BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Strom selbst erzeugen: Projekt für lokalen Strommarkt im Allgäu | BR24

© BR | Florian Regensburger

Privathaushalte erzeugen selbst Ökostrom und handeln diesen untereinander, etwa so, wie man Eier vom Bauern nebenan holt. Das soll den Umstieg auf erneuerbare Energien attraktiver machen. Ein Modellprojekt startet jetzt im Allgäu.

1
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Strom selbst erzeugen: Projekt für lokalen Strommarkt im Allgäu

Privathaushalte oder Geschäfte erzeugen selbst Ökostrom und handeln diesen untereinander – etwa so, wie man Eier vom Bauern nebenan holt. Das soll den Umstieg auf erneuerbare Energien attraktiver machen. Ein Modellprojekt startet jetzt im Allgäu.

1
Per Mail sharen

Am Energiecampus in Wildpoldsried, einer Art wissenschaftlichem Containerdorf voller Computer, Leitungen und Batterien, laufen buchstäblich die Drähte von "Pebbles" zusammen: dem lokalen Strommarkt mit Teilnehmern, die in ihrem Privathaushalt oder Gewerbe selbst Strom produzieren.

Strom wie Eier vom Bauern nebenan kaufen

Projektleiter Joachim Klaus von den Allgäuer Überlandwerken nennt es eine "Herausforderung", die vielen dezentralen Energieerzeuger in Bayern intelligent zu vernetzen, so dass sie ihren Sonnen- oder anderen Ökostrom untereinander austauschen – sprich: handeln – können. Das spart lange Transportwege, schafft Versorgungssicherheit und kann auch finanziell attraktiv sein, wenn man mehr erzeugt, als man verbraucht.

All das dient dem übergeordneten Ziel, den Umstieg auf erneuerbare Energien attraktiver zu machen. "Es ist eben sehr, sehr sinnvoll, die Energie auch gleich dort zu verbrauchen, wo sie produziert wird, ähnlich wie wenn man Eier vom Bauernhof nebenan holt", sagt Klaus.

Auch ein Supermarkt ist bei "Pebbles" dabei

Einfamilienhäuser, ein Supermarkt, ein kleines Blockheizkraftwerk und Batteriespeicher sind im "Pebbles"-Modellprojekt zusammengeschlossen, insgesamt sind es zehn Teilnehmer. Scheint die Sonne, kann ein Privathaushalt Solarstrom zum Beispiel an den Supermarkt abgeben, der tagsüber viel Energie verbraucht. Nachts kann dieser Privathaushalt überschüssigen Strom aus dem Batteriespeicher eines anderen Teilnehmers beziehen.

App schafft Überblick über Stromerzeugung und -verbrauch

Der zweite Bürgermeister von Wildpoldsried, Jürgen Mögele, ist mit seiner Photovoltaik-Anlage ebenfalls am "Pebbles"-Netzwerk angeschlossen. "Ich habe im Haus einen Raspberry Pi, einen Mini-Computer, der liefert die Daten meiner Anlage zu den Partnern im Projekt, also zu den Allgäuer Überlandwerken und zu Siemens", sagt er. Dort laufen die Daten aller "Pebbles"-Teilnehmer zusammen und werden – anschaulich aufbereitet - an eine App ausgeliefert.

Über ein Smartphone oder Tablet ist für jeden Teilnehmer in Echtzeit ersichtlich, wie viel die eigene Anlage gerade produziert, wie der aktuelle Hausverbrauch an Strom ist und wie viel gerade ins Netz eingespeist oder bezogen wird. Bald, sagt Mögele, will er seine Heim-Anlage noch um einen Batteriespeicher erweitern.

Blockchain soll Abrechnung sicher machen

"Pebbles" ist nicht das erste ambitionierte Projekt am Energiecampus in Wildpoldsried – entsprechend ausgefeilte Technologie kommt zum Einsatz: Der Strom wird über eine digitale Plattform auf Basis der Blockchain-Technologie abgerechnet. Diese dezentral verteilte Datenbank liegt bei jedem Teilnehmer - also im Fall von "Pebbles" bei den angeschlossenen Haushalten und Gewerben - in identischer Form vor und wird bei jeder Transaktion bei jedem Teilnehmer aktualisiert. Weil die Daten entsprechend nicht nur an einer zentralen Stelle gespeichert sind, gilt eine Blockchain Datenbank gegenüber anderen Systemen als vergleichsweise sicher vor Hackerangriffen.

"Auf diesem lokalen Energiemarkt treten viele Verbindlichkeiten auf, es gibt Vertragsverhältnisse, die eingehalten werden müssen, die nachgehalten werden müssen, da spielt schon Blockchain seine Vorteile aus", sagt Projektleiter Joachim Klaus.

Betreiber beklagen bürokratische Hürden beim Stromhandel

Auch die Hochschule Kempten und das Fraunhofer-Institut FIT sind an "Pebbles" beteiligt, das Bundeswirtschaftsministerium fördert das Projekt, das als Modell für die Zukunft gilt und zunächst bis November 2021 läuft. Die Betreiber beklagen aber noch zu hohe bürokratische Hürden für einen Einsatz in der breiten Fläche, etwa bei Genehmigungen für den Handel mit Strom durch kleine Marktteilnehmer.