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Nach Astrazeneca-Entscheidung: Wie geht es weiter? | BR24

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Bildrechte: picture alliance / CHROMORANGE | Matthias Stolt

2,8 Millionen Menschen wurden hierzulande schon mindestens einmal mit Astrazeneca geimpft. In 31 Fällen sind danach Blutgerinnsel im Gehirn aufgetreten. Neun Menschen sind gestorben. Der Impfstoff kommt nicht aus den Schlagzeilen. Eine Chronologie.

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Nach Astrazeneca-Entscheidung: Wie geht es weiter?

Es ist ein Rückschlag für die Impfkampagne in Deutschland: Nach der Entscheidung, den Corona-Impfstoff von Astrazeneca nur noch für Menschen über 60 Jahren, stellt sich eine ganze Reihe praktischer Fragen. Was bisher bekannt ist.

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Von
  • Petr Jerabek
  • Sophie von der Tann

Nach nur wenigen Stunden wurden die Verabredungen des bayerischen Impfgipfels am Dienstag teilweise über den Haufen geworfen: durch den Bund-Länder-Beschluss, den Impfstoff von Astrazeneca in der Regel nur noch für Menschen über 60 Jahren zu verwenden. Was bedeutet das nun konkret in der Praxis? Was ist mit Menschen, die schon eine Erstimpfung mit dem Mittel bekommen haben? Wie geht es weiter in den Impfzentren? Erste Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wer hat was entschieden - und warum?

Bund und Länder haben beschlossen, den Impfstoff von Astrazeneca in der Regel nur noch für Menschen zu verwenden, die älter als 60 Jahre sind. Damit folgten sie einer neuen Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko).

Nach Angaben von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beruht diese Empfehlung auf Erkenntnissen, die Fachleute in den vergangenen Wochen über sehr seltene, aber sehr schwere Fälle von Hirnvenenthrombosen bei mit Astrazeneca geimpften Personen gesammelt haben. "Es sind Erkenntnisse, die die Ständige Impfkommission und damit auch wir nicht ignorieren können", sagte Merkel am späten Dienstagabend zur Begründung.

Wie groß ist die Gefahr?

Laut Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden bisher rund 2,7 Millionen Erstimpfungen mit Astrazeneca gemacht. Dem Paul-Ehrlich-Institut wurden bis Montag 31 Fälle solcher Blutgerinnsel nach Impfungen mit Astrazeneca gemeldet, neun davon verliefen tödlich. Die Nebenwirkungen seien 4 bis 16 Tage nach der Impfung ganz überwiegend bei Personen im Alter unter 60 Jahren aufgetreten, teilte die Stiko mit. In 29 Fällen waren Frauen betroffen - im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die beiden Männer waren dem Bundesgesundheitsministerium zufolge 36 und 57 Jahre alt.

Ich habe eine Astrazeneca-Erstimpfung - was ist mit der zweiten Spritze?

Bisher haben in Deutschland laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), 2,2 Millionen Menschen unter 60 eine Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten. Ob bei ihnen die Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff empfohlen wird, solle "zügig" mit den Experten erörtert werden, sagte der Minister. Die Ständige Impfkommission kündigte an, bis Ende April "eine ergänzende Empfehlung" abzugeben.

Spahn versprach, jede und jeder werde ein Impfangebot bekommen, das zur vollen Schutzwirkung führen könne. Unabhängig davon könne jeder der unter 60-Jährigen "unter Abwägung aller Informationen" für sich entscheiden, die Zweitimpfung mit Astrazeneca anzunehmen.

Bis wann muss die Zweitimpfung erfolgen?

Etwas Zeit bleibt laut Gesundheitsminister Spahn noch. "Wir haben Anfang Februar mit der Astrazeneca-Impfung in Deutschland begonnen. Das empfohlene Intervall, die Zeitspanne zwischen Erst- und Zweitimpfung, sind neun bis zwölf Wochen." Somit bestehe die Wirksamkeit der Erstimpfung bis mindestens Anfang Mai fort.

Wie viel Impfungen mit Astrazeneca gab es in Bayern?

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts wurden bis Dienstag mehr als 595.000 Impfdosen von Astrazeneca nach Bayern geliefert. Davon wurden 71 Prozent bisher verimpft (gut 421.000 Dosen). Das bedeutet, dass knapp 174.000 Impfdosen noch verfügbar sind.

Beim Impfstoff von Biontech dagegen sind 98 Prozent der bisher gelieferten mehr als 1,7 Impfdosen schon verbraucht worden - am Dienstag waren nur etwas mehr 36.500 Dosen übrig. Moderna spielt mit bisher 174.000 gelieferten Dosen nur eine vergleichsweise geringe Rolle. Davon wurden weniger als 107.000 verwendet.

Wie wirkt sich die Entscheidung auf die Impfreihenfolge aus?

Der Bund-Länder-Beschluss sieht vor, dass ab sofort die Impf-Priorisierung bei Astrazeneca für die Menschen über 60 Jahren aufgehoben werden kann: "Den Ländern steht es frei, bereits jetzt auch die 60- bis 69-Jährigen für diesen Impfstoff mit in ihre Impfkampagne einzubeziehen. Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden 3. Welle nun schneller zu impfen."

Bayern mach von dieser Möglichkeit Gebrauch, wie Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) ankündigte: "Wir setzten das um." Das heißt: Auch 60- bis 69-Jährige können sich bereits jetzt mit dem Mittel von Astrazeneca impfen lassen, die sonst erst in Prioritätsgruppe drei an der Reihe wären. Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt kündigten dagegen an, vorerst auf diese Möglichkeit zu verzichten und weiterhin nur Menschen der Prioritätsgruppen eins und zwei zu impfen.

Was ist mit den unter 60-Jährigen?

Auch nach der Entscheidung von Bund und Ländern können unter bestimmten Voraussetzungen Menschen unter 60 den Impfstoff von Astrazeneca erhalten: Der Einsatz bleibe "nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoabwägung und Entscheidung der impfwilligen Person nach sorgfältiger Aufklärung möglich", heißt es im Beschluss.

Laut Spahn geht es insgesamt um das Abwägen zwischen den Risiken einer Nebenwirkung, "die statistisch gering, aber ernst zu nehmen ist", und dem Risiko, an Corona zu erkranken und einen schweren Verlauf oder Langzeitfolgen zu erleiden. Und in dieser Abwägung gelte nach Einschätzung der Experten sehr klar: "Impfen ist fast immer die bessere Entscheidung."

Was passiert, wenn ich eine Impfung mit Astrazeneca ablehne?

Wer einen Impftermin absagt, weil er oder sie nicht mit Astrazeneca geimpft werden will, kann auf ein neues Impfangebot warten - muss aber unter Umständen etwas Geduld aufbringen: Laut bayerischem Gesundheitsministerium wird in einem solchen Fall "abhängig von der Verfügbarkeit der anderen Impfstoffe zeitnah ein neuer Termin angeboten". Dies könne aber zu einer etwas längeren Wartezeit auf einen Impftermin führen.

Wird es künftig eine Wahlfreiheit beim Impfstoff geben?

Ja, sagt einer Sprecherin des bayerischen Gesundheitsministeriums auf BR-Anfrage: "Sobald Impfstoff in ausreichender Menge zur Verfügung steht, soll den Impflingen eine Wahlfreiheit ermöglicht werden können."

Wer haftet bei Impfschäden?

Grundsätzlich hat jeder Geimpfte bei einem Impfschaden gemäß Infektionsschutzgesetz einen Anspruch gegenüber dem Staat. Und zwar wenn die zuständigen Landesbehörden die Impfung öffentlich empfohlen haben. Auch wenn die Ständige Impfkommission Astrazeneca nur eingeschränkt empfiehlt – ab 60 Jahren sowie für unter 60-Jährige nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung – gilt das laut Bundesgesundheitsministerium als "öffentliche Empfehlung".

Das heißt: Die Länder haften, wenn bekannte Nebenwirkungen wie die Blutgerinnsel im Gehirn auftreten und müssten zum Beispiel Kosten für Heil- und Krankenbehandlung und womöglich auch eine Rente übernehmen. Wenn unerwartete Nebenwirkungen durch eine Impfung auftreten, übernimmt der Bund die Haftung. Bei Produktfehlern haften die Hersteller.

Ist eine Verlangsamung beim Impftempo zu erwarten?

Wie sich die neue Astrazeneca-Empfehlung auf den Fortschritt beim Impfen in ganz Deutschland auswirkt, sei schwierig zu prognostizieren, sagt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Allerdings gebe es 18 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 60 und 79 Jahren, die wegen ihres Alters nun impfberechtigt seien. Für das zweite Quartal zwischen April und Juni hat Astrazeneca zugesagt, 12 bis 15 Millionen Dosen zu liefern. Auch wenn durch die neue Stiko-Empfehlung ein großer Teil der Bevölkerung wegfällt, gibt es also immer noch mehr Menschen, die geimpft werden können, als zugesagte Impfdosen.

Eine Sprecherin des bayerischen Gesundheitsministeriums gab sich optimistisch: "Durch die Einbindung der Arztpraxen als zweite Säule der Strategie und aufgrund der erwarteten Lieferungen des Bundes sind wir zuversichtlich, dass wir sehr bald mehr Tempo ins Impfen bekommen."

Wie geht es weiter in den Impfzentren?

Das ist je nach Region sehr unterschiedlich, wie BR-Anfragen bei zahlreichen Impfzentren im Freistaat zeigen: Manche mussten Duztende Termine zur Erstimpfung mit Astrazeneca absagen - in der Stadt Regensburg waren es beispielsweise rund 300, in den Landkreis Landshut und Traunstein jeweils rund 30. Das Impfzentrum Ansbach dagegen kann auf Impfstoffe von Biontech und Moderna ausweichen, daher bleiben dort die vereinbarten Termine bestehen. In anderen Landkreisen wiederum standen aktuell ohnehin keine Impfungen mit dem Mittel von Astrazeneca an - zum Beispiel in den Landkreisen Regensburg, Schwandorf und Amberg-Sulzbach.

Warum bekommt Astrazeneca einen neuen Namen?

Insbesondere in den sozialen Netzwerken sorgt die Umbenennung des Impfstoffs von Astrazeneca für großen Wirbel. Astrazeneca vermarktet seinen Coronavirus-Impfstoff in der EU künftig unter dem Namen Vaxzevria, wie das britisch-schwedische Pharmaunternehmen mitteilte. Zuvor war der neue Name des Mittels bereits in Dokumenten der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) aufgetaucht.

Bislang ist das Präparat unter dem Namen Covid-19 Vaccine Astrazeneca bekannt. "Die Umstellung auf einen dauerhaften Markennamen ist üblich und wurde seit vielen Monaten geplant", betonte das Unternehmen. Die vollständige Umstellung auf den Namen Vaxzevria werde in sechs Monaten erwartet.

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