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Münchner Terrorprozess: Eine Jesidin und ihre Qualen beim IS | BR24

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Das Oberlandesgericht verhandelt über eine IS-Kämpferin, die ein kleines Mädchen bei 45 Grad in der Sonne ankettete und verdursten ließ.

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Münchner Terrorprozess: Eine Jesidin und ihre Qualen beim IS

Eine ehemalige IS-Sklavin gilt als wichtigste Zeugin im Prozess vor dem Oberlandesgericht München gegen eine mutmaßliche Unterstützerin der Terrormiliz. Ihr Kind soll verdurstet sein und die 28-jährige Angeklagte soll dabei tatenlos zugesehen haben.

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Abgeschirmt von Polizisten in Zivil betritt die 47-jährige Zeugin Nora T. den stickigen Gerichtssaal – eine Jesidin, die in den vergangenen Jahren viel durchmachen musste als Sklavin der Terrormiliz IS in Syrien und im Irak. Ein Leben ohne Rechte. Davon soll Nora T., die in einem Zeugenschutzprogramm lebt, mehrere Tage berichten.

Es geht insbesondere um ein fünfjähriges Kind, das im Sommer 2015 qualvoll verdurstet sein soll. Die Bundesanwaltschaft geht davon, dass es sich bei Nora T. um die Mutter der Getöteten handelt. Die 28-jährige Angeklagte Jennifer W. soll gemeinsam mit ihrem Ehemann Mutter und Tochter versklavt haben. Auch habe sie sich am Tod des Mädchens mitschuldig gemacht, so die Ermittler.

Vom IS als Ware behandelt

Die Augen von Nora T. strahlen Müdigkeit aus. Den Rest ihres Gesichts verdeckt sie mit einem Kopftuch, als sie vor die Pressekameras im Oberlandesgericht München tritt. Ein bisschen sieht man ihre graumelierten Haare. Nora T. trägt ein langes schwarzes Kleid.

Sie wirke viel älter als 47 Jahre, sagen Prozessbeobachter. Die Zeugin erzählt von einem Mann namens Abu Osama, dass er sie gekauft habe und dass sie mit ihm schlafen musste. Dann kam ein anderer Mann - Abu Ibrahim. Der habe sie Osama abgekauft. Zehn Tage habe sie bei Abu Ibrahim verbracht und dann habe Abu Osama sie wieder zurückgekauft.

Schwierige Vernehmung

Nora T. berichtet von der vergeblichen Flucht ihrer Familie vor dem IS. "Die haben uns gezwungen, zum Islam zu konvertieren", sagt die Zeugin. "Sie haben uns gesagt, wenn wir nicht konvertieren, dann werden sie uns umbringen. In meiner Familie sind alle Muslime geworden."

Die Vernehmung der Frau gestaltet sich ungewöhnlich schwierig. Nora T. spricht den kurdisch-irakischen Dialekt Kurmandschi und ist für die Dolmetscherin wegen eines Sprachfehlers nur schwer zu verstehen. Immer wieder ermahnt Verteidiger Ali Aydin die Dolmetscherin. Sie sitze nicht nah genug am Mikro. Sie übersetze nicht wortgetreu und solle sich ab jetzt an eine wortgetreue Übersetzung halten.

Wurde die Zeugin versklavt und geschlagen?

Die Zeugin macht einen gefassten und ruhigen Eindruck, als sie über ihre Zeit beim IS berichtet. Im Haus eines Pärchens sei sie gelandet. Geputzt und Wäsche gewaschen haben sie für den Mann und die Frau. Der Mann habe sich aggressiv verhalten, habe sie und ihre Tochter geschlagen. Es soll sich um den Ehemann der 28-jährigen Jennifer W. handeln.

Die Ex-IS-Sklavin Nora T. berichtet von einer Ehefrau im Haushalt, die selbst nicht handgreiflich wurde, aber für Streit und Probleme sorgte. Insbesondere habe sie auf der fünfjährigen Tochter herumgehackt: "Die Ehefrau hat gesagt, dass meine Tochter sie nicht schlafen lässt. Sie wollte nicht, dass man sie weinen hört. Sie sollte nicht drinnen toben. Sie sollte ruhig bleiben." Die Ehefrau, so Nora T., habe das Mädchen als Tier bezeichnet. Dabei sei die Kleine doch erst fünf Jahre alt gewesen.

Angeklagte wirkt konzentriert

Laut Bundesanwaltschaft soll das Mädchen ins Bett gemacht haben. Der Ehemann habe daraufhin das Kind bestrafen wollen und es unter sengender Sonne bei 45 Grad in einem Hof angekettet. Das Kind sei dann qualvoll verdurstet.

Die Angeklagte habe nichts zur Rettung des Mädchens unternommen. Jennifer W. wirkt konzentriert. Sie starrt auf Unterlagen, die vor ihr auf einem Tisch liegen. Gelegentlich greift sie nach dem Kugelschreiber und macht sich Notizen. Aber einen Blick in Richtung der Zeugin wagt sie kaum.