BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Missbrauch: Evangelische Kirche fragt nach dem Warum | BR24

© BR

Welche Faktoren haben Missbrauch und sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche begünstigt? Das lässt die Evangelische Kirche in Deutschland in einer Studie erforschen. Auch die bayerische Landeskirche wird sich daran beteiligen.

20
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Missbrauch: Evangelische Kirche fragt nach dem Warum

Welche Faktoren haben Missbrauch und sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche begünstigt? Das lässt die Evangelische Kirche in Deutschland in einer Studie erforschen. Auch die bayerische Landeskirche wird sich daran beteiligen.

20
Per Mail sharen

Die evangelische Landeskirche in Bayern will sich an der bundesweiten Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland beteiligen, die ab Herbst startet. Eine von der Kirche unabhängige Expertenkommission soll erforschen, welche Strukturen den Missbrauch in evangelischen Einrichtungen begünstigten. Daraus soll ein umfassendes Präventionskonzept erarbeitet werden.

In den wenigsten Fällen waren Pfarrer die Täter

Für Bayern lässt sich anhand der bisher bekannten Missbrauchsfälle innerhalb der evangelischen Landeskirche bereits feststellen: Rund zwei Drittel der 48 Betroffenen, die ein Verfahren angestrengt haben, waren Heimkinder. Die meisten Fälle liegen über 30, 40 Jahre zurück. In den wenigsten waren Pfarrer die Täter.

Bundesweit sind 770 Fälle sexualisierter Gewalt innerhalb der evangelischen Kirche bekannt. Die tatsächliche Zahl dürfte auch in Bayern höher sein, sagt Nikolaus Blum, Leiter des evangelischen Landeskirchenamts in München. Den Betroffenen sei es teils sehr schwer gemacht worden, die Fälle überhaupt zu Gehör zu bringen.

"Da ist es teilweise erschreckend, was heute noch passiert, wenn Betroffene oder auch Eltern von Betroffenen auf bestimmte Umstände hinweisen wollen und da gegen die Wand laufen." Nikolaus Blum

Missbrauch: Viele Betroffene sind alt und traumatisiert

Deshalb sollen Opfer in einem Betroffenenbeirat an der Aufarbeitung mitwirken. Ein entsprechendes Gremium wird in diesen Tagen gewählt. Einer der Kandidaten ist Detlev Zander. Der 57-Jährige aus Plattling im Landkreis Deggendorf war als Kind in den 60er- und 70er-Jahren selbst Opfer von Misshandlungen und Vergewaltigungen in einem Kinderheim der evangelischen Diakonie im württembergischen Korntal.

Heute, sagt er, habe er dank psychologischer Hilfe gelernt, mit seinen Erfahrungen zu leben. Doch sich diese Hilfe zu holen – dazu seien viele Betroffene nach wie vor nicht in der Lage. Viele Betroffene würden in prekären Verhältnissen leben, sagt Zander. Sie seien alt und schwer traumatisiert. "Die haben Angst, dass sie wieder in ein Pflegeheim kommen und dann wieder retraumatisiert werden und so weiter."

Evangelische Kirche richtet Anlaufstelle für Missbrauchsopfer ein

Viele Opfer trauen sich daher nicht über ihr Schicksal zu berichten. Das soll sich ändern. Die Evangelische Kirche will darüber sprechen. Bereits umgesetzt wurde die Einrichtung einer von der Kirche unabhängigen Anlaufstelle für Betroffene. Von denen allerdings kommt Kritik: Denn Betroffene, die dort angerufen hätten, seien wieder an ihre Gliedkirchen zurückverwiesen worden. "Sie wurden wieder zu ihren Täterorganisationen zurückgeschickt, und das ist kontraproduktiv", so Zander.

Was Detlev Zander fordert, ist eine zentrale unabhängige Anlaufstelle, bei der Betroffene nicht nur Missbrauchsfälle anzeigen können. Hier sollte ihnen auch psychologische Beratung angeboten werden, außerdem bräuchten sie Hilfe beim Beantragen von Unterstützungszahlungen. Die evangelische Landeskirche in Bayern hat bereits in über 40 Fällen "Unterstützungsleistungen an Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs in Anerkennung ihres Leids" gezahlt - von Summen im vierstelligen Bereich bis zu 50.000 Euro. Die Höhe der Zahlungen soll künftig deutschlandweit von Fall zu Fall ausgehandelt werden. Zander begrüßt das:

"Es gibt einen Unterschied, ob ein Mensch über zehn Jahre lang täglich geschlagen wurde, immer wieder vergewaltigt wurde und auch religiöse Gewalt erfahren hat. Da muss man die individuellen Biographien betrachten." Detlev Zander

Studie soll klären, ob es strukturelle Mängel gibt

Die geplante Studie soll außerdem Licht ins Dunkel bringen: "Das muss man sich so vorstellen, dass sechs, sieben interdisziplinär ausgerichtete Universitätsinstitute diese Frage des Missbrauchs und vor allem der sexualisierten Gewalt in den Landeskirchen unter die Lupe nehmen", erklärt Nikolaus Blum vom Landeskirchenamt.

Die Studie solle beispielsweise klären, ob es bestimmte organisatorische und strukturelle Rahmenbedingungen innerhalb der evangelischen Kirche gebe, die Fälle von sexualisierter Gewalt förderten oder dazu führten, dass diese nicht aufgedeckt würden, so Blum.

Lange schien es, als ob die Verantwortlichen in der evangelischen Kirche den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen und Schutzbefohlenen als eher katholisches Phänomen wahrnehmen. Das hat sich geändert. Auch, weil Betroffene wie Detlef Zander beharrlich ihre Kirche an die eigene Missbrauchsgeschichte erinnern.

© BR

Detlev Zander aus Plattling ist als Kind in einer evangelischen Gemeinschaft schwer missbraucht worden. Seit acht Jahren kämpft er nicht nur für sich für Aufklärung, Anerkennung und Entschädigung.

Der Newsletter von BR Religion bringt Ihnen jeden Freitag die neuesten Nachrichten, Themen und Sendungen aus der Fachredaktion Religion und Orientierung in Ihre Mailbox. Hier geht’s zur Anmeldung!