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Seit sechs Jahren kämpft eine Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Würzburg gegen den unachtsamen Antibiotika-Einsatz - und warnt nun die Kliniken im Umland.

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Multiresistente Keime: Uniklinik Würzburg reduziert Antibiotika

Eine erschreckende Vorstellung: Eine bakterielle Infektion und kein Antibiotikum kann helfen. Seit sechs Jahren kämpft eine Arbeitsgruppe am Uni-Klinikum Würzburg gegen den unachtsamen Antibiotika-Einsatz – und warnt nun die Kliniken im Umland.

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Von
  • Leon Willner

Wenn Güzin Surat die Gänge der Intensivstation am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) betritt, ist das wie früher in der Schule, als die Lehrerin mit den korrigierten Schularbeiten hereinkam. Nur bringt Surat mikrobiologische Befunde aus dem Labor mit. Dann gleicht sie mit den Ärztinnen und Ärzten ab, ob das verabreichte Antibiotikum in Substanz und Dosierung angemessen war. Für eine Visite trifft sich das Personal um den leitenden Oberarzt Daniel Röder zweimal pro Woche mit Surat und bespricht die Laborbefunde.

"Wir sind die, die den Patienten jeden Tag sehen und uns die körperlichen Untersuchungsbefunde, Blutwerte etc. jeden Tag anschauen und die Entwicklung der Patienten beobachten", sagt Röder. Bei allen Patientinnen und Patienten gibt es nach der Aufnahme Untersuchungen, zum Beispiel von Sekreten aus der Luftröhre, aus der Lunge, Blutkulturen und Abstrichen von Wunden. Doch bis zum abschließenden Befund müsse man in der Regel zwei bis drei Tage warten. "Durch die AMS Visite haben wir die Möglichkeit, diese Befunde schon vorläufig, aber eben schon sehr valide zu bekommen und schnell darauf zu reagieren", sagt der Oberarzt.

Ungünstige Verschreibung ist Treiber für die Entwicklung von Resistenzen

AMS steht für Antimicrobial Stewardship. Darunter versteht man Methoden, die darauf zielen, die Verschreibungsqualität von Antiinfektiva zu verbessern. Zu den Antiinfektiva zählen unter anderem die Antibiotika. Güzin Surat leitet die Arbeitsgruppe AMS am Uni-Klinikum Würzburg. In der AG AMS warnt sie seit sechs Jahren vor dem falschen Gebrauch von Antibiotika. "Der hauptsächliche Treiber für die Entwicklung und Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen ist die ungünstige Verschreibungspraxis", sagte sie. Rund 30 bis 50 Prozent aller eingesetzten Antibiotika im stationären Bereich oder im ambulanten Sektor seien gar nicht erst indiziert. Das bedeutet, dass die Verschreibung für Patientin oder Patient keinen Vorteil verspricht.

Antibiotikatherapie mit gewisser Kalkulation verbunden

Die Antibiotikatherapie sei immer eine kalkulierte Therapie, erklärt Röder: "Das heißt, wir überlegen uns, welche Bakterien, welche Keime könnten für das Problem ursächlich sein." Dank der Befunde der AG AMS könne sein Team rascher auf die richtigen Bakterien zielen. So sei es möglich, schmalere Medikamente zu verabreichen, die dann nur auf den einen Erreger zielen, ohne andere Bakterien abzutöten, die für den Körper wichtig sind.

Uni-Klinik Würzburg reduzierte Verbrauch kritischer Antibiotika drastisch

Das Uni-Klinikum Würzburg verweist auf die Erfolge der AG AMS. So ist das Klinikum seit 2011 Teil eines bundesweiten Antibiotika-Surveillance-Projekts, das Daten zum Antiinfektiva-Verbrauch sammelt. Zu Beginn verzeichnete das Uniklinikum Würzburg bundesweit den höchsten Verbrauch an Cephalosporinen der 3. Generation. Das ist ein Antibiotikum, das aufgrund der Nebenwirkungen als kritisch gilt. Inzwischen habe man den Einsatz kritischer Antibiotika um mehr als die Hälfte reduziert. Von den 22 Unikliniken, die an dem Projekt beteiligt sind, nehmen die Würzburger in Sachen niedrigster Verbrauch sogar die Spitzenposition ein.

Multiresistente Keime können von Klinik zu Klinik wandern

Der Erfolg des Uni-Klinikums allein hilft beim Kampf gegen multiresistente Keime, die Menschen zum Beispiel auch über tierische Nahrung aufnehmen können, noch nicht weiter. Je nach Infektion werden Patientinnen und Patienten zwischen einzelnen Kliniken hin und her verlegt. "Dabei gibt es einen Austausch nicht nur der Patienten, sondern auch der multiresistenten Erreger", sagt Surat. Deswegen will die AG AMS die Therapieansätze in der ganzen Region vereinheitlichen und baut auf die Etablierung eines AMS-Kliniknetzwerks.

Klinik Kitzinger Land kooperiert mit dem Uni-Klinikum Würzburg

Erster Kooperationspartner ist die Klinik Kitzinger Land. Für den Leiter der Intensivstation dort, Daniel Holzheid, ist es wichtig, frühzeitig zu handeln: "Wir wissen, dass die Multiresistenzen zunehmen, dass die Antibiotika Entwicklung kaum hinterherkommt. Und es gibt auch Studien, die eben für in zehn Jahren oder in 20 Jahren extrem hohe Zahlen und auch extrem hohe Todeszahlen vorhersehen." Holzheid ist froh, dass auch kleinere Krankenhäuser von den Daten aus Würzburg profitieren: "Wir können uns als Grund- und Regelversorger keine eigenen Mikrobiologen oder Infektiologen ins Haus holen", sagt er.

Weitere Kliniken in Unterfranken an Zusammenarbeit interessiert

Neben der Klinik Kitzinger Land stoßen ab Juni die Main-Klinik Ochsenfurt und das St. Josef Krankenhaus Schweinfurt zum AMS-Netzwerk hinzu. Dazu haben zwei weitere Kliniken in Unterfranken ihr Interesse bekundet. Um das Netzwerk finanzieren zu können, stellte das UKW bereits im August 2020 einen Antrag auf Förderung. Laut einer Sprecherin des Bayerischen Gesundheitsministeriums hat die Regierung von Unterfranken rückgemeldet, dass der Vorgang nicht mit erster Priorität behandelt werden könne, da die Ressourcen für die Bewältigung der Corona-Pandemie benötigt würden. Wenn sich die Situation entspanne, werde die Regierung sich der Sache annehmen.

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