BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Nach 75 Jahren: Denkmal erinnert an Kriegsverbrechen in Passau | BR24

© BR

75 Jahre nach Kriegsende sind viele, aber nicht alle Verbrechen der Nazizeit aufgeklärt. In Passau haben erst jüngste Recherchen ergeben, dass zu Kriegsende deutlich mehr russische Kriegsgefangene getötet wurden, als angenommen.

1
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Nach 75 Jahren: Denkmal erinnert an Kriegsverbrechen in Passau

Im Passauer Ortsteil Ingling wurde heute ein Denkmal enthüllt, das an die grausame Ermordung von über 300 russischen Kriegsgefangenen Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern soll. Entstanden ist das Denkmal aus einer privaten Initiative.

1
Per Mail sharen

Im Passauer Ortsteil Ingling wurde heute ein Denkmal enthüllt. Es soll an die grausame Ermordung von über 300 russischen Kriegsgefangenen Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern. Das war eines der schwersten Kriegsverbrechen, die bei Kriegsende in Bayern geschahen. Das Denkmal wurde auf eine private Initiative hin errichtet.

Passauer Geschichtsforscher brachten Ereignisse von 1945 ans Licht

Zwei Passauer, der mittlerweile verstorbene Geschichtsforscher Heinz Kellermann und der pensionierte Gymnasiallehrer Alois Feuerer, hatten durch akribische Archivsuche und Öffentlichkeitsarbeit die Ereignisse vom April 1945 ans Licht gebracht. Demnach waren an zwei Tagen etwa 340 russische Gefangene während eines Verlegungsmarsches in Passau-Ingling am Ufer des Inn erschossen worden. Gut 100 Leichen wurden am Ort des Geschehens im Neuburger Wald verscharrt, über 200 getötete Männer einfach in den Inn geworfen. Entscheidende Hinweise und Schilderungen der Gräueltaten kamen von einem russischen Gefangenen namens Nikolai Bestushov. Er konnte im letzten Moment dem Massaker entfliehen.

"Meine Güte – ich habs gesagt: Das ist alles so verquickt und hängt alles so zusammen, dass das, was ich im Alter von acht Jahren gesehen habe, 80 Jahre später nochmal so eine Rolle spielt in meinem Leben." Zeitzeuge und Initiator Alois Feuerer (83), im BR-Interview am Rande des Festakts
© BR/Martin Gruber

Zeitzeuge und Initiator Alois Feuerer

Schießbefehl war völlig willkürlich

Verantwortlich für das Kriegsverbrechen waren Kreisleiter Karl Brück und SS-Mann Paul Kröger. Warum sie damals – kurz bevor die Amerikaner in Passau einrückten – die Erschießung befehligten, ist unklar. Alois Feuerer: "Wir haben oft über die Motivation gerätselt. Damals war alles Chaos. Brück und Kröger waren fanatische SS-Anhänger. Und die russischen Gefangenen waren für sie wohl Untermenschen." Der Erschießungsbefehl sei völlig willkürlich gewesen und weder durch Flucht oder Plünderung gerechtfertigt gewesen sein. Brück und Kröger wurden für ihre Tat nie zur Rechenschaft gezogen. Sie tauchten nach dem Krieg unter.

"Dieses üble Geschehen hat sich in die Annalen der Stadt eingegraben. Es war und ist eine tiefe Wunde in unserer Geschichte, auch wenn wir selbstkritisch zugeben müssen, dass diese Erkenntnis nicht so früh Allgemeingut war, wie wir es uns heute wünschen würden. Es hat schon eine Weile gedauert, bis man sich bei uns daran erinnert hat. Und das geschah in Etappen." Kulturreferent Bernhard Forster

"Ein grausamer Ort, die Hölle für 340 Menschen"

Heinz Kellermann brachte erstmals im Februar 2018 bei der Stadt Passau die Idee eines Denkmals ins Spiel. 2019 gründete sich eine Privatinitiative, die Spenden für die Realisierung sammelte. Gestaltet wurde das rostfarbene Denkmal aus Stahl vom bekannten Künstler Hubert Huber. In kyrillischer und deutscher Schrift ist zu lesen: "Hier wurden Ende April 1945 sowjetische Kriegsgefangene ermordet. 107 Tote wurden aufgefunden. Wir kennen ihre Namen nicht. Aber sie sollen nicht vergessen sein." Im BR-Interview wies Feuerer auf die Bedeutung des Denkmals hin: "Das war hier ein grausamer Ort, die Hölle für etwa 340 Menschen, die auch Väter, Söhne und Brüder waren. Da merkt man erst, was Schlimmes in der Welt passiert ist. Das ist jetzt ein Erinnerungsort."

Schüler halfen bei Realisierung des Mahnmals mit

In die Realisierung des Mahnmals waren auch Schülers des Adalbert-Stifter-Gymnasiums – die Schule ist nur wenige Meter vom Ort des Verbrechens entfernt – mit eingebunden. Sie erarbeiteten zu den Geschehnissen in Ingling Beiträge, die über einen am Denkmal angebrachten QR-Code im Internet angesehen werden können.

"Ich hoffe sehr, dass die Stele ein mahnender Ort der Erinnerung an die Opfer von damals sein wird, aber auch ein Ort der Reflexion über unsere Gegenwart und über die gesellschaftliche Verantwortung, der wir uns alle täglich stellen müssen", so Kulturreferent Bernhard Forster.

© BR/Martin Gruber

Im Passauer Ortsteil Ingling wird heute ein Denkmal enthüllt, das an die grausame Ermordung von über 300 russischen Kriegsgefangenen Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern soll.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!