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Nach Augsburger Gewalttat: Kriminologe rät, Abstand zu halten | BR24

© Bayern 2-radioWelt

Schlecht integrierte Jugendliche schließen sich oft in gewalt-affinen Subkulturen zusammen.

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Nach Augsburger Gewalttat: Kriminologe rät, Abstand zu halten

Der tödliche Angriff von Jugendlichen in Augsburg löst viel Betroffenheit aus. Der Kriminologe Martin Rettenberger rät, in schwierigen Situationen Abstand zu halten und widerspricht der Wahrnehmung, dass Gewaltkriminalität zunimmt.

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Nachdem ein 49-Jähriger Feuerwehrmann bei einem Streit mit einer Gruppe von Jugendlichen in Augsburg ums Leben kam, sind manche Menschen verunsichert: Wie soll ich mich verhalten, wenn ich in die Nähe einer solchen Jugendgruppe komme? Und: Was geht überhaupt in den Köpfen junger Gewalttäter vor?

Professor Martin Rettenberger leitet die Kriminologische Zentralstelle in Wiesbaden. Das ist eine renommierte Forschungseinrichtung des Bundes und der Länder, die sich mit Verbrechen und ihren Hintergründen beschäftigt. Im Interview mit der Bayern 2-radioWelt gibt er Antworten.

Wie erklären Sie es sich, dass einem 17-Jährigen und seinen Freunden offenbar alle Sicherungen durchbrennen und dann mit solcher Wucht zugeschlagen wird?

Dr. Martin Rettenberger: "Leider ist die Gruppe der Jugendlichen und Heranwachsenden, also die Gruppe der Personen, die zwischen 14 und 21 Jahre alt ist, im Bereich der Straftaten allgemein, aber vor allem auch der Gewaltstraftaten, die Gruppe, die am stärksten belastet ist. Delikte, wie wir sie hier in Augsburg gesehen haben, sind leider nicht wirklich zu erklären. Es gibt kein echtes Motiv, das dahintersteht."

Aber ist da irgendetwas in der Erziehung, in den Lebenserfahrungen, in den Lebensläufen dieser jungen Menschen schiefgelaufen?

"Was wir üblicherweise sehen, wenn wir uns die gesamten Biografien angucken, ist, dass solche Taten in der Regel nicht aus heiterem Himmel passieren. Da gibt es eine längere Vorgeschichte. Das sind oft Auffälligkeiten in den Lebensläufen, zum Beispiel bei Schule und Ausbildung. Oft sind es Personen, die sich immer schon schwer getan haben, sich irgendwo gut zu integrieren. Dann finden sie oft Anschluss an sogenannte gewalt-affine Subkulturen. Es bilden sich kleine Gruppen heraus, in denen sich dann diese Jugendlichen zusammenschließen, sich gegenseitig bestärken und dann die letzte Verbindung zur Gesamtgesellschaft verlieren und kappen."

Wie gehen Sie als Kriminologe mit der Frage der Staatsbürgerschaft um? Sollte man die öffentlich thematisieren?

"Insgesamt kann man sagen, dass das Thema der Staatsbürgerschaft, des kulturellen Hintergrundes, der ethnischen Zugehörigkeit von Straftätern ein Thema ist, das die Kriminologie seit Jahrhunderten beschäftigt. Insbesondere in den Einwanderungsländern - in den USA, in Kanada, in Australien ist das ein Thema. Man sollte darüber sprechen. Ich warne aber davor, einzelne Aspekte überzubewerten und einzelne Merkmale von Tätern herauszugreifen. Wenn wir etwas Sinnvolles dazu beitragen wollen, solche Straftaten zu verhindern, dann ist das alleinige Betrachten einzelner Merkmale wenig sinnvoll."

Man hat den Eindruck, dass solche extremen Gewalttaten von Jugendlichen immer häufiger werden ...

"Da geht der Eindruck, den die meisten Menschen haben, und das, was die Zahlen uns zeigen, deutlich auseinander. Wir sehen, wenn wir langfristige Trends nehmen, generell einen Rückgang der Gewaltkriminalität in so gut wie allen westlichen Ländern. Auch in Deutschland sehen wir einen Rückgang der Gewaltkriminalität generell und auch bei Jugendlichen und Jungen. Vor allem in den letzten zehn Jahren. Die subjektive Wahrnehmung weicht davon ab und dafür gibt es mehrere Gründe: Wir sprechen heute deutlich intensiver und häufiger über diese Gewaltdelikte. Und, Informationen und Bilder einzelner Delikte werden heute deutlich mehr weiterverbreitet, als dass noch vor 10, 20 oder 30 Jahren der Fall war."

Vielleicht nehmen sich viele Menschen jetzt vor, künftig an Gruppen von Jugendlichen möglichst schnell vorbeizugehen? Was antworten Sie auf solche Überlegungen?

"Leider ist es so, dass es darauf keine Antwort gibt, die für alle Situationen passend ist. Aber natürlich gibt es den einen oder anderen Ratschlag, wie man sich generell verhalten kann, um das Risiko so klein wie möglich zu halten, wenn man Zeuge wird von offensichtlichen Gewaltdelikten oder Straftaten:

Das unmittelbare Kontaktieren der Polizei ist natürlich immer das Mittel der Wahl, bevor man selbst eingreift. Um Hilfe zu bekommen, kann man auch umstehende Passanten aktiv ansprechen. Und, ganz wichtig: Wir wissen aus der Forschung von Menschen mit hoher Gewaltneigung, dass sie selbst neutrale Situationen sehr schnell als bedrohlich wahrnehmen. Das heißt, sie glauben schnell, dass sie sich verteidigen müssen. Deshalb ist eine klare Ansprache gut, ohne selbst bedrohlich zu wirken oder dem anderen zu nahe zu kommen. Damit kann man sich auch selbst in so einer schwierigen Situation schützen."

© BR

Das gesamte Bayern 2-radioWelt-Interview mit Kriminologe Martin Rettenberger.