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Missbrauchsopfer zehn Jahre später: Geändert hat sich kaum etwas | BR24

© BR/ Christian Wölfel

Vor zehn Jahren wurde der massenhafte sexuelle Missbrauch in der katholischen Kirche öffentlich.

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    Missbrauchsopfer zehn Jahre später: Geändert hat sich kaum etwas

    Der sexuelle Missbrauch in der katholischen Kirche wurde vor zehn Jahren publik. Viele Opfer haben ihre Geschichten öffentlich gemacht, so auch Schauspieler Kai Christian Moritz. Doch ein wirkliches Umdenken der Verantwortlichen sehen sie nicht.

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    Der systematische Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester wurde vor zehn Jahren öffentlich bekannt.

    Nur allmählich werden die Ausmaße bekannt

    Der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg in Berlin rückt im Januar 2010 erstmals ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Auslöser ist ein Schreiben des damaligen Rektors an hunderte ehemalige Schüler. Es löst eine Aufklärungswelle über Missbrauch an Schülern in den 1970ern und 1980ern aus. Schritt für Schritt trauen sich immer mehr Betroffene in ganz Deutschland, über den erlittenen sexuellen Missbrauch durch Geistliche, Priester und Ordensleute zu sprechen und fordern Aufklärung und Aufarbeitung. In Bayern ziehen beispielsweise der Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen und im Internet das Kloster Ettal viel Aufmerksamkeit auf sich.

    Bis heute wurde keine einzige Anklage erhoben

    Zu den Missbrauchsopfern gehört auch der Schauspieler Kai Christian Moritz aus Würzburg. Er hat im Dezember 2018 erstmals auf einer Veranstaltung des Bistums Würzburg seine Geschichte erzählt und über den Missbrauch gesprochen. Zehn Jahre nachdem der Skandal öffentlich wurde und eineinhalb Jahre nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der katholische Kirche ist klar: In Bayern wurde in keinem einzigen Fall Anklage erhoben.

    Bistum Limburg: Personalchef riet von Anzeige ab

    Auch der Fall von Kai Christian Moritz ist mittlerweile verjährt. Der Täter: sein Pflegevater, ein katholischer Pfarrer im Bistum Limburg. Er nimmt Moritz als Zehnjährigen auf, nachdem seine Mutter gestorben war, und missbraucht ihn. Erst als Student fasst Moritz den Mut, den Missbrauch durch den Pfarrer und Pflegevater dem Bistum Limburg zu melden. Der damalige Personalchef des Bistums rät ihm aber von einer Anzeige ab, erinnert sich Kai Christian Moritz. Die Begründung: "Sie wollen sich doch nicht der Belastung eines Prozesses aussetzen, dann müssen Sie alles nochmal erzählen", erinnert sich Moritz an die Reaktion des Personalchefs. Damals wäre der Fall noch nicht verjährt gewesen.

    "Sie leuchten in die Betten der Menschen hinein, um Kontrolle auszuüben"

    Für den Schauspieler ist heute eindeutig: Der Missbrauch wurde vertuscht. Der damalige Personalchef rechtfertigt sich später öffentlich. Die Schilderungen von Moritz hätten für ihn damals nicht ausgereicht, um zu handeln, erinnert sich Kai Christian Moritz an das Schreiben. Das sei schlicht und ergreifend gelogen, ist er sich sicher. Den aktuellen Untersuchungsbericht des Bistums Limburg, eine finanzielle Anerkennung von 7.000 Euro und Gespräche mit dem zuständigen Bischof Georg Bätzing – all das wertet er als Fortschritt.

    Trotzdem findet Moritz, dass zehn Jahre nach dem Skandal die entscheidenden Veränderungen ausbleiben. Die Kirche sehe etwa Homosexualität immer noch als Sünde und Frauen dürften immer noch nicht Priester werden, kritisiert der Schauspieler. "Es gibt kein wirkliches Selbsthinterfragen: Sie leuchten in die Betten der Menschen hinein, um Kontrolle auszuüben. Sie selbst blicken aber nicht in ihre dunklen Ecken", sagt Kai Christian Moritz. Er will seine Geschichte weiterhin erzählen, um den vielen Missbrauchten eine Stimme zu geben.

    © BR/ Christian Wölfel

    Der Schauspieler Kai Christian Moritz wurde als Kind von seinem Pflegevater, einem katholischen Pfarrer im Bistum Limburg missbraucht.

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