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Bildrechte: BR / Max Hirschfeld

Vor ihrem Unfall war Anja oft auf ihrem Hausberg, der Kampenwand. Sie trainiert vier Jahre, um es irgendwann nach oben zu schaffen. Dann fühlt Anja sich bereit.

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Nach dem Unfall: Vier Jahre Training für eine Bergtour

Vor vier Jahren kracht ein Lkw frontal in Anja Arnolds Auto. Sie verbringt Monate im Krankenhaus und auf Reha. Zurück bleiben eine Gehbehinderung, Narben und ein großer Traum: wieder zurück auf ihren Hausberg, die Kampenwand.

Von
Nadja ArmbrustNadja Armbrust
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Am 29. November 2017 fährt Anja Arnold von der Arbeit nach Hause. Sie ist auf einer Landstraße im Kreis Rosenheim unterwegs. Die Straße ist nass, der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe. Anja fährt in eine Kurve ein. Auf der Gegenfahrbahn hält gerade ein Bus an einer Haltestelle an. Ein Lkw überholt den parkenden Bus, fährt auf die Gegenfahrbahn. Da kommt Anja. Der Laster prallt frontal in Anjas Auto.

Die Diagnose ist nicht das Ende

Sie überlebt, kommt mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. 14 Wochen verbringt sie dort und auf Reha. Vieles heilt, aber ein chronischer Nervenschaden bleibt. Anja wird für immer humpeln. Das klingt niederschmetternd, doch Anjas Geschichte ist damit nicht zu Ende. Sie zeigt vielmehr, wozu ein Mensch fähig sein kann.

Rosenheimer Selbsthilfe-Wandergruppe

Zwei Jahre nach dem Unfall, im Herbst 2019, sucht Anja eine Wandergruppe für Menschen mit Gehbehinderung. Sie fragt bei verschiedenen Stellen im Kreis Rosenheim nach, findet aber keine aktive Gruppe. Daraufhin gründet sie selbst eine: "TROTZdem gehen" - eine Selbsthilfe-Wandergruppe der Diakonie Rosenheim. Beim ersten Treffen kommen Menschen, die in die Berge wollen, aber nicht mehr so können wie früher. Eine Frau wurde auf dem Fahrrad vom LKW angefahren, eine andere ist aufgrund einer Krankheit erblindet. Über Anjas Wandergruppe finden sie sich, gehen seitdem jeden zweiten Sonntag im Monat eine kleine Tour. Höhenmeter? Egal, Hauptsache raus.

"Die Narben zeigen, wie stark mein Körper ist"

Währenddessen akzeptiert Anja ihren Körper immer mehr, lässt ihre Narben in einem Aktshooting fotografieren. "Die Narben gehören zu mir, die zeigen, wie stark mein Körper ist". Ob ihr Körper auch stark genug für ihr großes Bergziel ist? Anja war vor dem Unfall oft auf ihrem Hausberg, der Kampenwand. Dorthin will sie zurück, aber der Weg ist kraxelig. Seit dem Unfall war Anja nie wieder auf unebenen Wanderwegen unterwegs, nutzt Krücken. Treppensteigen geht nur langsam. Über eine Freundin aus der Wandergruppe bekommt Anja einen Tipp: therapeutisches Klettern.

Der "Boost" vom Klettern

Bei Wasserburg am Inn findet Anja die Ergotherapeutin Margit Krogler, die selbst einen schweren Unfall hatte und sich über Jahre zurückkämpfen musste. Margit Krogler eröffnete danach eine Kletterhalle für ihre Patienten und Patientinnen. Schließlich steht Anja vor ihr. Die ist seit dem Unfall noch nie geklettert. Und in die Kletterhalle ist sie gehumpelt. Margit lässt Anja eine Route klettern. "Als sie oben ankam, hat sie so einen Boost bekommen und will seitdem immer schwerer und mehr klettern", sagt Margit.

Keine Chance ohne Training

Jede Woche geht Anja außerdem zu ihrem Physiotherapeuten, Peter Mattig. Sie traut sich, ihm ihren Traum von der Kampenwand zu erzählen. Ihr Physiotherapeut hat Spitzensportler behandelt. "Aber meine stärkste Patientin ist Anja." Peter Mattig ist so beeindruckt, dass er mit Anja am Berg trainiert. Auf einem leichten Wanderweg prüft er, wie lange sie es schafft, bergauf und bergab zu gehen. Sein Urteil: "Die Kampenwand ist nicht unmöglich, aber richtig schwer. Du musst jede Woche trainieren."

"Habe ich mich überschätzt?"

Anja trainiert. Vier Jahre nach dem Unfall, im September diesen Jahres, steht sie schließlich an der Steinlingalm unterhalb der Kampenwand. "Ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Notfalls brechen wir ab." Der Weg auf den Gipfel ist felsig. Anja muss früh auf allen Vieren kraxeln, ihre schwache rechte Seite über Felsblöcke hieven. "Ich hatte den Weg gar nicht so schwierig in Erinnerung. Vielleicht habe ich mich ja überschätzt?"

Schlüsselmoment vor dem Gipfel

Kurz vor dem Gipfel, das Ziel endlich nah, kommt für Anja die Schlüsselstelle. Ein Fels, an dem sie sich hochstemmen muss. Sie sucht nach Halt. Hinter ihr sammelt sich eine Gruppe an Wanderern, es staut sich. Anja ist das unangenehm, zwingt sich aber, die Wanderer zu ignorieren. Sie findet einen guten Griff, zieht sich hoch. Die letzten Meter zur Kampenwand kraxelt Anja auf allen Vieren und trotzdem fast leichtfüßig. Oben angekommen, weiß sie nicht, was sie sagen soll. Was soll man da auch sagen, nach vier Jahren Training für eine Bergtour.

Zwei Jahre Begleitung

Der BR hat Anja zwei Jahre lang auf ihrem Weg begleitet, für die Doku-Serie Bergmenschen, Titel: "Anjas zweites Leben", zu sehen in der BR Mediathek.

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