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Nach Klinikschließung Hersbruck: Weniger Ärzte, weitere Wege | BR24

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Am 1. Juni 2019 wurde das Krankenhaus in Hersbruck geschlossen. Seitdem hat sich die medizinische Versorgung in der Stadt verschlechtert. Mehrere Ärzte sind abgewandert, ein Ärztehaus wurde nicht gebaut.

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Nach Klinikschließung Hersbruck: Weniger Ärzte, weitere Wege

Seit fast zwei Jahren ist das Krankenhaus Hersbruck geschlossen. Damit sind nicht nur die Wege zur nächsten Klinik weiter, auch die ambulante Versorgung vor Ort ist schlechter. Die Menschen sind frustriert. Sie fühlen sich von der Politik betrogen.

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Von
  • Karin Goeckel

Nach 112 Jahren war Schluss: Am 1. Juni 2019 schloss das Krankenhaus in Hersbruck seine Pforten – für immer. Einen Tag vorher trugen hunderte Bürgerinnen und Bürger "ihr" Krankenhaus zu Grabe. Viele hingen an der Klinik – nicht nur, weil sie in dem Gebäude am Steinberg das Licht der Welt erblickt haben, sondern auch, weil das Krankenhaus eine wohnortnahe, stationäre medizinische Grundversorgung garantierte. Die Proteste gegen die Schließung waren dementsprechend massiv.

Viele Fachärzte sind nach Klinikschließung abgewandert

Die Bilanz nach fast zwei Jahren ohne Krankenhaus ist ernüchternd. Die Menschen aus dem Altlandkreis Hersbruck müssen weitere Wege zum nächsten Krankenhaus in Kauf nehmen. Zudem hat sich die ambulante medizinische Versorgung verschlechtert. Fünf Internisten sind aus Hersbruck abgewandert, eine von zwei Frauenarztpraxen in der Stadt hat ihren Sitz nach Lauf verlagert. Eine orthopädische Praxis hat dichtgemacht, eine zweite, die ihre Praxis im Krankenhaus hatte, operiert inzwischen an drei unterschiedlichen Standorten im Landkreis Nürnberger Land.

Aus dem versprochenen Ärztehaus wurde nichts

Ein von der Politik versprochenes Ärztehaus mit angeschlossenem kleinen Bettentrakt, das die Versorgungslücke in Hersbruck nach der Krankenhausschließung auffangen sollte, steht bis heute nicht. Zwar wird am vorgesehenen Standort neben der ehemaligen Sparkasse gemauert und gehämmert. Doch entsteht dort lediglich ein Wohn- und Geschäftshaus, in das, aber nur vielleicht, auch eine Arztpraxis einziehen wird. "Mit dem anfänglichen Plan hat das so gut wie nichts mehr zu tun", stellt Angelika Pflaum von der Bürgerinitiative "Unser Herz schlägt für das Hersbrucker Krankenhaus" ernüchtert fest. Ihr Mitstreiter Horst Vogel fühlt sich hinters Licht geführt.

"Ich bin empört. Das ist doch kein Ersatz, das ist doch alles Lug und Trug. Wir haben kein Krankenhaus und kein Ärztehaus. Verlust auf der ganzen Strecke. Und die Bevölkerung muss es hinnehmen, was will sie denn machen?" Horst Vogel, Bürgerinitiative "Unser Herz schlägt für das Hersbrucker Krankenhaus"
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Neben der ehemaligen Sparkasse in Hersbruck entsteht derzeit ein Wohn- und Geschäftshaus. Ursprünglich sollte es ein Ärztehaus werden.

Kein Termin beim Frauenarzt zu bekommen

Gerade in diesen Wochen hat Horst Vogel gemerkt, wie sehr manche Ärzte fehlen. Seine Schwiegermutter brauchte dringend einen Frauenarzt-Termin, berichtet er. Die Praxis in Hersbruck habe seine Frau jedoch wegen Überlastung abgewiesen. Aber auch in allen anderen Praxen im Landkreis bekam Horst Vogels Frau keinen Termin für ihre Mutter. Schließlich erbarmte sich der Hausarzt und machte einen Abstrich bei der alten Dame.

Rettungswagen brauchte bei Herzinfarkt eine halbe Stunde bis Hersbruck

Ähnliche Geschichten erzählen Kunden und Händler auf dem Hersbrucker Wochenmarkt. Walter Hirschmann verkauft Gewürze und Pflanzenöle. Vor einigen Monaten, berichtet er, habe seine Frau einen Herzinfarkt gehabt. Eine halbe Stunde habe es gedauert, bis der Rettungswagen dagewesen sei, die Notärztin habe gar aus Erlangen nach Hersbruck kommen müssen. Fünfmal sei seine Frau wiederbelebt worden. "Das ist doch nicht normal, da kriege ich so einen Hass!" sagt er wütend.

"Ich find’s eine Katastrophe, ganz ehrlich, weil das ganze Umland dranhängt", meint eine Frau, die auf dem Wochenmarkt gerade Käse kauft. Viele ältere Leute auf dem Land trauten sich nicht, in die Klinik bis nach Lauf, Auerbach oder Sulzbach-Rosenberg zu fahren, ergänzt eine andere. "Nach Hersbruck schaffen sie, aber weiter trauen sie sich nicht mehr". Leichtere Fälle könne man doch wunderbar in kleinen Krankenhäuser behandeln, sagt sie.

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Dass sich die medizinische Versorgung in einer Region nach einer Klinikschließung verschlechtert, ist symptomatisch, sagt Klaus Emmerich vom Bündnis gegen das Kliniksterben in Bayern im Interview mit der Bayern 2-Regionalzeit.

Kleine Kliniken gehen beim zweiten Corona-Rettungsschirm leer aus

Kleine Kliniken sind von der Politik offenbar nicht mehr gewollt. 20 Krankenhäuser in Deutschland wurden 2020 geschlossen – trotz Corona-Pandemie. Beim ersten Corona-Rettungsschirm, der die Ausfälle auffangen sollte, hätten die kleinen Kliniken noch Geld bekommen, aber beim zweiten seien sie leer ausgegangen, sagt Klaus Emmerich, ehemaliger Vorstand der Kliniken im Landkreis Amberg-Sulzbach. Für ihn ist es keine Überraschung, dass sich die medizinische Versorgung in Hersbruck nach der Schließung des Krankenhauses verschlechtert hat. "Das ist symptomatisch, denn kleine Krankenhäuser übernehmen gerade auf dem Land oft auch die ambulante Facharztversorgung", sagt er.

Problem kleiner Krankenhäuser. Gleiche Kosten, aber weniger Patienten

Das Problem kleiner Kliniken: Sie haben die gleichen Kosten wie die großen, behandeln aber nicht so viele Patienten und haben deshalb weniger Einnahmen. Zudem sind die Preise für eine Knie-OP oder eine Lungenentzündung überall in Bayern gleich, egal ob eine Klinik im Ballungsraum steht oder auf dem Land. 56 Prozent der Krankenhäuser, so eine Berechnung der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, haben 2018 Verluste gemacht. Während der Corona-Pandemie dürften die Ausfälle um einiges höher sein, denn viele nicht notwendige Operationen wurden verschoben.

Anbau an Laufer Klinik wird teuer

In Hersbruck fühlen sich viele Menschen als Verlierer der aktuellen Gesundheitspolitik. Tatsächlich ist die stationäre medizinische Versorgung im Moment im ganzen Landkreis schlechter als vor zwei Jahren. Eigentlich sollte die Klinik in der Kreisstadt Lauf den Verlust auffangen. Doch der versprochene neue Trakt mit Operationssaal steht noch nicht. Bis Ende des Jahres will der Träger, das Klinikum Nürnberg, die Fördermittel dafür beim Freistaat Bayern beantragen, erst danach kann mit dem Bau begonnen werden. 36,5 Millionen Euro hat der Freistaat für den Neubau in Aussicht gestellt. Die Sanierung des Hersbrucker Krankenhauses hingegen hätte einem Gutachten zufolge lediglich 25 Millionen Euro gekostet.

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