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Mord in Aschaffenburg: Angeklagter könnte auf freien Fuß kommen | BR24

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Szene am ersten Verhandlungstag des Mordprozesses. Er findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

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    Mord in Aschaffenburg: Angeklagter könnte auf freien Fuß kommen

    Es ist eine echte Überraschung. Im Prozess um einen Mord vor 40 Jahren in Aschaffenburg hat sich ein wesentliches Gutachten als widersprüchlich herausgestellt. Das Gericht will entscheiden, ob der Angeklagte überhaupt dringend tatverdächtig ist.

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    Seit Anfang Januar verhandelt das Landgericht in Aschaffenburg bereits einen Cold Case, der sich vor 40 Jahren zugetragen hat. Dabei ging es auch um eine Biss-Spur an der ermordeten Christiane J. Diese Biss-Spur galt als einer der wesentlichen Hinweise, dass es sich bei dem 57 Jahre alten Angeklagten tatsächlich um den Täter handeln könnte. Jetzt steht fest: Das Zahn-Gutachten wies wohl Mängel auf. Der Haftbefehl gegen den Angeklagten könnte deshalb aufgehoben werden.

    Gericht: Zahn-Gutachten wohl wertlos

    Mitte Januar hatte eine Rechtsmedizinerin den Angeklagten schwer belastet. Ihre Aussage: Die Biss-Spur stamme mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" vom Angeklagten. Die Verteidigung hatte diese Einschätzung jedoch angezweifelt. Nun musste die Sachverständige erneut aussagen. Ergebnis: Das zahnmedizinische Gutachten sei wertlos, so Gerichtssprecher Ingo Krist. "Überraschenderweise vermochte die Sachverständige, die von der Kammer sodann aufgezeigten Widersprüche in ihrer Gutachtenerstattung, in keiner Weise fundiert zu entkräften."

    U-Haft gegen Angeklagten könnte aufgehoben werden

    Das Gericht will deshalb überprüfen, ob überhaupt noch ein dringender Tatverdacht gegen den Angeklagten besteht. Der derzeitige Haftbefehl gegen ihn könnte also aufgehoben werden, heißt es von Gerichtssprecher Krist. Das Gericht will das am Freitag entscheiden. Außerdem will das Gericht "dazu beraten, ob der Angeklagte als Täter sogar ausgeschlossen werden könne", so Krist. Die Verhandlung solle jedoch vorerst weiterlaufen. Gegebenenfalls könnten dafür auch weitere Termine anfallen.

    Sachverständige hätte Röntgenbilder nicht gesichtet

    Das Gericht bemängelte zum Beispiel, dass die Sachverständige Röntgenbilder aus dem Jahr 1997 nicht in Augenschein genommen habe. Die Rechtsmedizinerin hatte die genetische Nichtanlage eines Zahns beschrieben. Anhand der Röntgenbilder sei jedoch erkennbar, dass der Zahn sehr wohl angelegt gewesen sei, schildert Gerichtssprecher Krist. Die Sachverständige gab an, diese Röntgenbilder nicht bekommen zu haben. Das Gericht widersprach: Die Röntgenbilder hätten ihr ausdrücklich vorgelegen. Ein Sachbearbeiter der Kriminalpolizei bestätigte das. Die Röntgenbilder seien jedoch von der Sachverständigen zurückgesandt worden.

    Psychiatrischer Gutachter bestätigt Schuldfähigkeit

    Insgesamt dauerte die erneute Befragung der Sachverständigen rund drei Stunden. Laut Ingo Krist hätte sie zwar Fehler eingeräumt, an ihrer bisherigen Einschätzung hielt sie jedoch zunächst fest. Lediglich hätte sie es nun für unwahrscheinlicher gehalten, dass die Biss-Spur tatsächlich vom Angeklagten stammt. Einen Antrag des Verteidigers auf ein weiteres zahnmedizinisches Gutachten hatte das Gericht vor wenigen Tagen abgelehnt. Dieser Beschluss werde aufgehoben, so Ingo Krist. Ein zweites Gutachten ist also möglich.

    Wenige Stunden zuvor hatte im Prozess ein psychiatrischer Gutachter ausgesagt. Seiner Einschätzung nach ist der Angeklagte voll schuldfähig, teilte das Gericht mit.

    💡 Um was geht es im Aschaffenburger Cold Case-Prozess?

    Seit dem 8. Januar muss sich ein 57-jähriger Mann vor dem Aschaffenburger Landgericht wegen Mordes verantworten. Er steht im Verdacht die damals 15-jährige Christiane J. am Abend des 18. Dezembers 1979 in den Aschaffenburger Schlosspark gelockt und umgebracht zu haben. Zum Prozessauftakt hatte der Mann die Tat bestritten. Weil der Angeklagte damals erst 17 Jahre alt war – und damit minderjährig – wird nach Jugendstrafrecht verhandelt. Die Öffentlichkeit ist von dem Prozess ausgeschlossen.

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