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Nach OEZ-Anschlag: Hinweis auf US-Attentat ignoriert? | BR24

© dpa / Matthias Balk

Blumen und Kerzen vor dem Olympia Einkaufszentrum in München: Am 22. Juli 2016 hatte ein 18-Jähriger neun Menschen bei einem Amoklauf getötet.

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    Nach OEZ-Anschlag: Hinweis auf US-Attentat ignoriert?

    Nach dem Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) 2016 in München hatte die Polizei Hinweise auf einen Attentäter im US-Bundesstaat New Mexico. Weil sie mutmaßlich das FBI nicht informierte, droht jetzt eine Klage aus den USA.

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    Am 26. Juli 2016 verhaften Polizisten einen Jugendlichen aus dem Kreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg. Der Teenager gilt als potenzieller Attentäter. Die Beamten entdecken Munition, Sprengstoff und Hinweise auf eine konkrete Tatplanung. Den Teenager hatte ein Online-Chat mit David S. enttarnt. Der hatte vier Tage zuvor den Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München verübt.

    Die Beamten waren dem jugendlichen Verdächtigen auf die Spur gekommen, weil beide Teenager auf der Internet-Spieleplattform "Steam" aktiv waren und dort auch miteinander über Attentate gesprochen hatten. Beide waren auch Mitglied einer rechtsextremen Steam-Gruppe namens "Anti-Refugee-Club".

    Anschläge verherrlicht

    In der Vernehmung sagte der Teenager aus dem Kreis Ludwigsburg später aus, dass ein US-Amerikanischer Nutzer ihn und David S. auf Steam zusammengebracht hätte. Und dass der Amerikaner hochgradig an Attentaten interessiert und ein führender Netzwerker in Online-Gruppen sei, in denen Anschläge verherrlicht würden.

    Aussagen nicht weitergeleitet

    Doch weder die Polizei Ludwigsburg, noch die beteiligten Staatsanwaltschaften Stuttgart und München stuften diese Aussagen als wichtig ein. Die Informationen wurden damals auch nicht an US-Behörden weitergeleitet.

    Amoklauf in New Mexico 16 Monate nach der OEZ-Tat

    Bei dem genannten US-Chatter handelte es sich um den Rechtsextremen William A. Dieser war zu dem Zeitpunkt bereits in den USA als möglicher Attentäter und Gefährder polizeibekannt. Am 7. Dezember 2017 - gut 16 Monate nach dem OEZ-Attentat - erschoss der 21-Jährige zwei Schüler an seiner ehemaligen Schule in Aztec, im Bundesstaat New Mexico. Anschließend tötete er sich selbst.

    Gaming-Plattform als Kommunikationsweg

    Was ist wirklich passiert? Das Investigativ-Team der Sendung "Fakt" hat jetzt den ehemaligen Vertrauten des Münchener Attentäters befragt. Er ist mittlerweile therapiert und bestätigte gegenüber "Fakt" erneut, dass er die Hinweise damals unmissverständlich an die Polizei weitergegeben habe.

    Der Münchener Attentäter S. und der US-Attentäter A. nutzen damals "Steam" nicht nur als Gaming-Plattform, sondern auch als Kommunikationsweg. Darüber tauschten sie sich monatelang über rechtsextreme Gewaltfantasien aus.

    OEZ-Amokläufer als "Gruppenspieler der Woche" verherrlicht

    A. war auch Gründer und Administrator der rechtsextremen "Steam"-Gruppe "Anti-Refugee-Club", die vor allem mit Ereignissen in Deutschland - unter anderem die Silvesternacht 2015/16 in Köln - Stimmung machten. Auch S. gehörte zu der Gruppe. Kurz nach dem Attentat in München wurde er vom "Anti-Refugee-Club" zum "Gruppenspieler der Woche" ernannt.

    Mutter sucht Gerechtigkeit für getötete Tochter

    Die Kanzlei Robles, Rael & Anaya ist eine der renommiertesten Kanzleien in Albuquerque, der größten Stadt in New Mexico. Die Anwälte vertreten Jamie Lattin, die Mutter einer der Getöteten beim Attentat in Aztec. Sie erklärt, warum sie den Rechtsweg eingeschlagen hat: "Ich denke, das alles ist es wert, für meine Tochter zu tun. Wie damals Dinge übersehen wurden, wie Hinweise da draußen waren. Es hätte etwas getan werden können, um dies zu verhindern. Und das wurde es nicht."

    Verfahren gegen das FBI

    Ihr Anwalt Luis Robles führt momentan ein Rechtsverfahren gegen das FBI in dieser Sache. Er sagt, man wolle aber auch prüfen, inwieweit deutsche Beamte belangt werden können. "Es ist unsere Aufgabe, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die dieses tragische Ereignis zugelassen haben. Und wenn die deutschen Behörden daran schuld sind, sollten sie zur Rechenschaft gezogen werden", sagt er.

    Robles klagt derzeit auf Einsicht in US-Polizeiakten, um den Fall neu aufzurollen Er will außerdem mit deutschen Anwälten kooperieren. Sobald ihm die amerikanischen Akten vorliegen, will das Anwalts-Team entscheiden, ob der Rechtsweg auch gegen deutsche Beamte und Behörden eingelegt wird.

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