BR24 Logo
BR24 Logo
Bayern

Mordprozess: Hilfspfleger hat laut Gutachter "Gewissensbisse" | BR24

© BR

Ein polnischer Hilfspfleger soll sechs kranke Menschen in ihren Wohnungen ermordet haben. Seit heute steht der 38-Jährige in München vor Gericht. Tatwaffe sei jedes Mal eine Insulinspritze gewesen.

1
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Mordprozess: Hilfspfleger hat laut Gutachter "Gewissensbisse"

In München hat der Prozess gegen einen Hilfspfleger begonnen, der sechs Menschen mit einer Überdosis Insulin umgebracht haben soll. Laut einem Gutachter bereut der Pfleger die Taten inzwischen. Der Angeklagte selbst äußerte sich nicht.

1
Per Mail sharen
Teilen

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wiegen schwer: Der angeklagte Hilfspfleger Grzegorz W. soll wehrlose Patienten mit dem Medikament Insulin tot gespritzt haben. Der Angeklagte versteckt sein Gesicht zum Prozessauftakt nicht vor dem Blitzlichtgewitter. Interessiert sieht er sich um. Erst zum Ende der mehr als einstündigen Anklageverlesung stützt er den Kopf immer wieder auf seine Hände und reibt sich die Stirn.

Staatsanwaltschaft: Rücksichtsloses Gewinnstreben und Gleichgültigkeit

Am Landgericht München I startete am Dienstag der Prozess gegen den 38-Jährigen, der sechs Menschen umgebracht haben soll. Eigentlich hätte er ihnen helfen sollen. Krasse Eigensucht, rücksichtsloses Gewinnstreben und völlige Gleichgültigkeit wirft die Staatsanwaltschaft dem Polen Grzegorz W. vor.

Zum Prozessauftakt verweigerte der Angeklagte die Aussage. Ihr Mandant werde "weder zu den persönlichen Verhältnissen noch zur Sache Angaben machen", sagte Verteidigerin Birgit Schwerdt.

Gutachter: Hilfspfleger hat "Gewissensbisse"

Einem psychologischen Gutachter gegenüber hatte der Pfleger aber "Gewissenbisse" eingeräumt. "Es tue ihm wirklich leid, dass er das getan habe", zitierte der Psychiater Matthias Hollweg den Angeklagten. Außerdem habe er ihm gesagt, dass er sich auf eine lebenslange Freiheitsstrafe einstelle.

Statt zu pflegen durchsuchte er Häuser

Nach einem 120-stündigen Pflegekurs war der gelernte Schlosser und Mechaniker von Mai 2015 an laut Anklage in mehreren Haushalten in Deutschland als Hilfspfleger tätig - zuständig für die 24-Stunden-Betreuung alter Menschen. Pflegen, so sieht es die Staatsanwaltschaft, wollte er aber nie. "Ihm kam es beim Antritt seiner jeweiligen Tätigkeit vielmehr darauf an, ungestört die Häuser zu durchsuchen und sich selbst durch die Begehung von Diebstählen zu bereichern", sagt die Staatsanwältin. Sie teilt sich das Verlesen des umfangreichen Anklagesatzes mit einer Kollegin.

Mordmotiv: Anstrengende Arbeit?

Als Motive für den Mord nimmt die Staatsanwaltschaft an, dass Grzegorz W. mit seiner Arbeit unzufrieden war, weil er sie entweder zu anstrengend fand - oder weil er das Haus wegen der permanenten Anwesenheit von anderen Pflegekräften oder Familienangehörigen nicht in Ruhe nach Wertgegenständen durchsuchen konnte. Er habe den Haushalt wechseln wollen, ohne mit einer Vertragsstrafe seiner Agenturen rechnen zu müssen - und seinen wehrlosen Patienten darum Insulin gespritzt. Er soll über das Medikament verfügt haben, weil er im Gegensatz zu seinen Opfern selbst Diabetiker ist.

"Er stellte dabei seine eigenen Bedürfnisse und sein rücksichtsloses Gewinnstreben in krasser Eigensucht über das Lebensrecht des Geschädigten", heißt es in der Anklage. Das Leben seines Patienten sei "dem Angeklagten dabei völlig gleichgültig" gewesen.

Anklage spricht von Heimtücke und Habgier

Die Anklage geht von Heimtücke, Habgier und niedrigen Beweggründen aus. Neben den sechs Mordfällen und drei Fällen des versuchten Mordes listet die Anklage auch drei Fälle von gefährlicher Körperverletzung auf. Die Vorsitzende Richterin Elisabeth Ehrl wies nach der Verlesung der Anklage darauf hin, dass im Falle einer Verurteilung die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld sowie die Anordnung der Sicherungsverwahrung infrage kommen könnten - ebenso wie ein Berufsverbot.

© BR/Birgit Grundner

Am Landgericht München hat der Prozess gegen einen polnischen Hilfspfleger begonnen. Der 38-Jährige soll sechs Patienten ermordet haben, indem er ihnen Insulin gespritzt hat. Bei drei weiteren soll er es zumindest versucht haben.