Auf dem Würzburger Marktplatz ist es oftmals deutlich wärmer als in umliegenden Stadtteilen.

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Mit natürlichen Klimaanlagen gegen Hitzestress in der Stadt

Mit natürlichen Klimaanlagen gegen Hitzestress in der Stadt

Drei Jahre lang haben Wissenschaftler das Würzburger Stadtklima untersucht. Ihre Studie zeigt jetzt: Ausreichend Grünflächen können im Sommer für kühlere Temperaturen in der Innenstadt sorgen. Doch deren Begrünung ist gar nicht so einfach.

Wenn es im Sommer heiß wird, dann ist es vor allem in Städten kaum auszuhalten. Die enge Bebauung verwandelt diese in Hitzeinseln. Sie heizen sich schnell auf und kühlen nachts kaum ab. Auch in Würzburg ist es in der Innenstadt deutlich wärmer als im Umland. Hitzetage sind hier nicht selten. Eine Studie zeigt, dass der Hitzestress jedoch verringert werden kann: Grünflächen können dafür sorgen, dass die Temperaturen deutlich sinken. Wissenschaftler der TU München und der Uni Würzburg haben an verschiedenen Messstationen in Würzburg drei Jahre lang Wetterdaten aufgezeichnet und analysiert.

Hohe Temperaturen in der Innenstadt

"Auf dem Marktplatz haben wir die höchsten Temperaturen gemessen", sagt Thomas Rötzer. Der Wissenschaftler der TU München steht auf dem vollständig gepflasterten Würzburger Marktplatz, mitten in der dichtbebauten Innenstadt. "Der Platz ist sehr hoch versiegelt. Hier ist keine Pflanze weit und breit", sagt er. An heißen Tagen sei es dort bis zu acht Grad wärmer gewesen als auf dem ehemaligen Landesgartenschau-Gelände am Würzburger Hubland, etwa fünf Kilometer von der Innenstadt entfernt. In drei Jahren lag die Temperatur auf dem Marktplatz an insgesamt 97 Tagen über 30 Grad. An neun Tagen habe es sogar extremen Hitzestress gegeben. Keinen einzigen Hitzestress-Tag gab es hingegen an den Messstellen in den Vorstädten.

Grünflächen als natürliche Klimaanlage

"Wir brauchen mehr Grün", sagt Thomas Rötzer. Bäume und Pflanzen könnten die Temperatur in Städten im Sommer deutlich senken. Selbst kleine Rasenflächen hätten schon einen kühlenden Effekt. "Pflanzen und Bäume fungieren quasi als natürliche Klimaanlage in der Stadt", sagt Christian Hartmann von der Uni Würzburg. Doch um für spürbar niedrigere Temperaturen zu sorgen, brauche es einen Grünflächen-Anteil von etwa 40 Prozent. Aktuell ist am Würzburger Marktplatz weniger als zehn Prozent der Fläche begrünt.

Stadt Würzburg setzt auf Förderprogramme

"Dass wir mehr Grünfläche brauchen, ist uns klar", sagt Philipp Mähler, Klimaschutzmanager der Stadt Würzburg im BR-Gespräch. Die Umsetzung sei jedoch nicht einfach. Bei einem neuen Stadtviertel sei das etwa besser einzuplanen als in der Innenstadt. Auf dem Marktplatz erschwere zum Beispiel die Tiefgarage darunter die Begrünung. "Wir haben nicht überall das Glück, das umfangreich neu gestalten zu können", sagt Mähler.

Deshalb setzt die Stadt Würzburg auf verschiedene Förderprogramme. Wer zum Beispiel sein Dach oder seine Fassade begrünt, erhält eine finanzielle Unterstützung. Ab dem 15. Juni soll es auch eine Förderung für Entsiegelungsmaßnahmen geben. Zusätzlich überlege die Stadt laut Mähler, was sie an öffentlichen Orten verändern kann. Gerade für kleinere Plätze gebe es bereits Ideen für eine neue Nutzung. Dabei will die Stadt auch auf die Daten der Studie zurückgreifen.

In Zukunft mehr Hitzestress-Tage

Mit Blick auf den Klimawandel betont Mohammad Rahman von der TU München, dass es wichtig sei, jetzt zu handeln. "In Zukunft wird es in den Innenstädten noch viel wärmer sein als jetzt", sagt er. Er und seine Kollegen rechnen damit, dass die Anzahl an Hitzestress-Tagen in Städten steigen wird. Darunter leiden vor allem die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen. "Ich hoffe, dass wir mit unserer Studie deutlich machen können, wie wichtig die strategische Planung von Grünflächen in Städten ist", sagt Rahman.

Bäume können sich auch negativ auswirken

Einfach nur Bäume in der Stadt pflanzen – damit sei es aber nicht getan. Denn Bäume können sich laut den Wissenschaftlern auch negativ auf das Stadtklima auswirken. "Das liegt daran, dass die Bäume die die Windgeschwindigkeit bremsen können und die Kaltluft so nicht direkt in die Stadt rein kann", sagt Thomas Rötzer. An manchen Orten würden sich daher etwa Rasenflächen besser eignen. Die Wissenschaftlerin Eleonora Franceschi von der TU München hofft deshalb, dass Grünflächen mithilfe der Studie sinnvoll angelegt werden. Um das zu garantieren, arbeitet das Forschungs-Team nicht nur mit der Stadt Würzburg zusammen, sondern auch mit Landschaftsarchitekten.

Städtische Wetterdaten über drei Jahre

Im Rahmen des Projekts "Klimaerlebnis Würzburg" haben die Wissenschaftler der TU München und der Uni Würzburg das Stadtklima in Würzburg mehrere Jahre lang analysiert. Dafür wurden sieben Messstationen in Würzburg und in der angrenzenden Gemeinde Gerbrunn eingerichtet. Von 2018 bis 2020 haben die Forscher Wetterdaten wie Lufttemperatur und Niederschlagsmenge aufgezeichnet. Außerdem haben sie die Leistungen der Bäume an den jeweiligen Standorten gemessen, um Fragen zu beantworten wie: Wie viel Schatten spenden sie? Wie sehr kühlen sie die Luft in ihrer Umgebung ab? Wie viel CO2 speichern sie?

Die Erkenntnisse aus der Studie seien laut den Wissenschaftlern auch auf andere Städte übertragbar. Die Messstationen sollen auch nach Abschluss der wissenschaftlichen Untersuchungen weiterhin genutzt werden. Ende des Jahres werden sie an die Stadt Würzburg übergeben.

Hitzestress kann lebensgefährlich sein

Hitzewellen im Sommer sind in Deutschland längst keine Seltenheit mehr. Vor allem Stadt-Bewohner leiden an heißen Tagen unter Hitzestress. Das kann sogar lebensgefährlich sein. Wie viele Menschenleben die Hitze jedes Jahr fordert, lässt sich nur vermuten. Das Robert Koch-Institut schätzt, dass jedes Jahr hunderte bis tausende Menschen in Deutschland aufgrund von Hitze sterben. Im Hitzejahr 2003 könnten es mehr als 7.000 Hitze-Tote gewesen sein, im Jahr 2015 mehr als 6.000.

Messstation auf dem Landesgartenschau-Gelände am Würzburger Hubland.

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