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Bildrechte: BR/Hans Mielich

Völlig unerwartet hat Burglengenfelds junger Bürgermeister innerhalb weniger Wochen einen Großteil seiner Sehkraft verloren. Nach einer kurzen Pause ist Thomas Gesche jetzt wieder im Amt - mit menschlicher und technischer Unterstützung.

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Nahezu erblindet: Wie ein Bürgermeister mit seinem Handicap lebt

Völlig unerwartet hat Burglengenfelds junger Bürgermeister innerhalb weniger Wochen einen Großteil seiner Sehkraft verloren. Nach einer kurzen Pause ist Thomas Gesche jetzt wieder im Amt - mit menschlicher und technischer Unterstützung.

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Von
  • Andreas Wenleder
  • Alexander Arnö

Mit einer Lupe in der Hand sitzt Thomas Gesche an seinem Schreibtisch. Um sein Passwort eingeben zu können, muss er sich weit über seine Tastatur beugen. Nur wenige Zentimeter liegen zwischen Tasten und Augen, dazwischen die Lupe.

Mit Hilfe eines Programms, das die Bildschirmdarstellung stark vergrößert, könne er mittlerweile zumindest wieder ein wenig allein am Computer arbeiten, sagt der 36-Jährige Bürgermeister von Burglengenfeld. Normale Briefe oder Dokumente lesen, sei aber unmöglich. Auf seinem Schreibtisch liegt deshalb jetzt immer öfter ein Stapel großer Blätter, DIN A3, bedruckt in Schriftgrad 100. Nur wenige Wörter haben pro Seite Platz.

Sehverlust in wenigen Tagen

Der 36-Jährige hatte nicht lange Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Es ist Ende Januar: Gesche hatte bis dahin keine Probleme mit dem Sehen, doch innerhalb von nur zwei bis drei Tagen verschlechtert sich seine Situation drastisch. "Ich habe Briefe nicht mehr lesen können, Dinge am Handy nicht mehr erkannt", sagt der CSU-Bürgermeister.

Anfangs sei es gewesen, als müsse er durch ein Netz schauen. "Dieses Netz ist dann immer engmaschiger geworden", sagt Gesche. Er konsultiert mehrere Ärzte. Der Anfangsverdacht, eine Diabetes-Erkrankung könnte die Ursache sein, bestätigt sich nicht. Stattdessen wird ein Gendefekt festgestellt. Die Verbindung des Sehnervs mit dem Auge sei geschädigt, eröffnen ihm seine Ärzte.

"Welt wirkt verpixelt"

Nur noch acht Prozent Sehkraft sind Gesche aktuell geblieben. Farben erkenne er noch gut, ansonsten wirke die Welt auf ihn wie verpixelt und komplett unscharf. "Das ist ein großer Schreck. Vor allem, wenn der eigene Motor eigentlich die ganze Zeit auf 130 Prozent läuft und dann von jetzt auf gleich ausgebremst ist", sagt er.

Nach der Diagnose nahm sich Gesche mehrere Wochen eine Auszeit. In dieser Zeit musste er erst einmal seinen Alltag neu organisieren. Wo stehen bestimmte Sachen im Haushalt? Wie lässt sich das richtige Programm bei Haushaltsgeräten finden? "Man entwickelt schnell ein gutes Gefühl für den Tastsinn und das Hören", sagt Gesche. Bestimmte Signaltöne seiner Waschmaschine seien ihm beispielsweise vorher nie aufgefallen, aber jetzt extrem hilfreich. Sein Smartphone hat er auf Sprachausgabe umgestellt.

Viel Mitgefühl erfahren

Nach seiner mehrwöchigen Pause meldet er sich mit einer Videobotschaft bei den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt. Er betont das Amt wieder mit vollem Einsatz ausführen zu wollen, nur eben mit Handicap. Auch bedankt er sich für die vielen Genesungswünsche, die er bekommen habe. "Einige haben sogar gesagt, dass sie mich in ihre Gebete einschließen", freut sich Gesche.

"Nach wie vor hoch motiviert"

Das Mitgefühl sei schön und auch die Ermunterungen den Dienst wieder aufzunehmen. Mitleid brauche man mit ihm aber nicht haben, sagt Gesche. "Ich bin ja nicht der einzige Mensch auf der Welt, der durch ein Handicap eingeschränkt ist. Es gibt viele Menschen, die es noch schwerer getroffen hat, die vielleicht querschnittsgelähmt oder komplett erblindet sind. Die stehen auch im Alltag und erfüllen ihre Aufgaben", sagt Gesche.

Zudem bekomme er auch die notwendige technische und personelle Unterstützung. Eine zusätzliche Assistentin hat die Gemeinde für den Bürgermeister bereits eingestellt. Auch eine Art Dokumenten-Lesegerät mit Sprachausgabe soll ihm helfen. Noch wartet er aber auf die Genehmigung durch die Krankenkasse. Seine Rückkehr ins Amt sollen solche Kleinigkeiten aber genauso wenig bremsen wie sein Handicap. "Ich bin ja geistig topfit und nach wie vor hoch motiviert, vielleicht sogar motivierter als vorher", sagt Gesche.

💡 Hintergrund: Mit weniger als zwei Prozent Sehvermögen auf dem besseren Auge gilt ein Mensch in Deutschland als blind, bei unter fünf Prozent als hochgradig sehbehindert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind in Deutschland über 76.000 Menschen blind und über 500.000 Menschen sehbehindert oder hochgradig sehbehindert (Stand 31.12.2019).

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband geht davon aus, dass es tatsächlich noch deutlich mehr Menschen sind, da in der Schwerbehindertenstatistik nicht alle Fälle erfasst werden. Unterstützung und Angebote für Sehbehinderte und blinde Menschen bieten in Bayern unter anderem die Beratungsstellen von "Blickpunkt Auge" des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes in mehreren Städten an.

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