BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Münchner Wertstoffinseln: Ein umstrittenes Müll-System | BR24

© pa/dpa/Peter Kneffel

Wertstoffinseln München: Ein umstrittenes Müll-System

43
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Münchner Wertstoffinseln: Ein umstrittenes Müll-System

Die Münchner sammeln ihren Werstoffmüll nicht in Säcken, die die Stadt einsammelt, sondern sie bringen sie zu Wertstoffinseln. Doch das System ist umstritten: Die Standorte seien "Schandflecken", kritisieren viele. Die Sammelquote ist zudem dürftig.

43
Per Mail sharen

München ist seit bald 30 Jahren eine der wenigen Großstädte, die sich beim Verpackungsmüll für ein sogenanntes "Bringsystem" mit Wertstoffinseln entschieden haben. Hier holt die Müllabfuhr nicht die gesammelten Wertstoffe an der Haustür ab, sondern die Bürger bringen sie zu rund 1.000 Wertstoffcontainern im ganzen Stadtgebiet.

Vermüllte Sammelstellen

Allerdings mutieren viele Wertstoffinseln zu Schandflecken. Nicht selten stehen hunderte Glasflaschen und ganze Säcke mit Plastikmüll rund um die Container, weil sie voll sind. Mancher Bürger fühlt sich sogar eingeladen, sonstigen Müll oder sogar Sperrmüll hier abzustellen. Zusätzlich müssen die Anwohner den Lärm beim Einwerfen der Glasflaschen ertragen. Außerdem stinkt es - vor allem, wenn es warm ist. Dementsprechend fühlen sich hier Ratten wohl.

Private Initiative gegen die Wertstoffinseln

Das verärgert unter anderem den Moosacher Ulrich Grasberger. Gemeinsam mit anderen genervten Bürgern hat er den Wertstoffinseln den Kampf angesagt. Seit Februar sammelt er für seine Homepage "Müll Minus München" Argumente gegen das Münchner Bringssystem. Inzwischen hat er schon hunderte von Fotos von Schandflecken zugemailt gekommen.

Er ist für eine gelbe Tonne oder einen gelben Sack fürs Plastik und die Altglascontainer sollten an lärmunsensiblen Stellen platziert werden, sagt er.

Müllunternehmer kommen mit dem Einsammeln nicht hinterher

Mit dem Einsammeln des Mülls hat die Stadt private Unternehmen wie Remondis oder Wittmann beauftragt. Sie sind auch für die Sauberkeit an den Standorten verantwortlich. Mit viel Aufwand versucht man dort, das Problem in den Griff zu bekommen. Klaus Thielmann von Remondis Süd München beteuert, dass man extra weitere Fahrzeuge einsetze, um die Frequenz zur Entsorgung der Container zu erhöhen. Auch um die Sauberkeit kümmere man sich mehr, auch wenn das viel Zeit und Nerven koste.

Stadt will trotzdem beim Bringsystem bleiben

Der Münchner Kommunalreferentin Kristina Frank ist das Problem bekannt. Trotzdem will sie nicht auf ein Holsystem umsteigen und den Plastikmüll direkt beim Bürger einsammeln. Sie führt die Vorteile des Bringsystems ins Feld: Wenn man den Müll bei den Münchnerinnen und Münchnern vor der Haustüre abhole, müssten zum Beispiel viel mehr LKW durch die Stadt fahren und die Luft mit ihren Dieselabgasen belasten, sagt sie.

Container führen zu geringerer Recyclingquote

Kritik wendet sich aber auch gegen die mangelnde Effizienz der Wertstoffinseln. Weil die Bürger die Wertstoffe zu den Inseln bringen müssen, wird viel weniger Müll recycelt als anderswo. Obwohl die Münchner jede Stunde so viel Plastikmüll produzieren, dass man damit die Bavaria über der Theresienwiese ausstopfen könnte und nach einem Tag das Siegestor, landen im Wertstoffcontainer im Jahr nur rund fünf Kilo pro Kopf. Das Holsystem ist da mit 30 Kilo pro Bürger deutlich effizienter.

Einer der Kritiker ist BellandVision, ein Vertreter des Dualen Systems mit Sitz in Bayern. In einem offenen Brief an die Stadt schreibt BellandVision, das Münchner Bringsystem habe sich als ineffizient erwiesen und die Recyclingvorgaben seien bei weitem nicht erreichbar.

Bund Naturschutz: Holsystem würde mehr Plastikmüll einsammeln

Das sagt auch der Bund Naturschutz in München. Hier füllt das Thema "Wertstoffinseln" mehrere Aktenordner. Martin Hänsel von der Kreisgruppe München bemängelt die Effektivität des Bringsystems. Schließlich würden zum Beispiel in Augsburg sechs mal soviel Plastik gesammelt wie in München.

"Wenn man an diesem System festhalten will, dann muss man seitens der Stadt deutlich mehr Mut und Engagement zeigen", so Hänsel. Ein Bringsystem, das nicht dazu beiträgt, die vorgeschriebenen Recyclingquoten zu erfüllen, habe keine Daseinsberechtigung. Er ist darum für ein Holsystem.

Stadt München: Recycling des gesammelten Mülls mangelhaft

Die Stadt ist bislang von den Argumenten nicht überzeugt, unter anderem, weil selbst bei guter Sammelquote die Quote der Wertstoffverwertung unklar sei. Und tatsächlich gibt es beim Recycling in Bayern noch große Defizite.

Der Münchner Abfallwirtschaftsverband argumentiert außerdem, dass die an den Wertstoffinseln abgelieferten Leichtverpackungen wesentlich sortenreiner seien als die im gelben Sack. Das bestätigt auch Klaus Thielmann des Entsorgers Remondis. Der Grund: Wer den Weg zur Werstoffinsel auf sich nimmt, ist motivierter als der, der nur irgendetwas in den gelben Sack wirft. So genannte Fehlwürfe gibt es aber auch im Container zu viele, so Thielmann.

Bürger trennen schlecht

Wie schlecht die Münchner, die nicht zum Container gehen, den Müll trennen, sieht man am Restmüll: Darin finden sich laut Stadt 10 Prozent Altpapier und Kartonagen und 40 Prozent sind organischer Abfall, der eigentlich in die Bio-Tonne gehört. Die Münchner könnten schon jetzt 50 Prozent des Restmülls bequem daheim aussortieren, sagt die Kommunalreferentin. Deshalb glaubt sie nicht, dass der gelbe Sack wirklich etwas ändern würde.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

© BR/Ingrid Wolf

Brave Bürger trennen ihren Abfall, damit er recycelt wird, Tatsache ist aber: Nicht einmal ein Viertel des Materials kann wirklich wiederverwertet werden. Ist der Gelbe Sack eine Mogelpackung?