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Für das Priesterseminar München war Henry Frömmichen nicht mehr tragbar, nachdem er ein Selfie mit dem "schwulen Bachelor" gepostet hatte. Bei der Aktion "Liebe gewinnt", die auch homosexuelle Paare segnet, stand er doch am Altar.

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Schwuler Priesterseminarist nach Rauswurf doch am Altar

Für das Priesterseminar München war Henry Frömmichen nicht mehr tragbar, nachdem er ein Selfie mit dem "schwulen Bachelor" gepostet hatte. Nun stand er doch am Altar - für die Aktion "Liebe gewinnt", bei der auch homosexuelle Paare gesegnet werden.

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Von
  • Simon Berninger

Mit der Regenbogenfahne an der Kirchenfassade von St. Benedikt war die Agenda gesetzt: Schwule und lesbische Paare sind herzlich willkommen. Bei diesem Gottesdienst am Sonntagnachmittag sollten auch und gerade sie einen Segen in der Münchner Kirche bekommen - im Rahmen der bundesweiten Protestaktion #Liebegewinnt. Das ist die Antwort katholischer Reformbewegungen auf das jüngste "Nein" des Vatikan zu eben solchen Segnungsfeiern.

Einer der Teilnehmer beim Gottesdienst ist Henry Frömmichen, der nach einem Selfie mit "Prince Charming", dem "schwulen Bachelor", aus dem Münchner Priesterseminar ausgeschlossen wurde. Priester darf Frömmichen jetzt nicht mehr werden, beim Gottesdienst für homosexuelle Paare stand er nun trotzdem in liturgischer Kleidung mit am Altar. "Zuerst erfahre ich den Rauswurf, Kirche lehnt mich ab. Heute Mittag bin ich wieder hier, stehe ich wieder am Altar, im Chorraum und darf Gottesdienst feiern. Ich find’s wahnsinnig", freut sich Frömmichen.

Weiheverbot für Schwule, Segnungsverbot für homosexuelle Paare

Der Anlass seines "Comebacks" in der Kirche, wenn man so will, könnte aus seiner Sicht nicht besser passen. Denn zwischen seiner Geschichte und dem Thema Segnungsfeiern für homosexuelle Paare sieht der 21-Jährige Parallelen in der katholischen Kirche: "Wenn jetzt ein Priesterseminarist oder ein Priester schwul ist, das aber nicht öffentlich macht, wird das eben geduldet." So habe er es schließlich selbst erfahren, bis er mit seinem Selfie quasi auch selbst öffentlich zu seiner Homosexualität stand.

"Ich habe es öffentlich gemacht und bin entlassen worden. Und hier, bei den Gottesdiensten, ist es ja genauso: Wenn überhaupt solche Gottesdienste stattgefunden haben, sind sie im Verborgenen passiert, hinter verschlossenen Türen." Für Frömmichen beides Beispiele für die Doppelmoral in der katholischen Kirche beim Umgang mit Homosexualität. Dagegen wollte er auch und gerade nach seinem Rauswurf aus dem Priesterseminar ankämpfen.

"Genau solche Leute braucht die Kirche."

Bei der Segnungsfeier für homosexuelle Paare in St. Benedikt bot ihm Gottesdienstleiter Wolfgang Rothe dafür nun eine erste Plattform im Raum der Kirche. "Es hat mich ungemein beeindruckt, dass der junge Mann trotz allem, was er erlebt hat, öffentlich zu seinem Glauben und zur Kirche steht. Das ist mutig, das ist konsequent, das ist vorbildlich. Genau solche Leute braucht die Kirche", sagt Rothe.

Doch ohne Priesterweihe konnte Frömmichen freilich auch im Gottesdienst der Aktion "Liebe gewinnt" nicht als Priester auftreten - aber zumindest als Ministrant. Auch das ist ein starkes Zeichen, findet Rothe. Vom Weiheverbot für Schwule hält er genauso wenig wie vom Segnungsverbot für homosexuelle Paare, vielmehr fordert er eine grundsätzliche Reform der kirchlichen Sexualmoral.

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Henry Frömmichen vor dem Banner, das für die Gottesdienstaktion "Liebe gewinnt" vor die Kirchenfassade von St. Benedikt gehängt wurde.

Solidaritätswelle in Sozialen Netzwerken

Deshalb steht Rothe auch hinter den Fürbitten, die Frömmichen vortrug "für alle Menschen, die auf vielfältige Art und Weise in unserer Kirche ausgegrenzt, diskriminiert oder verletzt worden sind"; "für alle schwulen Priester, die damit klarkommen, dass sie schwul sind, und für die, die ihre Sexualität mühsam unterdrücken"; "für die, die in Angst leben, die Toleranz predigen und der Vielfalt Raum geben, und für die, die sich hinter Homophobie verstecken".

Dass sich Frömmichen nun so öffentlich mit seiner Kritik an der Kirche zu Wort meldet, habe ihm einiges an Zuspruch eingebracht. Der Rückhalt aus Kirchenkreisen indessen ist nicht selbstverständlich, schließlich wurde die Entscheidung, ihn nicht als Priester an den Altar zu lassen, von ganz oben abgesegnet. "Nach Rücksprache mit Erzbischof Reinhard Kardinal Marx", heißt es in dem Schreiben, das Frömmichen den Rauswurf aus dem Priesterseminar des Erzbistums quittierte.

Keine weitere Rückmeldung vom Erzbistum

Außerhalb der Kirche ist der Zuspruch allerdings immens. "Es ist der Wahnsinn, was in den letzten Wochen auf den Sozialen Medien abging, wie viele positive, solidarische Nachrichten ich bekommen habe von so vielen Menschen", erzählt Frömmichen. Doch zum ganzen Bild gehört eben auch: "Dass natürlich hinter meinem Rücken jetzt der ein oder andere aus Kirchenkreisen sich negativ äußert. Aber den Mut, mich persönlich zu kontaktieren, hat bis jetzt noch niemand gehabt."

Auch nicht von Seiten des Erzbistums oder dem Priesterseminar, weder mit einer Entschuldigung - noch mit einem Angebot für eine andere Form der kirchlichen Mitarbeit. Einstweilen ist Frömmichen zurück in seinem alten Beruf als Bestatter - in puncto Kirche will er aber auch weiterhin "einfach den Mund aufmachen, die Dinge benennen, für meinen Glauben einstehen und im Gespräch mit den Menschen sein".

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