Unterstützer aus der Neonazi-Szene stützen. Womöglich gab es Mitwisser und Helfer in den einzelnen Städten. Das glaubt auch Abdulkerim Şimşek, der Sohn des ermordeten Enver Şimşek: "Mittäter laufen frei herum. Mein Vater wurde auserwählt und ausgekundschaftet. Der Typ, der das gemacht hat, ist noch auf dem freien Fuß. Es sind viel zu viele offene Fragen und nichts gut aufgeklärt."

Bislang unbekanntes NSU-Mitglied in Nürnberg?

Mindestens eine Person aus dem direkten Umfeld des Kerntrios wurde bislang nicht ausfindig gemacht. Nach der Selbstenttarnung der rechtsextremen Terrorzelle warf eine bislang unbekannte Person das Bekennervideo unfrankiert in den Briefkasten der Nürnberger Nachrichten. Beate Zschäpe kann es nicht gewesen sein, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Bis heute konnte nicht geklärt werden, wer die Person war. Das treibt auch die Angehörigen um. Die Geschichten der Hinterbliebenen will Mair in ihrer neuen Broschüre und der Ausstellung aufgreifen und verdeutlichen, welchen Schmerz die Angehörigen durch den Morde und die Ermittlungen nach wie vor durchleben. Wegen Corona konnte die Ausstellung in den vergangenen Monaten nicht wie gewohnt gezeigt werden. Doch bereits im Juli sind wieder Termine geplant.

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Titel der Borschüre "Die Opfer des NSU"

© BR/Jonas Miller

Birgit Mair hat sich für die Ausstellung intensiv mit den Opfern der Terrorzelle und den Hinterbliebenen auseinandergesetzt

© ISFBB e.V.

Rechtsextremismus-Forscherin Birgit Mair

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