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Nach Fall um 92-Jährigen: Wo pflegende Angehörige Hilfe bekommen | BR24

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Bei der Pflege von Angehörigen muss man nicht alles alleine stemmen.

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Nach Fall um 92-Jährigen: Wo pflegende Angehörige Hilfe bekommen

Ein 92-Jähriger hat vor einem Jahr seine demente und pflegebedürftige Frau getötet. Wie er mit der überfordernden Situation umgegangen ist, war ein Ausnahmefall. Keine Ausnahme allerdings: Viele sind mit der Pflege ihrer Angehörigen überfordert.

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Von
  • Carolin Hasenauer

Dieser Fall rückt die Situation pflegender Angehöriger in den Fokus: Vor etwa einem Jahr hatte ein 92-jähriger Mann seine demente Ehefrau getötet. Nun wurde der Senior zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Der Mann hatte sich über Jahre um seine hochgradig demente Frau gekümmert, sie rund um die Uhr gepflegt: Haushalt, Einkäufe, Garten, den Partner anziehen, Körperpflege und vieles mehr. Der 92-Jährige litt am Ende an einer schweren Depression und wollte, nachdem er seine Frau getötet hatte, auch sich selbst umbringen.

Pflegeberater: Angehörigen-Pflege ein Kraftakt

Nicht nur für das Gericht war dieser Fall eine absolute Ausnahme – das ist er auch für Markus Oppel. Doch Überforderung mit der Pflege zuhause, das ist ihm bekannt. Er ist unabhängiger Pflegeberater in Buchbrunn im Landkreis Kitzingen. "Die größte Schwierigkeit bei der Pflege zuhause ist das ständige 'Unter Strom stehen'", erklärt Oppel. Sorgende und pflegende Angehörige müssten je nach Erkrankung 24 Stunden anwesend und einsatzbereit vor Ort sein. "Das zu leisten ist ein Kraftakt, der unheimlich erschöpft. Das eigene Leben gerät vollkommen ins Hintertreffen. "

Drei Millionen Menschen werden zuhause gepflegt

Von vier Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden drei Viertel zuhause gepflegt, von Angehörigen oder Pflegediensten. Laut Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) gaben die pflegenden Angehörigen im Durchschnitt an, dass die Unterstützung von Pflegebedürftigen im Haushalt mehr als achteinhalb Stunden pro Tag einnehme. Haushalte, in denen Menschen mit den Pflegegraden 3 bis 5 oder mit einer demenziellen Erkrankung gepflegt werden, seien besonders stark gefordert: Bis zu zehn Stunden Pflegearbeit pro Tag geben hier einige Befragte an, bei einigen können es sogar 20 Stunden pro Tag werden.

Vielen fehlen die richtigen Informationen für Unterstützung

Den Großteil der Pflege übernimmt eine einzige Person, so das Ergebnis der WIdO-Studie. Die finanzielle Belastung sei in vielen Fällen nicht das Problem. Vielmehr äußerte die Hälfte der befragten Studienteilnehmer den Wunsch nach mehr Unterstützung in den Bereichen "Körperpflege, Ernährung und Mobilität", beim Thema "Betreuung und Beschäftigung im Alltag" sowie bei der "Führung des Haushalts". Dabei gibt es bei anerkannter Pflegebedürftigkeit viele verschiedene Budgets, aus denen man unterschiedliche Unterstützungen finanzieren kann, erklärt Markus Oppel. Pflegedienst, Tagespflege oder Angebote zur Unterstützung im Alltag: Viele Angehörige seien schlichtweg nicht genug informiert oder beraten. "Und das, obwohl es einen Rechtsanspruch auf Beratung gibt."

Heim nicht die einzige Alternative

Der 92-Jährige und seine verstorbene Ehefrau hatten sich wohl versprochen, gemeinsam aus dem Leben scheiden zu wollen, zuhause. Ein Pflege- oder Seniorenheim sei für sie keine Option gewesen. Doch wenn man die Pflege zuhause nicht mehr schafft, welche Möglichkeiten gibt es dann? "Es gibt mehrere Lösungsansätze, auch wenn eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung und Pflege notwendig sein sollte", so Oppel.

Tagesbetreuung, Alltagsbegleiter, Betreuungsgruppen: Bayernweit gibt es rund 1.000 Angebote zur Entlastung von Pflegenden und ihrer demenzkranken Angehörigen, von denen über 690 Angebote gefördert werden. Am Ende jedoch, so Oppel, scheitere die Umsetzung schlichtweg am Fehlen von Versorgungsstrukturen aufgrund des Mangels an Pflegefachkräften.

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Ein 92-jähriger Mann aus dem Raum Gemünden musste sich vor dem Würzburger Landgericht dafür verantworten, seine pflegebedürftige Ehefrau getötet zu haben. Nun wurde er zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

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