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Nahverkehr ist "Zumutung" - Scheuer kritisiert "Bahn-Bashing" | BR24

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In der Münchner Runde haben SPD-Verkehrsexpertin Inge Aures, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, eine Pendlerin, Klaus-Dieter Josel von der Deutschen Bahn und ein Bahnkritiker über Probleme und Chancen des Nahverkehrs diskutiert.

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Nahverkehr ist "Zumutung" - Scheuer kritisiert "Bahn-Bashing"

Das Thema Nahverkehr erhitzte in der Münchner Runde die Gemüter: Während eine Pendlerin kurz davor ist, aus Frust ihr Abo zu kündigen, spricht Verkehrsminister Scheuer von der Bahn als "Gewinner des Klimaschutzprogramms". Wie geht das zusammen?

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Etwa 1,4 Milliarden Fahrgäste nutzen jährlich Bayerns Nahverkehr - Linda Summer-Schlecht gehört auch dazu. Sie pendelt regelmäßig aus der Nähe von Wasserburg nach München. Doch: "Momentan bin ich fast so weit, mein MVV-Abo zurückzugeben", sagt sie.

Pendlerin spricht von Zumutung

Der Frust bei Summer-Schlecht ist groß. Nur dreimal täglich fahre ein Bus - eigentlich nur der Schulbus. Der nutze ihr gar nichts. Auch nicht ihren Kindern, die seien aus dem Schulalter raus. "Wir brauchen einen Bus, der zur Bahn geht - von früh bis spät." Ihr Sohn komme nur zur Berufsschule, wenn sie ihn zur Bahn fahre oder er den Roller nehme. Für Summer-Schlecht sei es eine Zumutung, dass sich die Menschen selbst mit Individualverkehr organisieren müssen.

"Was ich bei der Bahn erlebe, ist unfassbar"

Dass der Personennahverkehr ein sehr emotionales Thema ist, wird in der "Münchner Runde" schnell klar. Auch der Journalist und Bahnkritiker Arno Luik hat bereits einige negative Erlebnisse mit der Deutschen Bahn gemacht - so auch auf seiner Anreise von Hamburg zur Sendung. Er habe extra mehr Zeit eingeplant und dann das: 52 Minuten Verspätung: "Das, was ich bei der Bahn erlebe, ist unfassbar."

Scheuer: Bahn ist Gewinner des Klimaschutzprogramms

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) versteht den Unmut nicht. Es gebe so viele Bahnreisende und Pendler jeden Tag, so schlimm könne es doch nicht sein. Auch er musste kürzlich auf einen überfüllten Ersatzzug umsteigen. Dennoch hat er auf "Bahn-Bashing" keine Lust. Für ihn ist die Bahn klar "Gewinner des Klimaschutzprogramms." Es gebe schon viele gute, pünktliche Züge und jetzt komme außerdem die "ICE-4-Generation". Scheuer will lieber über "positive Dinge", wie die 2. Stammstrecke in München, sprechen. Und hebt hervor: "Wir investieren auf Rekordniveau."

Investitionen auf Rekordniveau

Erst kürzlich hat die Bundesregierung ein Millardenpaket für den Ausbau des Regionalverkehrs mit Bahnen und Bussen beschlossen. Derzeit gibt es vom Bund rund 8,6 Milliarden Euro an sogenannten Regionalisierungsmitteln. Von 2020 bis 2023 sollen die Länder insgesamt 1,2 Milliarden Euro zusätzlich bekommen. Solche Rekordinvestitionen habe es laut Scheuer zuvor noch nie gegeben.

Bahnkritiker: "Zerfall und versiffte Bahnhöfe"

Luik ergänzt, die Bahn habe die große Tradition, leere Versprechungen zu machen: "Alles nur Großprojekte." Und was kommt am Ende dabei raus? "Zerfall und versiffte Bahnhöfe", sagt der Bahnkritiker. Er wirft der Bahn schwere Planungsfehler vor und moniert, dass bis zu 41 Meter in die Tiefe gebaut werde. Fahrgäste würden keine Lust haben, "wie ein Wurm da unten zu existieren" . Und auch Pendlerin Linda Summer-Schlecht ist nicht so richtig überzeugt von dem Großprojekt 2. Stammstrecke. Ihre Bahn-Verbindung leide darunter.

Aures: Nahverkehr auf dem Land eine "reine Katastrophe"

SPD-Verkehrsexpertin Aures erinnert: "Sie geben jetzt viel Geld in die Länder. Aber: was passiert in Bayern?" Aures nennt die Verkehrsanbindung in den ländlichen Regionen eine "reine Katastrophe". In Bayern gebe es 96 Landkreise und kreisfreie Städte und nur 50 von ihnen befänden sich im Verkehrsverbund. Von gleichwertigen Lebensverhältnissen könne da in Bayern keine Rede sein. Zudem herrsche absolutes "Tarifchaos", so Aures weiter.

Josel: "Mit ausgefallenen Zügen bestrafen wir uns selbst"

Für die Fahrgäste und zahlreichen Pendler in München auch nicht gerade von Vorteil: Die Deutsche Bahn hat sogenannte "Taktverstärker"-Züge aus dem Fahrplan genommen. Der Grund laut dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn für Bayern, Klaus-Dieter Josel: Zu wenig Personal. Mehr Personalkosten als Umsatz könne man sich als Wirtschaftsunternehmen schließlich nicht leisten. Immerhin: Er verspricht, nach Weihnachten sei die Taktung wieder zu 100 Prozent gegeben.

Und wie steht es um die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn? Laut Statistik waren 2018 93,5 Prozent aller Züge pünktlich, aber nur 74,9 Prozent im Fernverkehr. Und das, obwohl ein Fernzug erst ab einer Verspätung von sechs Minuten als unpünktlich gilt. Richard Lutz, der Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, hat das einmal ganz einfach so gerechtfertigt: "Wenn ein Zug nicht fährt, kann er nicht unpünktlich sein." Das sei irgendwie richtig, aber auch eine Ungeheuerlichkeit und ein Armutszeugnis, so Luik. Josel sagt dazu nur: "Mit ausgefallenen Zügen bestrafen wir uns selbst."

Pendlerin: "Brauchen ein regelmäßiges Angebot"

Überhaupt sehe er die Situation im Nahverkehr nicht so kritisch - vor allem, was stillgelegte Bahnstrecken angeht. Schließlich würden einzelne auch wieder reaktiviert werden. Scheuer pflichtet dem bayerischen Bahnchef bei, man müsse ja nicht zu jedem Weiher eine Schiene hinlegen.

Trotzdem: "Wir brauchen ein regelmäßiges Angebot", fordert Summer-Schlecht. Und dieses bestenfalls auch besser digitalisiert. Hinzu komme der Faktor Preis. Besonders jüngere Leute würde man ihrer Meinung nach mit einem Gratisticket locken können.

Ob die Investitionen des Verkehrsministers am Ende dort ankommen, wo sie dringend benötigt werden, bleibt abzuwarten.

"Zugausfälle, Verspätungen, teure Tickets: Ärger um den Nahverkehr" - die komplette Münchner Runde vom 13. November 2019 finden Sie hier in der Mediathek oder auf YouTube.

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