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Modellversuch: Gemeinsamer Reli-Unterricht für alle Konfessionen | BR24

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Es kommt einer Revolution im Klassenzimmer gleich: In Bayern darf der Religionsunterricht gemischt stattfinden - nicht mehr nach katholisch, evangelisch, Ethik aufgeteilt. Das soll das Infektionsrisiko verringern. Viele sehen darin eine Chance.

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Modellversuch: Gemeinsamer Reli-Unterricht für alle Konfessionen

Religiöse Revolution im Klassenzimmer: Die evangelische und katholische Kirche haben sich für Corona-Zeiten auf einen gemeinsamen Religionsunterricht geeinigt. In Nürnberg findet das Modell bereits Anwendung.

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Es ist die erste Schulstunde dieser Form für die Klasse 9E im Martin-Behaim-Gymnasium in Nürnberg. Temporär kooperativer Religionsunterricht nennt sich das Modell. Einfach gesagt: Die Schülerinnen und Schüler einer Klasse werden alle zusammen in Religion unterrichtet, egal ob sie evangelisch, katholisch, muslimisch, jüdisch sind oder keine Konfession haben. Das Ziel: Keine unnötigen Kontakte über die eigene Klasse hinaus zu Gunsten des Infektionsschutzes.

Gemeinsamer Religionsunterricht

Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, haben sich die katholische und die evangelische Kirche zusammen mit dem Kultusministerium auf einen konfessionell gemischten Religionsunterricht verständigt. Kein Muss für die Schulen, aber eine Möglichkeit. Eine, die mit viel Aufwand verbunden ist.

Bis die erste Stunde durchgeführt werden konnte, hatte Schulleiterin Gabriele Kuen Einiges zu organisieren, sagt sie: "Die Voraussetzung, um das Projekt in Gang zu setzen, war die Einwilligung aller Beteiligen: Das heißt vor allem der Kollegen, die betroffen sind, und aller Erziehungsberechtigten und da genügt eben nicht nur das Ausbleiben eines Widerspruchs." Sie erzählt: "Wir haben es auch soweit gemacht, dass wir nicht nur die volljährigen Schüler befragt haben, sondern alle Schüler."

Einige Eltern hatten Sorge

Und das war anfangs nicht ganz leicht: Einige Eltern, so erklärt Kuen, hätten Sorge gehabt, was die Benotung ihrer Kinder angeht. Viele Eltern mit muslimischem Hintergrund hatten außerdem befürchtet, dass das Modell "zu einem durch die Hintertür eingeführten gemeinsamen Werteunterricht führen soll". Ein zweites Schreiben brachte aber Aufklärung, viele Eltern hatten das auf Zeit begrenzte Modell nicht verstanden. Telefonisch klärten Kuen und die Schule die Eltern auf und bekamen das Einverständnis.

Im Unterricht geht es um Freundschaft

Doch nicht nur die Einwilligung aller war entscheidend, sagt Kuen: "Natürlich ist das kein Unterricht wie bisher, also kein fortgeführter Reli- oder Ethik-Unterricht, sondern es musste ein Konzept her, mit dem wir dieses Projekt auch inhaltlich sinnvoll umsetzen konnten."

Für die Klasse 9E steht deshalb heute das erste Thema für das neue Unterrichtsmodell an: Freundschaft. Wann und warum wird jemand zur Freundin oder zum Freund? Ein Thema, mit dem alle etwas anfangen können, ganz egal, welcher Konfession er oder sie angehört. Geschlechterrollen, Glückerleben, Formen partnerschaftlichen Zusammenlebens - diese Themen wird die 9E in der kommenden Zeit in diesem neuen Unterrichtsmodell noch behandeln.

Der konfessionell getrennte Unterricht ist im Gesetz verankert

Die Planungen für die künftigen Stunden stehen also fest. Allerdings gilt dieses Unterrichtsmodell auch nur für die Dauer der Pandemie. Denn in Bayern ist der konfessionell getrennte Religionsunterricht sogar im Gesetz und im Konkordat verankert. Für Schulleitung Kuen ist klar, dass es nach dieser Ausnahmesituation in den getrennten Religionsunterricht zurückgeht. "Ganz klar, ich befürworte den konfessionellen Unterricht aus dem Grund, weil er Vielfalt bietet. Vielfalt bedeutet ja nicht Intoleranz, sondern im Gegenteil es erzieht zu Toleranz, wenn ich weiß, was ist denn eigentlich das, was meine Religion ausmacht."

Für Kuen, selbst katholische Religionslehrerin, ist der konfessionelle Unterricht auch noch aus einem anderen Grund wichtig: Für sie sind Schulen auch Orte der religiösen Sozialisation. Sollte dieses Unterrichtsmodell aber über die Zeit der Pandemie positiv verlaufen, dann sei man an der Martin-Behaim-Schule durchaus bereit dafür, solche Formate beispielsweise als Projekte weiterzuführen.

Hans-Dieter Franke: Missverständnisse in der Umsetzung

Doch nicht überall trifft das Modell auf Akzeptanz. Man empfinde den gemischten Religionsunterricht als Corona-Instrumentalisierung und bedenklich, so ein Sprecher des Bistums Regensburg in der vergangenen Woche gegenüber dem BR. Hans-Dieter Franke, der Leiter der Hauptabteilung Schule und Religionsunterricht im Erzbistum Bamberg, ist zuständig für die Gymnasien in Nürnberg. Er spricht von Missverständnissen in der Umsetzung. Schulen hätten das Modell als Muss gesehen, doch es sei nur eine Möglichkeit für Schulen, an denen das notwendig ist.

Er führt aber auch an: "Wir haben den Eindruck, dass Religionsunterricht da ein bisschen solitär gesehen wird. Das ganze ist natürlich zu sehen in einem Gesamtkonzept der Entmischung, nur Religion alleine genügt nicht. Wenn eine Schule dieses Konzept gehen muss und will, dann muss sie schauen, dass sie in allen Bereichen entmischt, in den Sprachen und in sonstigen Zusammenhängen, wo Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Klassen zusammenkommen."

An der Schule ziehen viele ein positives Fazit

Am Behaim-Gymnasium ist die erste Stunde des neuen Unterrichtsmodells zu Ende. Viele Schülerinnen und Schüler ziehen ein positives Fazit. "Das Thema Freundschaft, das wir heute behandelt haben, ist sicherlich eine gute Möglichkeit, damit alle zufrieden sind, da hat ja jeder eine Definition", so Romy, die selbst katholisch ist. Doch man könne ja noch nicht viel sagen. Ihr Klassenkamerad Alessio fügt an: "Ich fand es gut, für mich wäre das ein Modell, dass man weiterführen könnte, nicht nur während der Corona-Zeit." Auch er ist katholisch.

Erfahren, was die anderen denken

Auch Arda, ein Neuntklässler mit muslimischem Hintergrund, hat der Unterricht gefallen. Doch an einem Punkt, da sind er und andere in der 9E sich einig, könnte es schwieriger werden: "Sobald es um eine bestimmte Religion gehen wird, also sobald wir die Religionen einzeln durchmachen, dann hat jeder eine eigene Meinung." Doch er uns seine Klassenkameraden sehen auch noch einen Vorteil: Vielen gefällt es, in diesem Fach nun zusammen zu sein und zu erfahren, was die anderen denken – zum Beispiel über Freundschaft.

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