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Nach knapp einem Jahr Ermittlung im Missbrauchsfall in einem Gunzenhausener Yachtclub ist die Akte nun geschlossen. Über 1.400 Fälle sexuellen Missbrauchs bleiben ungesühnt.

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Missbrauch in Wassersportverein: Ermittlungen abgeschlossen

Ein ehemaliger Jugendleiter eines Wassersportvereins in Gunzenhausen soll über Jahrzehnte Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Die Ermittlungen – auch gegen den Ex-Vorsitzenden des Yachtclubs – sind nun vollständig abgeschlossen.

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Von
  • Markus Balek

Kalle G. aus Nürnberg war fast 30 Jahre als Jugendleiter eines Yacht- und Segelclubs in Gunzenhausen tätig. In dieser Zeit soll er mehrfach Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Kurz nach seiner Festnahme im Mai 2020 nahm sich der damals 56-Jährige das Leben in der Ansbacher Justizvollzuganstalt. Auch gegen den ehemaligen Vorsitzenden des Segelvereins wurde wegen einer möglichen Verletzung seiner Fürsorgepflicht ermittelt.

Ehemaliger Vereinsvorstand wusste wohl von nichts

Die Ermittlungen der Staatsanwalt sollten die Frage klären: Wusste der ehemalige Vorsitzende von den Missbrauchsfällen in seinem Verein?

Am Ende gab es keine ausreichenden Beweise, dass er seiner Fürsorgepflicht als Verantwortlicher des Yachtclubs nicht nachgekommen sei, so der Ansbacher Oberstaatsanwalt Michael Schrotberger im BR-Interview. Hätte dem Verantwortlichen gegenüber jemand konkret den Verdacht des sexuellen Missbrauchs geäußert, dann hätte der Vorsitzende handeln und reagieren müssen.

"Wir gehen davon aus, dass der ehemalige Vorsitzende nichts von den Taten wusste." Michael Schrotberger, Oberstaatsanwalt Ansbach

Über 100 Opfer – rund 1.400 Einzeltaten

Insgesamt hätten sich im Laufe des Verfahrens über 100 Opfer gemeldet, 57 davon wären auch bei ihren Anzeigen gegen den ehemaligen Jugendleiter des Yachtclubs Kalle G. geblieben. Hochgerechnet auf einen Zeitraum von 26 Jahren, gehe man von 1.300 Einzeltaten aus, so Kriminaldirektor Dieter Hegwein, Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Ansbach. Oberstaatsanwalt Michael Schrotberger von der Staatsanwaltschaft Ansbach sprach am Dienstag, 30. März sogar von 1.400 Fällen in den 26 Jahren.

In dieser Zeit soll Kalle G. ihm anvertraute männliche Kinder und Jugendliche zwischen neun und 18 Jahren sexuell missbraucht haben. 46 Zeugen, die nicht als Opfer gelten, sondern dem näheren Umfeld des Vereins oder den Opfern zuzuordnen sind, wurden angehört. Staatsanwaltschaft und Polizei gehen davon aus, den Großteil der Opfer ausfindig gemacht zu haben.

"Viele Geschädigte nannten uns weitere mögliche Opfer. So konnten wir einen Großteil der Opfer von damals bis heute ermitteln." Kriminaldirektor Dieter Hegwein, Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Ansbach

Ermittlungen seit Mai 2020

Die Ermittlungen hatten vergangenes Jahr im Mai durch die Anzeige eines Opfers begonnen. Insgesamt wurden innerhalb kürzester Zeit zwei weitere Opfer ausfindig gemacht, die ebenfalls Anzeige erstatteten. Im Zuge der Ermittlungen wurden Schriftstücke und Schriftverkehr als Beweisstücke sichergestellt. Aus diesen war laut den Ermittlern ersichtlich, dass Jugendleiter Kalle G. Kindern und Jugendlichen beispielsweise Geldgeschenke versprach, wenn sie schwiegen. Viele Opfer seien auch nach Jahren nicht bereit gewesen, über die Taten zu sprechen oder Kalle G. zu belasten, sagt Kriminaldirektor Dieter Hegwein.

"Das mussten wir akzeptieren. Viele Geschädigte haben die Erlebnisse der vergangenen Jahre sehr unterschiedlich, manche schwer verarbeitet." Dieter Hegwein, Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Ansbach.

Vereinsräumlichkeiten genutzt

Laut den damaligen Ermittlungen soll Jugendleiter Kalle G. vor allem die Lokalitäten des eigenen Wassersportvereins genutzt haben, um sich an den Kindern und Jugendlichen zu vergehen. So soll es in den vereinsinternen Räumlichkeiten in Gunzenhausen zum Beispiel bei Freizeitübernachtungen oder bei Segeltörns nach Kroatien zu sexuellen Handlungen gekommen sein. Teilweise seien Jugendliche auch zu Kalle G. nach Hause oder auf sein eigenes Segelboot eingeladen worden.

Geschädigte schwiegen jahrelang

Doch wie war es möglich, dass über Jahre kein Verdacht geschöpft wurde oder sich auch später keines der Opfer an die Öffentlichkeit wagte?

Regierungsdirektor Markus Hoga der Operativen Fallanalyse Bayern erklärt, dass Kalle G. die Kinder immer wieder beschenkt habe und Kinder, die schwiegen und die Handlungen über sich ergehen ließen, bevorzugt behandelt hätte. So hätte er durch Geld- und materielle Geschenke das Schweigen der Kinder und Jugendlichen erkauft. Aber auch Versprechen auf besondere Ausflüge mit dem Segelboot oder Bevorzugungen in der Gruppe hätten für Vertrauen bei den Opfern gesorgt.

Dazu habe sich der Täter bewusst eine Opfergruppe ausgesucht, über die er möglichst lange die Kontrolle behalten konnte, so Hoga weiter.

"Kinder und Jugendliche sind orientierungssuchend und wollen sich nicht in der Außenseiterrolle wiederfinden. Das hat er ausgenutzt, um durch Belohnung eine Zugehörigkeit und Abhängigkeit zu schaffen. So sprachen die Opfer nicht untereinander und gingen nicht an die Öffentlichkeit." Regierungsdirektor Markus Hoga, Operative Fallanalyse Bayern

Körperliche Gewalt wurde laut den Ermittlungen nicht angewandt, bestätigte Oberstaatsanwalt Michael Schrotberger im BR-Interview.

Neue Ermittlungen bei erneuter Beweislage

Die Ermittlungen seitens der Staatsanwaltschaft sind abgeschlossen. Kalle G. kann nach seinem Suizid nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden und auch dem ehemaligen Vorsitzenden des Vereins sei kein juristisches Fehlverhalten nachzuweisen. Sollten sich allerdings weitere Opfer melden oder bekannt werden, dass es im Verein doch Mitwisser gegeben hatte, würden neue Ermittlungen aufgenommen werden, so der Ansbacher Oberstaatsanwalt Michael Schrotberger.

Prävention in Vereinen essentiell

Sowohl die Staatsanwaltschaft, die Kriminalpolizei als auch die Fallanalyse Bayern erklärten, dass die Vorsorge und Aufklärung in Vereinen essentiell sei. Kindern und Jugendlichen müsse klargemacht werden, dass sie Stopp und Nein sagen dürften. Auch habe dieser Fall gezeigt, dass gerade Kindern und Jugendlichen die Angst genommen werden müsse, mit vermeintlichen Tabuthemen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Sexualstraftäter würden bewusst Kontakt in der Kinder- und Jugendarbeit suchen. Noch dazu nutzten sie leitende Funktionen in Vereinen, um die Kontrolle über die Kinder zu haben. Präventionsmodelle, die Vereinen bereits global angeboten würden, müssten seitens der Klubs angenommen werden, so der Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Ansbach Dieter Hegwein.

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