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Münchner IS-Prozess: Jesidin berichtet vom Tod der Tochter | BR24

© pa/dpa/Peter Kneffel

Prozess wegen Mitgliedschaft im IS

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Münchner IS-Prozess: Jesidin berichtet vom Tod der Tochter

"Ich habe viel geweint": Worte einer Mutter, die dem Oberlandesgericht München vom Tod ihrer Tochter bei der Terrormiliz IS berichtet. Seit drei Tagen sagt die Jesidin vor Gericht aus. Im Prozess gegen die mutmaßliche IS-Unterstützerin Jennifer W.

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"Es ist schwer mit ansehen zu müssen, wenn die eigene Tochter stirbt", sagt die Zeugin Nora T.. Vor dem Oberlandesgericht München erinnert sich die Jesidin an den Sommer 2015 im Irak. Damals war sie gemeinsam mit ihrer Tochter eine Sklavin des IS.

Zeugin hat Probleme, Fragen zu beantworten

Die angeklagte Jennifer W., die sich seit April vor Gericht verantworten muss, soll ihre Sklavenhalterin gewesen sein. Noch hat Nora T. die Angeklagte aber nicht als Täterin identifiziert. Seit drei Tagen sagt sie vor Gericht aus. Sie spricht undeutlich, sagt dem Richter, dass das an ihren Polypen liege. Der Richter spricht langsam mit Nora T. Denn, so sagen Prozessbeobachter, sie stamme aus einer ganz anderen Lebenswelt, habe eine andere Wahrnehmung. Deshalb sei sie in manchen Fällen nicht in der Lage, Fragen zu beantworten. Nora T. ist im Irak in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, spricht einen kurdisch-irakischen Dialekt.

Verteidigung der mutmaßlichen IS-Unterstützerin hat Zweifel

Laut Verteidigung weichen Aussagen der ehemaligen IS-Sklavin voneinander ab. Anwalt Ali Aydin will zu diesen angeblichen Widersprüchen auf BR-Anfrage noch keine genauen Angaben machen, weil die Vernehmung der Jesidin noch längst nicht abgeschlossen ist. Mehrere Verhandlungstage könnte die Vernehmung der Zeugin in Anspruch nehmen.

Sklavin beim IS, Tochter gestorben: "Ich habe viel geweint"

Die Zeugin berichtet, dass sie mit ihrer Tochter im Haus eines Ehepaars gelandet sei. Die Ehefrau, so die Zeugin, habe ihre fünfjährige Tochter nicht ausstehen können und den Ehemann gegen das Kind aufgehetzt. Laut der Zeugin gefiel der Frau nicht, dass das Kind spielte und laut war.

Der Ehemann habe sie und die Tochter immer wieder geschlagen. Schließlich habe der Ehemann das Kind draußen vor dem Haus bei großer Hitze mit einem braunen Kabel an ein Gitterfenster gebunden. Eine Stunde habe das Kind in der Hitze gestanden. "Sie hat gerufen: Mama." Doch sie habe sich aus Angst vor ihrem Peiniger nicht nach draußen getraut. Erst als der Ehemann das regungslose Kind ins Haus brachte, sei das Paar nervös geworden. Der Mann sei mit dem Kind in ein Krankenhaus gefahren. Sie habe ihre Tochter nie wieder gesehen.

"Ich habe dann viel geweint", sagt Nora T. Die Ehefrau habe das gestört. Sie habe eine Pistole genommen. "Sie hat die Pistole an meinen Kopf gesetzt und gesagt: Wenn du nicht aufhörst, werde ich dich umbringen."

Nora T. schmerzt das bis heute: "Deine Tochter vor deinen Augen zu sehen, wie sie sie umgebracht haben und dann soll ich nicht weinen?"

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass es sich bei der Ehefrau um die Angeklagte Jennifer W. handelt. Von September 2014 bis Anfang 2016 soll sich die 28-jährige Jennifer W. bei der Terrormiliz IS aufgehalten haben. Die Bundesanwaltschaft spricht unter anderem von Mord durch Unterlassen. Sie wirft der 28-Jährigen unter anderem vor, dass diese nichts zur Rettung der Fünfjährigen unternommen habe, das Kind sei qualvoll verdurstet.

Verwunderung über Fotos

Während der Verhandlung will der Vorsitzende Richter Reinhold Baier von Nora T. wissen, was das Kind anhatte. Ein hellblaues Kleid? In einer früheren Vernehmung habe sie doch gesagt, das Kind habe ein rosa Kleid getragen und rote Schuhe. Das stimme auch, sagt die Zeugin. Die Fünfjährige habe rote Schuhe besessen und die auch auf den Fotos getragen, die sie später, "in Kurdistan", nach ihrer Flucht vor dem "IS" gesehen habe. Die seien wohl im Krankenhaus entstanden. Das Kind habe darauf ein Kabel um den Hals gehabt.

Sie habe diese Bilder auch abgespeichert – aber im Irak "vergessen" und nicht mit nach Deutschland genommen. Das Bild des Kindes sei damals "überall annonciert" gewesen – auf dem Handy, im Fernsehen. "Die sind überall verteilt worden. In Kanada, in Australien. Die haben gesagt, das ist eine schmutzige Geschichte und darum muss jeder davon erfahren." Auf die Frage, wer diese Fotos verteilt hat, sagt sie: "die Leute" und meint die jesidische Gemeinde. "Damit alle Leute auf der ganzen Welt wissen, was mit den Jesiden dort passiert ist."

Den Anwälten der Zeugin Nora T. waren diese Fotos bisher unbekannt. "Aber vielleicht gibt es das Bild ja", so Anwalt Wolf Bendler.