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Rüdenau im Landkreis Miltenberg gilt als größtes Funkloch in Unterfranken. Nur 26 Prozent Netzabdeckung - das ist einsamer Negativrekord. Um einen möglichen Sendemasten gibt es seit Jahren Streit.

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Mobilfunk-Dilemma: Rüdenau streitet um Funkmast

In der 760-Einwohner-Gemeinde Rüdenau im Landkreis Miltenberg ist es sehr ruhig. Denn Rüdenau gilt als größtes Funkloch in Unterfranken. Nur 26 Prozent Netzabdeckung – das ist einsamer Negativrekord. Denn um den Sendemast gibt es seit Jahren Streit.

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Von
  • Frank Breitenstein

Telefonieren mit dem Handy – in Rüdenau im Landkreis Miltenberg, geht das nur an wenigen Stellen. Mobiles Internet ebenso. Deshalb wollte die Gemeinde 2019 einen Sendemast aufs Rathausdach stellen. Doch die Bevölkerung habe nicht mitgespielt, sagt Bürgermeisterin Monika Wolf-Pleßmann.

Kein Sendemast auf dem Rathausdach

Ihr Vorgänger im Amt hätte lieber die Stimmung im Ort testen wollen und eine Befragung veranlasst. Daran hätten sich rund 60 Prozent der Bürger beteiligt. Schließlich das sehr knappe Ergebnis: Mit einer Mehrheit von 30 Stimmen setzten sich die Gegner des Funkmasts durch. Und nun hat Wolf-Pleßmann, seit Mai 2020 ehrenamtliche Bürgermeisterin von Rüdenau, das Problem geerbt.

In Rathausnähe klappt es noch einigermaßen mit dem Handyempfang. Aber vollen Ausschlag sucht man auch hier vergebens. Egal welcher Anbieter, meint die Bürgermeisterin. Zwar sagen die einen, das D1-Netz funktioniere besser. Andere schwören dagegen auf D2 oder O². Das sei auch ein bisschen Glaubenssache.

Gewerbetreibende über schlechten Empfang verärgert

Klar ist nur: der Empfang in Rüdenau ist mies. Die Stimmung bei vielen Einheimischen auch. Und besonders bei den Gewerbetreibenden. Einer der wenigen, die den Mund aufmachen, ist Dieter Baumann. Er führt in fünfter Generation den Gasthof zum Stern. Sein gutbürgerliches Haus ist dank der eigenen Metzgerei einigermaßen glimpflich durch die Pandemie gekommen.

Aber der schlechte Handyempfang sei schon ein deutlicher Wettbewerbsnachteil für sein Haus. "Wir haben auch schon Kundschaft verloren, weil besonders Geschäftsleute sagen, sie müssen erreichbar sein", sagt Baumann. Doch der Empfang sei in jedem seiner Zimmer unterschiedlich gut und schwankend dazu. Außerdem schirme die Kirche gegenüber auch noch einen Teil der Funkwellen ab, die vom drei Kilometer entfernten Mast im Tal heraufkommen.

Angst vor den Strahlen

So unsichtbar wie der Mobilfunk selbst, sind auch die Bedenken dagegen. Kaum jemand traut sich, das öffentlich zu sagen. Dabei rumort es im Ort angeblich teilweise heftig. Eine erklärte Gegnerin des geplanten Mobilfunkmastes und ehemalige Gemeinderätin von Rüdenau hatte sich zu einem Interview bereit erklärt, dann aber kurzfristig doch wieder abgesagt.

Das sei in einem kleinen Ort einfach so, meint ein Insider. Hier kenne jeder jeden und dann mache alles gleich die Runde. Niemand wolle gern auf diese oder jene Linie festgelegt werden. Also winken die meisten der ohnehin wenigen Menschen, die sich mitten am Tag im Dorf aufhalten, freundlich ab, bis schließlich eine jüngere Dame bereitwillig ihre Skepsis äußert.

Ulrike Lorenz findet es eigentlich ganz sympathisch, dass man in Rüdenau nicht ständig erreichbar ist. Es gäbe ja auch noch das Festnetz. Und zum Surfen habe ohnehin jeder den Computer daheim. Sie gibt zu, dass ihr die 5G-Technik nicht ganz geheuer ist und meint gelesen zu haben, dass es auch ernsthafte wissenschaftliche Bedenken dagegen gebe. Weil das dem Körper vielleicht schaden könnte. Da nehme sie lieber den schlechteren Empfang in Kauf.

Handys können Leben retten

Bürgermeisterin Wolf-Pleßmann nimmt die Bedenken ernst, auch wenn sie diese selbst nicht teilt. Denn gerade die Lücken im Handynetz können Leib und Leben gefährden. Erst vor einem halben Jahr habe es etwas außerhalb im Wald, an einem kleinen See, einen medizinischen Notfall gegeben.

Da hätte besserer Empfang womöglich Leben retten können. Doch der Notarzt kam zu spät zum Unglücksort. Da helfen dann auch die sogenannten Rettungspunkte, die oberhalb von Rüdenau ausgeschildert sind, nicht mehr. Da steht zwar die Nummer der Rettungsleitstelle drauf - doch was nützt das, wenn das Handy nicht funktioniert?

Mobilfunk ja. Aber nicht vor meiner Tür!

Trotzdem regt sich auch gegen den jüngsten Vorstoß des Gemeinderates Widerstand. Oberhalb des Dorfes würde ein Funkmast am Waldrand zumindest optisch nicht stören. Gleichzeitig könnte von diesem Standort aus der gesamte Ort, der sich über zwei Täler erstreckt, abgedeckt werden. Allerdings stehen dort am Hang – einige hundert Meter entfernt – auch Wohnhäuser und nicht zuletzt der Kindergarten. Auch hier gibt es angeblich besorgte Eltern.

Die Bürgermeisterin hofft nun auf einen Kompromiss, der für möglichst viele akzeptabel ist, damit die Funkstille in Rüdenau bald ein Ende hat. Der Gemeinderat will sich demnächst für einen Standort entscheiden. Dort soll dann der neue Funkmast gebaut werden. Es sei denn, ein Bürgerbegehren spräche sich dagegen aus. Das wäre dann ein Jahr lang bindend. Wolf-Pleßmann nimmt auch das gelassen: "damit muss man in der Kommunalpolitik immer rechnen!"

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Bürgermeisterin Monika Wolf-Pleßmann auf der Suche nach Netz.

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