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Bayern, Aschaffenburg: Tageslicht fällt während einer Solidaritätsaktion in die Kirche Maria Geburt.

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Halbes Jahr Missbrauchsgutachten: Betroffene wollen Ombudsstelle

Halbes Jahr Missbrauchsgutachten: Betroffene wollen Ombudsstelle

Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens fällt die Bilanz gemischt aus. Betroffene fordern die Einrichtung einer staatlichen Ombudsstelle. Unterdessen muss die Staatsregierung kritische Fragen beantworten.

"Die machen richtig viel richtig gut hier in München", sagt Michaela Huber über das Erzbistum. Die ehemalige Schulpsychologin ist Vorsitzende der unabhängigen Aufarbeitungskommission der Erzdiözese München und Freising. Sie sei aus der Kirche ausgetreten und stehe damit nicht im Verdacht "Gefälligkeitszeugnisse" auszustellen, so Huber. Die Kirche habe sich hier wirklich auf den Weg gemacht.

Als Beispiele nennt sie eine neue Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige, gemeinsame Dialogveranstaltungen mit dem Betroffenenbeirat und Verträge, die das Erzbistum mit externen Kooperationspartnern geschlossen hat, um Missbrauchsopfern ein Angebot außerhalb der kirchlichen Strukturen zu machen. Betroffene könnten sich dadurch schnell Unterstützung holen, bis hin zur Traumatherapie oder bei der Erstellung von Entschädigungsanträgen.

Kritikpunkt: der Kontakt zwischen Erzbistum und Betroffenen

Doch Michaela Huber sieht auch noch Defizite, etwa im persönlichen Kontakt von Kardinal Marx, Generalvikar Klingan und Amtschefin Herrmann mit den Betroffenen.

Letzteres kann Richard Kick genau so unterschreiben. Er ist Betroffener - gehört auch dem unabhängigen Betroffenenbeirat des Erzbistums an. Nach dem Gutachten hatte er viel Hoffnung, dass die Aufarbeitung richtig Fahrt aufnimmt - jetzt ist er frustriert. Zentrale Forderungen des Gutachtens seien nicht umgesetzt. Vieles dauere zu lange, die Entschädigungsleistungen nennt Kick "Almosen".

Richard Kick glaubt - die katholische Kirche kann ihren Missbrauchsskandal nicht länger selbst aufarbeiten. Er fordert deshalb unter anderem eine unabhängige, rein staatliche Ombudsstelle für Missbrauchsopfer.

Sozialministerium lehnt Ombudsstelle ab

Mit seiner Forderung hat sich Richard Kick auch an die Politik gewandt. Grüne, SPD und FDP im Bayerischen Landtag unterstützen die Idee. Entsprechende Anträge aber hat das Landtagsplenum bereits mit der Mehrheit der Regierungsfraktionen verworfen. Und auch die Bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) winkt auf BR-Anfrage ab. Es gebe ausreichend andere staatliche und nicht staatliche Anlauf- und Beratungsstellen für Missbrauchsopfer, so ein Ministeriumssprecher. Schriftlich teilt er mit: "Was wir von staatlicher Seite tun können, das tun wir".

Genau das spricht Gabriele Triebel von den Landtagsgrünen der Staatsregierung ab. Sie verharre ähnlich wie die Katholische Kirche selbst - in Betroffenheit: "Wir fordern von der Staatsregierung jetzt endlich ganz klar, in die Handlung zu kommen, jetzt die Ombudsstelle einzurichten - eine unabhängige Aufarbeitungskommission im Landtag und eine wissenschaftliche Dunkelfeldstudie."

Das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen - Landtagspräsidentin Ilse Aigner ließ auf BR-Anfrage ausrichten, dass der Landtag demnächst die Berichte der Aufarbeitungskommissionen aus den Bistümern debattieren werde - und dabei werde auch die Frage nach einer staatlichen Ombudsstelle eine Rolle spielen.

Unter den Berichten ist dann auch der von Michaela Hubers Aufarbeitungskommission. Sie ist der Meinung: Für die Situation in München sei das nicht relevant - weil es gute Strukturen gebe. "Das Problem ist die Bayernsituation. Es hängt vom Bischof ab, letztendlich hat der das Sagen - in München läufts gut, in anderen Bistümern mags anders sein." Das Erzbistum selbst will sich übrigens erst morgen zum Stand der Aufarbeitung äußern – im Rahmen einer Pressekonferenz zum Haushalt der Erzdiözese.

Große Worte aus Ministerien und eigene Versäumnisse

Unterdessen gerät die bayerische Justiz unter Druck. Noch Anfang Juni stellten bayerische Minister große Forderungen an die Kirchen. Ende Juni räumte Bayerns Justizminister Eisenreich Versäumnisse der Justiz ein.

So forderte Eisenreich (CSU) Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren für Leiter von Kirchen, Schulen und Vereinen, wenn sie nach Fällen von Kindesmissbrauch untätig blieben. Als Negativ-Beispiel nannte das Bayerische Justizministerium Geistliche, die in der katholischen Kirche auch nach Bekanntwerden von Missbrauchsfällen weiter in der Seelsorge tätig sein durften.

Außerdem rügte er in einem Zeitungsinterview die katholische Kirche für ihren Umgang mit Missbrauchsbetroffenen. Wenn die Kirche selbst keine Verbesserung beim Umgang mit den Betroffenen sexualisierter Gewalt herbeiführe, müsse der Staat handeln. "Es darf kein Sonderrecht oder irgendeinen Bonus für Kleriker geben."

Kritik musste der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, auch von Eisenreichs Parteikollegen, dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU), einstecken. Beim Treffen der Innenminister der Länder mit der Bischofskonferenz hatte Herrmann Anfang Juni in Würzburg eine klare Anweisung der Kirche an alle Mitarbeiter gefordert, Missbrauchsfälle ausnahmslos anzuzeigen. Die Frage, irgendetwas nicht zu thematisieren, dürfe sich auf keinen Fall stellen, sagte Herrmann.

Grüne: "Grober Fehler der bayerischen Justiz"

Ende Juni dann musste Eisenreich einräumen, die Staatsanwaltschaft München I habe ein erstes Gutachten zu Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising aus dem Jahr 2010 erst neun Jahre später angefordert. Sieben mutmaßliche Fälle von Körperverletzung seien in der Zwischenzeit verjährt, so Eisenreich in einem Bericht auf Anfrage der Landtags-Grünen.

Die Grünen im Landtag zeigten sich "erschüttert und betroffen" und sprachen von "Versagen auf ganzer Linie". "Der bayerischen Justiz ist hier ein grober Fehler unterlaufen", sagte die religionspolitische Sprecherin der Grünen, Gabriele Triebel. "Die Strafverfolgungsbehörden hätten ermitteln müssen. Dazu sind sie gesetzlich verpflichtet, sobald ein Verdacht auf eine Straftat besteht. Dieser bestand definitiv seit dem Gutachten von 2010. Die Staatsanwaltschaften hätten dieses Gutachten aktiv anfordern und dann ermitteln müssen. Dieser Fehler lässt sich nicht kleinreden."

Strafrechtler Putzke: Staat hat 'Beißhemmung' bei Kirchen

Bereits im Januar hatte der Passauer Strafrechtler Holm Putzke, der auch Beiratsmitglied bei der humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung ist, im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk dem Staat den Kirchen in dieser Frage eine "Beißhemmung" attestiert. Die Justiz habe hier noch eine "heilige Scheu" vor der "Heiligen Römisch-Katholischen Kirche", meint Putzke. Aber die sollte sie ablegen.

Gutachten in anderen Bistümern geplant und beauftragt

Auch in anderen bayerischen Bistümern sind bereits Gutachten in Auftrag gegeben oder in Planung. So haben sowohl Würzburg als auch Passau entsprechende Verträge mit den örtlichen Universitäten geschlossen. Außerdem plant in Würzburg die Unabhängige Aufarbeitungskommission die Vergabe einer juristischen Untersuchung, ähnlich der in München.

Auch in Bamberg soll es ein Gutachten geben, hieß es von der dortigen unabhängigen Aufarbeitungskommission. Umfassend untersucht ist bereits mit zwei Studien die Vergangenheit bei den Regensburger Domspatzen, eine Studie gab es zu den Fällen in Ettal.

Das Ringen um Aufarbeitung geht weiter

Die evangelische Landeskirche in Bayern bereitet unterdessen zusammen mit den Landeskirchen in Baden, Württemberg und der Pfalz eine Missbrauchs-Kommission vor, in deren Arbeit Betroffene gleichberechtigt eingebunden sein sollen, wie eine Sprecherin der Landeskirche Baden kürzlich mittteilte. In der bayerischen Landeskirche sind bislang nach Angaben eines Sprechers 166 Fälle von sexuellem Missbrauch seit den 1950er Jahren bis November 2021 bekannt. Seit 2015 seien in 54 Fällen Anerkennungsleistungen gezahlt worden - insgesamt 1,1 Millionen Euro.

12 Jahre nach Bekanntwerden des Skandals - und ein halbes Jahr nach dem zweiten Münchner Missbrauchsgutachten wird weiter gerungen, um Art und Weise der Aufarbeitung.

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