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In vielen deutschen Städten sollen heute Abend die Stadien in Regenbogenfarben leuchten, in München weht unter anderem am Rathaus die Regenbogenfahne. Hintergrund ist das Verbot der UEFA, das Stadion in München in Regenbogenfarben zu illuminieren.

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Die Regenbogen-Stadt: So trotzt München der UEFA-Entscheidung

Gegen die Entscheidung der UEFA, dass die Münchner Fußballarena heute Abend nicht in Regenbogenfarben leuchten darf, regt sich breiter Widerstand. Vor dem Stadion und in der Innenstadt sind zahlreiche Aktionen geplant.

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Von
  • Mathias Flasskamp
  • Peter Solfrank
  • Hans Häuser
  • Irina Schroll

In den sozialen Netzwerken häufen sich die Stimmen, die Stadt solle das Votum der UEFA missachten und einfach das Stadion auf eigene Faust bunt erstrahlen lassen. Der Hintergrund: Die UEFA hatte der Stadt München untersagt, die Münchner Fußballarena zum heutigen Gruppenspiel gegen Ungarn in Regenbogen zu beleuchten.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) erklärte dazu auf BR-Nachfrage, dass der Stadt in diesem Fall die Hände gebunden seien. "Die UEFA hat als Veranstalterin der EM das Hausrecht in der Arena übernommen."

Wie ist die Stimmung an der Münchner Arena vor dem Deutschland-Spiel? Was sagt die queere Community und was hat es mit dem umstrittenen Gesetz in Ungarn auf sich? Mehr dazu im BR24Live.

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Gegen die Entscheidung der UEFA, dass die Münchner Fußballarena heute Abend nicht in Regenbogenfarben leuchten darf, regt sich breiter Widerstand. Vor dem Stadion und in der Innenstadt sind zahlreiche Aktionen geplant.

Hohe Vertragsstrafen drohen

Im Vorfeld seien Verträge ausgehandelt worden, an die sich die Kommune jetzt halten müsse, so der Rathauschef. Falls die Stadt trotz gegenteiliger Entscheidung der UEFA das Stadion bunt beleuchten würde, könnten empfindliche Vertragsstrafen fällig werden und ausführende Angestellte womöglich ihren Job riskieren.

Diese Meinung vertritt auch der auf Sportangelegenheiten spezialisierte Rechtsanwalt Jan Voß aus Düsseldorf. Im Bayern-2-Tagesgespräch erklärte er: Die Stadt München sei Vertragspartner der UEFA. Da bestünden Verträge, die eingehalten werden müssten. Und häufig stehe in solchen Verträgen die politische Neutralität ganz oben auf der Tagesordnung.

Großer Unterschied zu Neuers Regenbogenbinde

Manuel Neuer wird auch heute Abend eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben tragen. Das hatte die UEFA ausdrücklich zugelassen.

Der Unterschied zwischen Stadionbeleuchtung in Regenbogenfarben in der Kapitänsbinde von Manuel Neuer liege zum einen nur im Sachverhalt begründet, dass es sich bei Neuer um einen Sportler, also auch eine Privatperson handele. Zum anderen auch, dass die geplante Aktion der Stadt München sich im Unterschied zu Neuers Armbinde gezielt an Ungarn und gegen ein ungarisches Gesetz richte.

Queere Community nach UEFA-Entscheidung enttäuscht

Die Absage der UEFA sei ein "absoluter Schockmoment" gewesen, beschrieb Julian Wenzel, Host des BR-LGBTIQ*-Podcasts "Willkommen im Club", im BR24Live-Interview mit Christina Metallinos. "Viele konnten das nicht glauben und fanden vor allem die Begründung der UEFA so wahnsinnig heuchlerisch", so Julian Wenzel.

Das Problem sei, dass viele häufig sagen, sie sind für LGBTIQ*-Rechte und setzen sich dafür ein. "Das wäre jetzt eine Möglichkeit gewesen und die Chance wurde vertan. Da wurden weite Teile der Community sehr enttäuscht."

Rathaus mit Regenbogenfahnen beflaggt

Die Stadt München will heute dennoch ein Zeichen gegen das jüngst in Ungarn erlassene Gesetz setzen. Dieses Gesetz schränkt die Informationsrechte von Jugendlichen ein, was Homosexualität und Transsexualität anbelangt.

Zum Zeichen des Protestes wurde im Laufe des Tages das gesamte Münchner Rathaus mit Regenbogenfahnen beflaggt. Außerdem soll es am Abend bunt beleuchtet werden. Das gilt auch für das große Windrad in Fröttmaning und den Olympiaturm.

"Die Stadt München steht für eine bunte, vielfältige und tolerante Gesellschaft", sagte Oberbürgermeister Reiter. "Deshalb stellen wir uns an die Seite derjenigen Menschen, deren Recht auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit eingeschränkt wird", so Münchens Oberbürgermeister.

Weitere Aktionen in München und Deutschland

Ferner haben die Organisatoren der Münchner Dependance des Christopher Street Day und von Queeramnesty heute vor dem Stadion mehr als 10.000 Regenbogenfähnchen verteilt. "Wir hoffen, dass wir so zumindest ein buntes Bild als Zeichen des Protests innerhalb der Arena erzeugen werden", erklärte Eveline van Eerd von Queeramnesty dem BR. Bemerkenswert daran: Die Fähnchen wurden den beiden Organisationen vom DFB zur Verfügung gestellt.

Alexander Kluge vom CSD München sagte im BR24Live: "Es gibt natürlich auch Menschen, die laufen einfach wortlos an einem vorbei - das ist natürlich auch in Ordnung - aber der größte Teil der Menschen freut sich, hat sogar schon von der Aktion gehört und sucht uns sogar, 'wo sind denn jetzt die Menschen mit den Flaggen?'"

Andere deutsche Stadionbetreiber hatten gestern bereits angekündigt, ein Zeichen setzen zu wollen. So sollen die Fußball-Arenen in Frankfurt am Main, Augsburg, Köln und Wolfsburg sowie das Berliner Olympiastadion und das Stadion An der Alten Försterei in Berlin während der EM-Partie der deutschen Mannschaft gegen Ungarn bunt erstrahlen.

Auch in Österreichs Hauptstadt Wien wurden zahlreiche Gebäude rund um die ungarische Botschaft mit Regenbogenfahnen geschmückt, berichtete ARD-Korrespondent Nikolaus Neumaier im BR24Live-Interview. Es gebe auch dort viel Unverständnis über die Entscheidung der UEFA.

Als Reaktion auf die Pläne für eine Regenbogen-Beleuchtung zahlreicher deutscher Stadionbetreiber planen mehrere ungarische Vereine eine Gegenaktion. Der Präsident von Ungarns größtem Fußballklub Ferencvaros Budapest, Gabor Kubatov, rief dazu auf, alle Stadien am Mittwochabend in den Nationalfarben zu beleuchten.

Orban sagt Reise zum EM-Spiel in München ab

Das ungarische Parlament hatte vergangene Woche die Informationsmöglichkeiten für Jugendliche zum Thema Homo- und Transsexualität eingeschränkt und ein entsprechendes Gesetz gebilligt. Als Reaktion auf die Diskussion hat sich Ungarns Regierungschef Viktor Orban in einer Erklärung zu Freiheit und sexueller Selbstbestimmung für alle Menschen bekannt. Die Aufklärung Heranwachsender sei aber Aufgabe der Eltern.

"Es ist nicht so, dass es in Ungarn keine queere Community gäbe", so Nikolaus Neumaier. "Das Problem für die Menschen dort ist, dass man das nicht so offen leben kann und vielleicht auch nicht möchte, dass mit dem Finger auf einen gezeigt wird." In Ungarns Hauptstadt Budapest beispielsweise sehe man nur wenige Regenbogenfahnen an Häusern, dort gebe es auch keine Informationszentren oder Treffpunkte. "Das ist ein bisschen ein Leben im Verborgenen", erzählte Neumaier. Thema sei die UEFA-Absage zur Regenbogenbeleuchtung natürlich auch in Ungarn.

Orban hat seine geplante Reise nach München und den Besuch im Stadion beim Spiel Deutschland gegen Ungarn mittlerweile abgesagt.

UEFA verteidigt Vorgehen

Die UEFA hat indes ihre äußerst umstrittene Entscheidung in der Regenbogen-Frage verteidigt, ist den zahlreichen Kritikern aber gleichzeitig optisch entgegengekommen. "Die UEFA ist stolz darauf, heute die Farben des Regenbogens zu tragen", schrieb der Verband, der sein Logo mit den sechs Farben angereichert hatte, auf Twitter. Einige Leute hätten die UEFA-Entscheidung als "politisch interpretiert", schrieb der Verband weiter: "Doch im Gegenteil: Die Anfrage war politisch." Für die UEFA sei der Regenbogen "kein politisches Symbol, sondern ein Zeichen unseres starken Engagements für eine vielfältigere und integrativere Gesellschaft".

"Als würde sich die UEFA selbst in ihrem Statement mehrfach widersprechen", so fasst die queere Community laut BR-Podcaster Julian Wenzel die Aussage der UEFA auf. Der "Schwarze Peter" werde der Stadt München zugeschoben. Wenzel sehe noch viel Nachholbedarf und forderte im BR24Live, die UEFA solle "sich nochmal schlau machen", wie Gleichberechtigung und Diversität funktionieren, wenn sie das wirklich ernst meine.

💡 Die Regenbogenfahne - Symbol für Vielfalt und Respekt

Seit mehr als 40 Jahren steht die Regenbogenfahne als Symbol für die Akzeptanz und Gleichberechtigung von Menschen, die sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizieren. Repräsentiert sehen sich von der Flagge etwa Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Transmenschen.

In der heute gebräuchlichsten Variante zeigt die Fahne sechs Farben, die Vielfalt und Zusammenhalt ausdrücken. Von oben nach unten: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Lila. Der Deutsche Fußball-Bund etwa sieht die Flagge als Zeichen und Bekenntnis "für Diversität, Offenheit, Toleranz und gegen Hass und Ausgrenzung".

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Wenn am Abend die Nationalelf gegen Ungarn in München spielt, wollte die Stadt ihre Solidarität mit der LGBTQ-Bewegung sichtbar machen. Aber: Die Arena darf nicht in Regenbogenfarben leuchten. Die Stadt hat Alternativen gesucht.

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