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Ferkelkastration: Bund fördert weitere Narkosegeräte | BR24

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Der Bayerische Bauernverband kritisiert die neuen Regeln für die Kastration von Ferkeln. Wenn Landwirte vom kommendem Jahr an ihre Ferkel dazu mit einem speziellen Narkosegerät betäuben müssten, bedeute das das Ende für viele kleinere Betriebe.

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Ferkelkastration: Bund fördert weitere Narkosegeräte

Der Bauernverband fürchtet, dass kleine Schweinemastbetriebe sterben, wenn Ferkel ab Januar vor der Kastration betäubt werden müssen. Der Bund gibt Bauern jetzt noch einmal die Chance, Zuschüsse bei der Anschaffung eines Narkosegerätes zur erhalten.

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Bundesministerin Julia Klöckner (CSU) sagt, dass es keine Ausnahmen geben und auch keine Verschiebung mehr möglich sein wird: Ab Januar 2021 dürfen Landwirte Ferkel nicht mehr ohne Narkose kastrieren. Das sieht eine Verordnung vor, die der Bundestag verabschiedet hat. Die neue Verordnung führe dazu, dass viele kleine landwirtschaftliche Betriebe sterben, heißt es aus dem Bayerischen Bauernverband.

Bauern verlieren Gewinne durch teure Narkosegeräte

Das Narkosegerät, das für die Kastration von Ferkeln ab Januar Pflicht ist, koste mehrere Tausend Euro. Im Raum stehen Preise zwischen 3.000 und 10.000 Euro netto. Das sei für kleine Betriebe zu teuer, sagt Hans Rebelein, der Geschäftsführer des Kreisverbands Coburg. Immerhin mache ein Landwirt mit einem Mastschwein nur zwischen fünf und zehn Euro Gewinn. Die Anschaffung eines Narkosegerätes würde diesen Gewinn für den Landwirt auffressen, so der Kreis-Geschäftsführer.

Immer weniger Landwirte züchten Schweine

Belegen will er das am Beispiel eines landwirtschaftlichen Betriebes in Buch am Forst im Landkreis Lichtenfels. Dort hat Landwirt Ulrich Illmer neun Muttersauen stehen und züchtet im Jahr rund 130 Mastschweine. Das Narkosegerät zur Kastration der Ferkel könne er sich nicht leisten, sagt er. Er suche nun nach Betrieben, mit denen er sich zusammen ein solches Gerät anschaffen könne.

Die Suche erweise sich aber als schwierig, weil immer weniger Betriebe Schweine züchteten. Gerade kleinere Betriebe hätten in den vergangenen Jahren aufgegeben. Gab es im Landkreis Lichtenfels im Jahr 1990 noch 2.616 Muttersauen, waren es im vergangenen Jahr nur noch 467. Der Bauernverband will dem Landwirt daher bei der Suche helfen.

Vorwurf: Politik fördert Massentierhaltung

Illmers Vorwurf: Weil sich das Gerät nur große Mastbetriebe leisten könnten, fördere die Politik mit der Verpflichtung zur Narkose die Massentierhaltung. Illmer verweist auf die jüngsten Hygienemängel bei dem Großschlachtbetrieb Tönnies und sagt, er stehe für ein anderes System.

Er liefere seine Schweine zu einem Metzger im drei Kilometer entfernten Ort Untersiemau im Landkreis Coburg. Ob er das auch im nächsten Jahr noch tun kann, sei ungewiss. Weil das Fleisch von geschlechtsreifen Ebern streng riecht, wolle man seine Tiere dort nur, wenn sie vorab kastriert wurden.

Manche Metzger lehnen Schweine mit Immunokastration ab

Die Narkotisierung der Ferkel vor der chirurgischen Kastration ist aber nicht die einzige Möglichkeit, die der Gesetzgeber bietet. Ab Januar 2021 ist es weiterhin erlaubt, Eber zu mästen und vor der Geschlechtsreife und damit ohne den typischen Eber-Geruch zu schlachten. Oder sogenannte "Stinker" am Schlachthof auszusortieren.

Erlaubt ist außerdem weiterhin die sogenannte Immunokastration oder auch Eberimpfung. Dabei wird den Tieren der Stoff "Improvac", ein synthetisches Eiweiß, in die Muskulatur am Hals gespritzt. Einmal im Alter von 10 bis 12 Wochen, das zweite Mal rund vier Wochen vor der Schlachtung. Durch die zweimalige Impfung wird verhindert, dass in den Hoden der Eber Geschlechtshormone gebildet werden, die für den unangenehmen Ebergeruch verantwortlich sind. Auf Ökobetrieben ist diese Methode aber bald nicht mehr zugelassen. Doch nicht alle Metzger wollen auf diese Weise gemästete Tiere annehmen – wie etwa der Metzger, den Landwirt Illmer beliefert.

Bund unterstützt Landwirte bei der Anschaffung der Narkosegeräte

Das Bundeslandwirtschaftsministerium unterstützt die Landwirte daher bei der Anschaffung von Narkosegeräten. Für das Jahr 2020 stehen insgesamt 20 Millionen Euro zur Verfügung. Pro Landwirt gibt es bis zu 5.000 Euro. Bis zum 1. Juli hatten gut 3.500 Sauenhalter die Förderung eines Isofluran-Narkosegerätes bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) beantragt. Das entspreche knapp der Hälfte aller Sauenhalter, teilt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mit.

Um noch weiteren Ferkelerzeugern die Möglichkeit zu geben, die Förderung in Anspruch zu nehmen, können Betriebe vom 31. August bis 14. September noch einmal Anträge zur Förderung eines Isofluran-Narkosegerätes stellen.Weitere Infos dazu gibt es hier.

Ministerium: 3.500 Mastbetriebe entscheiden sich für Isofluran-Narkose

Weil das viele getan haben, geht die Bundesregierung bisher davon aus, dass der Marktanteil der Ferkel, die mithilfe der Isofluran-Narkose kastriert wurden, ab Januar bei rund 50 Prozent liegt. Etwa 30 Prozent sollen dann noch auf die Ebermast entfallen und rund 20 Prozent auf die Immunokastration.

Tierärzte und Tierschützer kritisieren Ferkelkastration

Mit ihrer Kritik an der Kastration unter Narkose sind Landwirt Illmer und der Bayerische Bauernverband jedoch nicht allein. Auch die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT), die Tierschutzorganisation "Provieh" und die Bundestierärztekammer (BTK) hatten sich zuvor gegen die Methode ausgesprochen, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Grundsätzlich sollte man eine Amputation vermeiden, hieß es von Tierärzten und Tierschützern. Und wenn doch, dann sollte der Eingriff auf jeden Fall von einem Tierarzt vorgenommen werden.

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