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Die Tschechisch-Abschlussklasse an der Sigmund-Wann-Realschule Wunsiedel mit ihrer Lehrerin Marcela Pöhlmann.

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Nah und doch fern: Warum in Bayern kaum jemand Tschechisch lernt

An politischen und kulturellen Initiativen für die Zusammenarbeit mit Tschechien herrscht in Bayern kein Mangel. In puncto Sprachkenntnisse gibt es nach wie vor ein echtes Missverhältnis.

Von
Christoph RöderChristoph RöderBR24  RedaktionBR24 Redaktion
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Es ist das Jahr 1996, als Lenka Rybarova als eine der allerersten tschechischen Schülerinnen und Schüler ein Gastschuljahr in Amberg am Max-Reger-Gymnasium verbringt. "Ich erinnere mich, dass mich ein anderes Mädchen am Anfang gefragt hat, ob ich denn auch wie sie jeden Tag dusche. Sie meinte das nicht böse, es zeigt aber, wie wenig Wissen über die anderen am Anfang da war", sagt die heute 42-Jährige und lacht dabei.

Jedes Jahr tschechische Gastschüler in Amberg

Rybarova ist inzwischen selbst Lehrerin für Deutsch und Spanisch am Gymnasium der tschechischen Stadt Sokolov und vermittelt von dort aus jedes Jahr Gastschülerinnen und -schüler an eben dieses Max-Reger-Gymnasium.

Wünschen würde sie es sich schon, dass auch mehr Deutsche Tschechisch lernen, sagt sie, hat aber durchaus Verständnis für den geringen Enthusiasmus: "Eine Sprache lernen, ist eine Menge Arbeit – und man will sich ja dann mit möglichst vielen Menschen unterhalten können. Tschechisch wird nur in Tschechien gesprochen und das ist ein kleines Land." Zahlenmäßig ist das nicht von der Hand zu weisen: Deutsch sprechen laut Bundesregierung etwa 130 Millionen Menschen als Mutter- oder Zweitsprache, Tschechisch nur gut 13 Millionen.

25 Jahre lang kein deutscher Gastschüler in Tschechien

Dabei gibt es in Deutschland und Tschechien mehrere Kooperationsplattformen. Seit 25 Jahren gibt es zum Beispiel das so genannte Gastschuljahr bei der deutsch-tschechischen Kooperationsplattform Euregio Egrensis. Dabei können Schülerinnen und Schüler ein Jahr an einer Schule im jeweils anderen Land verbringen.

Seit dem Start im Schuljahr 1996/97 gab es dafür auf tschechischer Seite durchgehend mehr Interesse als verfügbare Plätze: Hunderte junger Tschechen haben über die Jahre ein Schuljahr in Oberfranken und der Oberpfalz verbracht, jeweils der östliche Teil der beiden Regierungsbezirke bildet den bayerischen Einzugsbereich der Euregio Egrensis.

Dass eine Schülerin oder ein Schüler aus Bayern ein Gastschuljahr an einem tschechischen Gymnasium verbracht hätte, ist dagegen in 25 Jahren nicht ein einziges Mal vorgekommen – obwohl auch das in gleicher Weise finanziell unterstützt werden würde. Lediglich zwei- bis vierwöchige Schnupperaufenthalte verbringen Deutsche regelmäßig an tschechischen Schulen.

Viele Tschechen lernen Deutsch, aber kaum Deutsche Tschechisch

Der Grund ist schnell gefunden: Das Gastschuljahr-Angebot richtet sich vorwiegend an Gymnasiasten zwischen 16 und 18. In dieser Altersklasse spricht auf bayerischer Seite nahezu niemand gut genug Tschechisch. Das Gymnasium heißt in Deutschland und Tschechien gleich und ist was Sprachausbildung angeht auch inhaltlich vergleichbar: Englisch wird als erste Fremdsprache unterrichtet, eine zweite Fremdsprache ist Pflicht.

In Tschechien ist dabei Deutsch noch immer die am häufigsten gewählte zweite Fremdsprache, Tschechisch-Angebote an bayerischen Gymnasien muss man dagegen mit der Lupe suchen – im Euregio-Egrensis-Bereich gibt es nicht eine einzige Schule dieser Art, die die Nachbarsprache als Wahlpflicht- oder Profilfach anbietet.

Das Tschechisch-Interesse an Bayerns Gymnasien ist gering

Einen Lehrplan für Tschechisch von der 10. bis zur 12. Klasse gibt es beim Münchner Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) theoretisch. Es versuchen auch vereinzelt Gymnasien in Bayern, Tschechisch als zweite oder dritte Fremdsprache anzubieten, keines davon hat es bisher aber geschafft, ein solches Angebot dauerhaft zu etablieren.

Trotz der direkten Nachbarschaft mangelt es schlicht an Interesse, die Konkurrenz durch Spanisch, Italienisch oder Französisch ist meist zu stark. Das gilt häufig auch für Tschechisch als Wahlfach: Das würde zum Beispiel das Gymnasium Neustadt an der Waldnaab anbieten, der Kurs ist laut Schulleiter Anton Hochberger aber schon seit mehreren Jahren nicht mehr zustande gekommen.

Tschechisch-Kenntnisse insbesondere an der Grenze von Vorteil

In direkter Nachbarschaft zu Tschechien haben Sprachkenntnisse allerdings Vorteile auch für deutsche Schüler. Ein Gutteil der Unternehmen und Behörden im östlichen Teil Oberfrankens und der Oberpfalz beschäftigt entweder viele tschechische Mitarbeiter oder arbeitet direkt mit tschechischen Partnern zusammen.

"Bei mir hat mein Tschechisch am Ende den Ausschlag gegeben, dass ich mich gegen eine andere Bewerbung durchsetzen konnte", sagt zum Beispiel die 20-jährige Vanessa Mauersberger aus Wunsiedel. Sie arbeitet bei der Stadtverwaltung und wurde dort durch ihre Sprachkenntnisse auch sehr schnell in Projekte wie die Städtepartnerschaft mit dem tschechischen Ostrov eingebunden.

Wunsiedels Realschule bayernweit einzige mit Wahlpflichtfach Tschechisch

Gelernt hat Vanessa die Sprache an der Sigmund-Wann-Realschule in Wunsiedel. Sie ist die bayernweit einzige, an der Schülerinnen und Schüler schon seit 2007 Tschechisch als Wahlpflichtfach belegen können – also als reguläre zweite Fremdsprache, in der auch Abschlussprüfungen durchgeführt werden.

Als Wahlfach gibt es Tschechisch an diversen Realschulen im Euregio-Egrensis-Gebiet, in Vohenstrauß und Waldsassen zudem als Fach für Talentklassen. Das ist eine Art Mittelweg zwischen Wahl- und Wahlpflichtfach: Besonders begabte Schülerinnen und Schüler können sich für den Unterricht von der siebten bis zur zehnten Klasse entscheiden, er kann dann auch abschlussrelevant sein. Sie können ihr Talentfach aber auch zu jedem neuen Schuljahr ablegen, ohne dass das negative Konsequenzen hätte.

Der Wunsch müsste verstärkt aus der Bevölkerung kommen

Der Wille, mehr Wert auf die tschechische Sprache zu legen, müsste insgesamt von den Menschen in der Grenzregion selbst kommen – politische Angebote und auch Geldtöpfe wären in der Theorie durchaus vorhanden. So hat das bayerische Kultusministerium der Sigmund-Wann-Realschule den Tschechisch-Zweig seit 2007 immer bewilligt, auch wenn er mal nur acht statt der eigentlich erforderlichen 14 Schülerinnen und Schüler hatte.

Den wohl größten Vorteil ihrer Sprachkenntnisse abseits aller wirtschaftlichen Gründe hat die aktuelle Abschlussklasse dort selbst schon festgestellt: Wenn man die Menschen im Nachbarland in ihrer Muttersprache anspricht, reagieren sie ganz anders und sehr positiv auf einen selbst. Auch, wenn die Grammatik mal nicht ganz stimmt.

Schüler und eine Lehrerin in einer Tschechisch-Stunde an der Sigmund-Wann-Realschule in Wunsiedel

Bildrechte: BR/Christoph Röder

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