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Montgelas: Er machte Bayern zum modernen Staat | BR24

© Sammlung Megele/Süddeutsche Zeitung Photo

Maximilian Graf von Montgelas

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Montgelas: Er machte Bayern zum modernen Staat

Ein Aufklärer mit Idealen. Ein Stratege, der dafür sorgte, dass Bayern im Bündnis mit Napoleon profitierte und es rechtzeitig wieder verließ. Ein Puzzlespieler, der das neue Staatsgebilde sinnvoll zusammenfügte. Verfassungsentwürfe bastelte er auch.

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Manchmal weht ein Orkan durch die Weltgeschichte. Heere marschieren, Staaten werden von der politischen Landkarte gefegt, neue enstehen. Und niemand weiß, was morgen kommt. Die Zeit der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege ist so eine Epoche der grundstürzenden Umgestaltung Europas. Mittendrin liegt das Land Bayern, das aus diesem Sturm gestärkt hervorgehen wird. Ein Glücksfall, der nicht zuletzt einem bayerischen Minister zu verdanken ist: Maximilian Carl Joseph Franz de Paula Hieronymus Graf von Montgelas, dem Architekten des modernen bayerischen Staates.

Am 12. September 1759 kommt er in München als Sohn eines Generals zur Welt. Mit acht Jahren wird er Vollwaise und von da an im Jesuitenkolleg im französischen Nancy erzogen. Die Jesuiten bringen ihm das logische Denken bei. Ein Übermaß an religiösem Eifer kann bei ihm freilich nie festgestellt werden. Es ist der Geist der Aufklärung, der sein Denken prägt. Montgelas studiert in Straßburg die Rechtswissenschaften und macht an der Landesuniversität zu Ingolstadt seinen Abschluss - "mit außerordentlichem Lob".

Im Lichtkreis der Illuminaten

1777 tritt er in den bayerischen Staatsdienst ein. Als Bücherzensor soll Hofrat Montgelas eigentlich aufklärerische Schriften zensieren. Aber er macht genau das Gegenteil, er fördert sie. Das hat vor allem mit jenem Geheimbund der Illuminaten zu tun, dem Montgelas in Ingolstadt einst beigetreten ist. Als Bayerns Kurfürst Karl Theodor die Geheimgesellschaft verbietet, wechselt Montgelas nach Zweibrücken - dessen Herzog Karl August ihn auch bald wieder entlässt, da seine Tätigkeit als Übersetzer ihn in Verdacht bringt, mit den französischen Besatzern zusammenzuarbeiten. Doch dann hat Montgelas Glück. Es geht aufwärts - ziemlich steil sogar.

Zwei Todesfälle, ein doppelter Max Joseph und ein Umzug

Nach dem Tod Karl Augusts kommt sein Bruder auf den Thron: Maximilian I. Maria Michael Johann Baptist Franz de Paula Joseph Kaspar Ignatius Nepomuk , mit dem Montgelas nicht nur einige Vornamen teilt. Und als in Bayern Herzog Karl Theodor stirbt und die Pfalz-Zweibrücker Linie der Wittelbacher plötzlich auch für Bayern zuständig ist, finden sich die beiden Maxen in München wieder. Ein Dream Team, das das etwas in Rückstand geratene Land im Süden gehörig umkrempelt.

Maximilian macht Montgelas zum Außenminister - das wichtigste Ressort, zumal in stürmischer Epoche. Bald bekommt er auch das Innenministerium übertragen. Später noch das Finanzministerium - obwohl er für Geld kein Händchen hat, wie seine Gattin Ernestine spöttisch feststellt.

„Als Außenminister könnte man keinen besseren haben, als Innenminister ist er 'passable', als Finanzminister verdient er gehenkt zu werden.“ Ernestine von Montgelas über ihren Gatten

So oder so: 18 Jahre lang ist Montgelas Bayerns Superminister für heikle Missionen.

Bündnispolitik: Von Wien nach Paris und wieder zurück

Vor 1800 steht Bayern zwischen den Machtblöcken Frankreich und Österreich. Und es kann zunächst gar nicht anders, als sich auf Seiten der Alliierten gegen Napoleon zu stellen. Doch im Lauf der Jahre kommt es, nicht zuletzt auf Betreiben Montgelas', zu einer Annäherung an Frankreich und schließlich zum entscheidenden Bündniswechsel im Jahr 1805, der dem Land neue Territorien und die lang ersehnte Königskrone einbringt.

Beides ist teuer erkauft. Als Mitglied des Rheinbunds ist Bayern verpflichtet, an allen Kriegszügen Napoleons teilzunehmen. 1812 werden über 30.000 bayerische Soldaten nicht mehr vom Russlandfeldzug zurückkehren. Wieder ist es Montgelas, der mit wachem Blick den Niedergang Napoleons kommen sieht und seinen ängstlichen König erneut zu einem neuen Bündnis überreden kann. Gerade noch rechtzeitig wechselt Bayern 1813 die Fronten. Seine Gebiete, die es unter Napoleon bekommen hat, darf es behalten oder eintauschen.

Montgelas' nächste Mission: Mit Kirchenmitteln Staat zu machen

"Säkularisation" und "Mediatisierung" heißen die Schlagworte, die das neue Königreich zu einem geschlossenen Staatswesen machen. Nachdem Napoleon dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 1803 unerbetene Sterbehilfe geleistet hat, werden fast alle geistlichen Fürstentümer aufgehoben und die Reichsstädte in die neu gebildeten Länder eingegliedert. Kirchengüter dürfen eingezogen werden. Die Großen werden bei diesem Länderschacher noch größer, die kleinen Territorien verschwinden.

Ganz vorn dabei ist Bayern mit seinem Superminister Montgelas, der die napoleonischen Reformen schnell und unerbittlich umsetzt: Keine territorialen Flickenteppiche mehr, keine klösterlichen Sonderrechte, keine Zwischengewalten – der moderne Staatsabsolutismus duldet keine Götter neben sich. Aus einem Patchwork von Machtbereichen und Möchtegernmachtbereichen wird ein neues großes Ganzes.

Neu mit dabei: Franken und Schwaben. Auch acht schwäbische und sieben fränkische Reichsstädte samt Besitzungen werden annektiert, dazu Klöster, Hochstifte und Reichsabteien. Plötzlich sind auch Nürnberg, Augsburg, Regensburg, Kempten, Kaufbeuren und Lindau bayerisch.

Eine Kultur wird umgepflügt

Die kulturellen Kollateralschäden sind gewaltig. Bibliotheken werden aufgelöst, klösterliche Ländereien, Besitztümer und Rechte fallen an den Staat. Ebenso Gebäude, Kunstwerke, Handschriften oder wertvolle Musikinstrumente. Es ist tatsächlich so etwas wie eine staatlich verordnete Auflösung des Mittelalters, mit der eine mehr als 1.000-jährige Tradition in Bayern zu Ende geht. Entsprechend groß der Kreis der Montgelas'schen Kritiker. Ist der Mann ein kulturvergessener Vandale? Am Ende doch ein illuminatischer, atheistischer, jakobinischer Verschwörer?

Dafür entsteht Neues, Modernes. Zum Beispiel im Schulwesen, von dem Montgelas findet, dass es nicht in Mönchshände, sondern in staatliche Obhut gehört, damit aufgeklärte, loyale Staatsdiener daraus hervorgehen können. Und natürlich im Bereich der Verwaltung.

Ministerien, Bezirke, Beamte: alles neu seit Montgelas

Um aus dem Puzzle des neuen Bayerns einen einheitlichen, zentralisierten Staat zusammenzufügen, muss Montgelas die Verwaltung völlig neu strukturieren. Ebenso das öffentliche Finanz- und Steuerwesen und die Rechtspflege. Eine Leistung, die kaum hoch genug einzuschätzen ist, findet die Historikerin Katharina Weigand.

"Eine Verwaltungsstruktur so durchzuführen, dass auch Augsburger, Passauer, Freisinger, Nürnberger, Würzburger plötzlich alle von München aus regiert werden konnten, in einem Zeitalter ohne E-Mail, Faxgerät und Telefon: Eine solche Verwaltungsstruktur durchzuführen, das ist eine irrsinnige Leistung von Montgelas. Die uns aber weniger auffällt, als etwa: Hoppala, da hat er ein Kloster aufgelöst und das ist sogar noch abgebrochen worden, weil man für diese Gebäudlichkeiten keine Verwendung mehr hatte." Katharina Weigand, Historikerin an der LMU

Maximilian Joseph Graf von Montgelas ordnet die Ministerialbürokratie und führt die sogenannten Ressortministerien ein. Dazu, eine Ebene darunter: Bezirke nach französischem Vorbild. Zum neuen Bayern gehört auch ein modernes, leistungsfähiges Beamtentum. In der sogenannten Staatsdienerpragmatik von 1805 wird das alte System der Beamtenbesoldung abgeschafft. Die Staatsdiener müssen sich nicht mehr mit Gebühren aus dem Land über Wasser halten, sondern bekommen einen festen Sold und sogar Pensionsansprüche. Das fördert ihre Staatsloyalität.

© picture-alliance/dpa

Montgelas' Schloss in Egglkofen

Kalt abserviert

1817 wird Montgelas kalt abserviert - Ergebnis einer üblen Hofintrige und gezielter Verleumdungen, schreibt der Montgelas-Biograf Eberhard Weis. Beim bayerischen Kronprinzen Ludwig, dem Montgelas' Einfluss auf den königlichen Vater ebenso zuwider ist wie seine Frankophilie und sein nüchterner Verstand, fallen sie auf fruchtbaren Boden. Als Montgelas 1816 krank wird, verliert er sein Amt und arbeitet bis zu seinem Tod 1838 noch zwei Jahrzehnte als erfolgreicher Geschäftsmann.

An der Verfassung von 1818 - sozusagen der Version 2.0 der Konstitution von 1808 - schreibt er bis zu seinem Sturz maßgeblich. Seine grundlegenden Reformen in Staat und Verwaltung bleiben erhalten. Und sie wirken bis heute.

Die Verfassung

Die Konstitution vom 1. Mai 1808 - die erste geschriebene Verfassung Bayerns - bleibt ein Provisorium, das im wesentlichen die Montgelas'schen Reformen zusammenfasst. Auf dem Papier stehen nun also: Ein einheitliches Staatsrecht, die bürgerlichen Grundrechte wie das Recht auf Eigentum, die Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit oder die Gleichheit vor dem Gesetz. Daneben kommen neue Pflichten auf die Untertanen zu: etwa die allgemeine Steuerpflicht. Oder die allgemeine Wehrpflicht.

Von "Demokratie" ist noch nicht Rede. Dennoch sind es nicht die fortschrittlichen Köpfe, die an Montgelas' Stuhl sägen, sondern Konkurrenten und Vertreter von Adel und Kirche.