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Aufräumarbeiten nach dem Unwetter in Landshut.

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Nach Unwettern in Niederbayern: Der Schock sitzt immer noch tief

Landshut und andere Gebiete in Niederbayern waren in nie gekanntem Ausmaß von Unwettern betroffen. Auch vier Wochen später laufen die Aufräumarbeiten noch. Das ganze Ausmaß der Schäden ist noch nicht auszumachen. Und die Angst bleibt.

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Von
  • Carina Bauer
  • Michaela Bold

Es war der Tag des EM-Spiels Deutschland gegen England, als das Unwetter über Süddeutschland wütete. Landshut war besonders betroffen: Die ganze Innenstadt stand unter Wasser. 60 Liter Regen fielen pro Quadratmeter - in nur 25 Minuten.

Die Flutwellen erreichten auch die Straße von Franz Fleischhacker am Stadtrand. Der 58-Jährige war gerade mit seiner Frau im Urlaub, als der Starkregen kam. Seit fast vier Wochen laufen nun im Keller die Trocknungsgeräte – und zwar rund um die Uhr. Die Heizung, die gesamte Elektrik, die Waschmaschine und der Trockner sind zerstört. Der Schaden beläuft sich auf über 80.000 Euro. Fleischhacker ist versichert, aber der Schreck wirkt nach.

"Das ist eine Katastrophe. Es war schlimmer als ich mir jemals vorstellen konnte. Es war, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte." Franz Fleischhacker

Von dem Unwetter waren vor allem die Hanglagen der Stadt betroffen. Die Wassermassen kamen aus dem Wald und über die Felder. Wo sonst Straßen waren, waren nun Wildbäche. Kieswege wurden mitunter ganz weggerissen. Zum Glück gab es nur drei Leichtverletzte.

Zerstörung unbekannten Ausmaßes in Landshut

Mehr als vier Wochen später ist die Landshuter Feuerwehr noch immer mit den Nacharbeiten beschäftigt. Manche Feuerwehrleute waren 48 Stunden im Einsatz. 350 Einsatzorte gab es im Stadtgebiet.

"Dass wir hier flächendeckend die Keller bis zur Oberkante voll hatten, dass ganze Geschäfte überflutet sind oder dass in unserer Alt- und Neustadt das Wasser oder der Schlamm knietief steht, so was weiß ich in 20 Jahren Feuerwehr nicht. Auch unsere älteren Kollegen können sich eigentlich nicht an diese Ausmaße erinnern." Dominik Zehatschek, Pressesprecher Feuerwehr Landshut

Rund 500 Schläuche wurden bei diesem Extrem-Einsatz zum Abpumpen verwendet. Jeder benötigt drei bis vier Tage, bis er wieder komplett trocken ist. Entsprechend lange dauert die Nachbereitung.

Die große Frage: Was kommt da noch?

Und dann ist da noch die Sorge, was künftig auf sie zukommen wird. Nach dem Jahrhunderthochwasser 2013 und den Flutkatastrophen in Braunsbach und in Simbach 2016 habe der Katastophenschutz sich immer besser darauf eingestellt, was da in Zukunft noch auf einen zukommen würde, sagt Zehatschek. Sie hätten spezielle Fahrzeuge und die Einsatzpläne angepasst.

"Man muss schon sagen, dass bei diesen Ereignissen auch irgendwo mal die Grenze des Machbaren und der Vorplanung erreicht ist." Dominik Zehatschek, Pressesprecher Feuerwehr Landshut

Was auffällt bei den starken Wetterereignissen in den letzten Wochen: Sie treten sehr lokal auf, aber mit enormem Schaden.

Ernteausfall: 100 Prozent

So auch 100 Kilometer weiter östlich bei Mitterdorf im Landkreis Passau. Hier zog schon eine Woche vorher, am 22. Juni, ein Hagelsturm durch die Region. Eine viertel Stunde lang prasselten Hagelkörner in Walnussgröße nieder. Bis zu 70 Zentimeter hoch stand das Hagel-Dreck-Gemisch in den Höfen. Die Bäume sind seitdem fast kahl, viele Felder kaputt. Auch die 80 Hektar Getreide und Mais von Landwirt Hans Neumayer sind komplett zerstört.

"Das waren Einschläge wie von Schrotkugeln. Die schützende Pflanzendecke wurde regelrecht zerschossen und dann hat der Hagel den Boden direkt getroffen. Jetzt ist er ganz hart und kann kein Wasser mehr aufnehmen." Hans Neumayer, Landwirt

Der Landwirt hat sich auch um seine Rinderherde große Sorgen gemacht. Als der Hagel einsetzte, war sie zuerst nicht zu finden. Doch dann wurde klar: Die Herde hatte sich unter einem Baum versammelt, die alten Kühe haben die kleinen Kälber in die Mitte genommen, um sie vom Hagel abzuschirmen.

Extremwetterereignisse häufen sich

Landwirt Hans Neumayer war versichert. Sein Nachbar Hans Wölkl nicht. Erst im Frühjahr hatte der Obstbauer eine Hagel- und Frost-Versicherung verworfen, weil ihm ein Totalschaden unwahrscheinlich schien. Aus seinem Tafelobst kann er jetzt nur mehr Apfelsaft machen.

Nach Schätzungen der Versicherer haben die Hagelunwetter der letzten Wochen in Bayern Schäden in Höhe von rund 50 Millionen Euro verursacht. Die Landwirtschaft wird künftig noch mehr mit solchen extremen Wettersituationen rechnen müssen. Neu investieren, neue Techniken einsetzen – überall in Bayern werden sich die Menschen Gedanken machen müssen, wie sie dieser Art von Extremwettern begegnen können.

Der bange Blick zum Himmel

Auch in Landshut machen sich die Geschädigten Gedanken, wie sie in Zukunft mit der Situation umgehen können. Fürs Erste werden Sturmfenster eingebaut, sagt Franz Fleischhacker. "Wir leben, wir können arbeiten, wir haben unsere Häuser noch", sagt er.

"Die Ungewissheit, die Angst die in einem ist, kann sich keiner vorstellen, der nicht selbst betroffen ist." Franz Fleischhacker

Sein Mitgefühl gilt denen, die es wesentlich schlimmer erwischt haben. Doch der bange Blick in den Himmel wird bleiben.

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Ernteausfälle und teils horrende Verluste — nach Unwettern fordern Landwirte häufig Entschädigungen. Und auch dieses Jahr gibt es Unterstützung aus der EU sowie vom Bund und Freistaat.

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